1833_Laube_131_176.txt

dito Stühle fanden sich vor, auch ein kleiner Tisch mit Waschbecken und dergleichen. Ich rümpfte ein wenig die Nase, dass mein Gemach schmal und lang statt viereckig sei, dass man aufs Sofa steigen müsse, um zu dem vergitterten Fenster zu kommen und in den Hof hinabzusehen. Indessen, die Eindrükke waren sehr flüchtig; zu Anfange denkt man auch, das werde nicht lange dauern, man ist noch zerstreuend mit der letzten Aussenwelt beschäftigt. Die Gefängnisentbehrungen traten mir auch noch milde vor die Augen; im feld hatte ich mir das leidige Tabakrauchen wieder angewöhnt, man gab mir Feuerzeug und Pfeife, ich hatte eine volle Börse in der tasche, es wurde nicht danach gefragt, kurz: es war nichts grell aufstörendes Gefängliches da. Am andern Tage ward ich verhört; der Inquirent war ein sehr artiger Mann, welcher sich teilnehmend nach den kleinen Lebensbedürfnissen erkundigte, mir seine Bibliotek anbot und die lebhafte Hoffnung bestätigte, dass mein Arrest wohl nicht lange dauern würde. Die aufgeregte Zeit mache grössere Strenge und Sorgfalt nötig, man wisse, dass ich revolutionäre Grundsätze gehegt und mich dafür bewaffnet habe, um mich der polnischen Revolution anzuschliessen. Das leugnete ich nicht, setzte aber hinzu, dass die polnische Sache einmal für eine historisch rechtmässige gelte, und dass ich ferner nirgends eine heilsamere Lehre gefunden hätte, als just in Warschau. Auf das erste entgegnete er höflich: "Sie sind ein wissenschaftlich gebildeter Mann und werden leicht einsehen, dass der bestehende Staat nicht auf alle historische Rückforderung eingehen kann, ohne stete Unruhe und die beliebigste Rechtsänderung zu gestatten; Sie wissen, wie die geschichte vorrückt und sich gestaltet, niemals alten Besitz respektierend: wo kämen wir hin, wenn alle solche Rekriminationen gestattet würden, wenn z.B. der Elsass von Deutschland zurückbegehrt, die römisch-deutsche Kaisergewalt von Österreich angesprochen würde? Dass Sie zweitens das Missliche der Revolution kennen gelernt, glaube ich wohl, aber Sie sehen ein, dass solche Versicherung jetzt, wo Sie im Gefängnisse deshalb sind, nicht von grossem Belange ist. Sie haben mit Ihren Freunden durch Wort und Schrift die Revolution direkt propagiert, Sie haben selbst an der einen mit den Waffen in der Hand teilgenommen, welche gegen die gesetzlich bestehenden Traktate Europas gerichtet war; das werden Sie zugestehen, und Sie müssen sich's nun gefallen lassen, dass man sich Ihrer person versichert, dass man die Gleichgesinnten von Ihnen zu erfahren sucht, von Ihrer bekannten Lebenstätigkeit auf unbekannte schliesst und deren mächtig zu werden trachtet." So kam's in gang, was man eine Untersuchung nennt; wie human dieser Mann gegen mich war, habe ich später mit grosser Betrübnis eingesehen, mit Betrübnis darüber, dass ich ihn nicht behielt. Den zweiten Tag war mir schon unruhiger im Gefängnisse zumute. Die erste Illusion, dass es in ein paar Stunden vorüber sein könne, war vorüber; mit der Gegenwart fiel nun auch die unsichere Zukunft lastend auf mich, mein eigenes Interesse erschien mir so bedroht, dass mir die Interessen der Bücher, welche mir der gütige Inquirent geliehen hatte, fremd und künstlich gemacht vorkamen, ich hatte keine Ruhe zur Lektüre. Ich erinnere mich, dass mir eine einzige Stelle von vielem Gelesenen einen Eindruck machte, die stand in "Deppings Erinnerungen aus Paris"; er schildert einen glücklichen Menschen und sagt: zum Zeichen, dass er wirklich Glück hatte, wurde er auch von einem tüchtigen Unglücke betroffen. Diese Stelle war mir ein wirklicher Trost; die Dichter, welche er mir mitschickte, wollten wenig helfen, merkwürdigerweise auch Shakespeare nicht: seine Dinge fielen alle in eine tobendere, willkürlicher wechselnde Zeit, als dass eine Vergleichung gepasst hätte, seine Gedanken überstürzen sich in ihrem Reichtume so, dass sie mir deshalb weniger wahr und notwendig vorkommen. Er schüttet sie, dachte ich, aus einem Füllhorn des Genies, unüberlegt, ungepflegt und ungeprüft, er weiss selbst nicht, ob sie immer wahr sind. Und es tröstet nur, was der Tröstende selbst glaubt, und wenn wir sehen, dass sich das Wort des Schreibenden wirklich bewährt hat. Deshalb vielleicht war mir Goete allein von Erquikkung: da war nichts Überspanntes, Übertriebenes, nur das Zuverlässige war einfach gesagt, das Verlangen an die Welt war immer gemessendiese Lektüre allein gab mir Ruhe. – Und was glaubte ich damals zu leiden, wenn ich nichts anzufangen wusste, als zu lesen, einmal ans Fenster zu klettern, in den leeren Hof hinabzusehen, wo eintönig die Schildwache auf und nieder schritt, und dann wieder zu lesen! Man wird so wüst davon, man schlingt am Ende ohne Unterscheidung alles hinunter, nichts ist mehr frisch, nichts lockt, – ach, und wie sehnsüchtig hab' ich später jene Zeit wieder herbeigewünscht! Gefängnisse, welche dem meinigen gegenüber, hatten Blechkasten vor den Fensterchen und sahen wie trostlos erblindet aus; wenn ich mitunter hinter ihnen sprechen, gar lachen hörte, so berührte es mich immer unheimlich. Mein freundlicher Wärter erwiderte mir auf Befragen achselzuckend, dort sässen schwere Verbrecher. Ich schauerte, es überlief mich mit Grausen, so durch ein Verbrechen vom Tageslichte abgeschlossen zu sein. Lieber Gott, jetzt sitze ich schon seit vielen Monaten hinter solcher Blende, und doch bin ich noch derselbe, nur schwächer, doch lebe ich auch weiter, und das moralische Moment dieser Dämmerung kümmert mich nicht mehr; der Mensch lernt alles, auch die Verbrechermaske tragen, und am Ende hält er sie für sein wirkliches Gesicht.