den unbeschäftigten Gedanken oder starr sich wie das Tier der Wüste in den Winkel hockt.
Könnt' ich Dir nur folgerecht erzählen, das würde mir nützlich sein; es drängt und bäumt sich von Gedanken alles so durcheinander, dass ich nicht weiss, wonach ich greifen soll, und ich zittere, dass man meinen Bleistift oder die beschriebenen Papierstückchen entdeckt und ich wieder in die alte Wüste geworfen werde. Wenn die Wache auf dem Korridore einen unregelmässigen Schritt macht, so fahre ich zusammen, ich denke, man sieht es meiner tasche an, dass verbotenes Papier darin steckt, und es treibt mich ein halber Wahnsinn, dem Wärter zu sagen, wenn er mich ansieht, unaufgefordert zu sagen: "Denken Sie nicht etwa, dass ich hier rechts in der tasche Papierstückchen und einen Bleistift habe!" – So nerven- und geistesschwach wird man; man weiss es noch eine Zeitlang, man sieht sich bei lebendigem leib sterben. Ich denke an alle die heruntergekommenen Leute meiner Bekanntschaft, es fiel eins nach dem andern von ihnen ab, der Besitz, der Umgang, die Kleidung, sie wollten doch noch auf Augenblicke leben, sie tranken oder sie stahlen gar und taten noch Schlimmeres und endeten kläglich, und die Welt höhnte darüber und verdammte sie rücksichtslos. Ich tat es nie, und jetzt im Elende fühle ich, wie nahe beieinander die guten und die schlechten Taten ruhen, so nahe wie die glücklichen und unglücklichen Geschicke; ein kleiner Mangel führt zum nächsten grossen, man greift nach der nächsten Rettung, Geist und Nerve wird schwach und verwirrt, Wahl hört völlig auf, der Zufall weiss, was daraus werden mag, und die Menschen verurteilen! – Ach, mein Raum ist wieder aus, ich bin wieder wer weiss wohin geraten. – Mit peinlicher Mühe habe ich mir tagelang vorgesagt, was ich damals noch dazu schreiben wollte, als der Papierfetzen zu Ende war, und ich habe lange keinen erreichen können; solch ein halb übrig bleibender Gedanke quält und martert, er will entweichen, weil er nur ein Halbes ist, mein Gedächtnis wird ohnedies täglich schwächer. Es war dies: in einiger Entfernung von meinem Kerker höre ich zuweilen Ketten rasseln, ich denke, es mag ein Bösewicht sein, und ich fühl's an meiner Schwäche, dass ich ja auch gar nicht sicher bin, ein solcher zu werden. O, was ist der Mensch! – Und zu einem Erzählen komme ich immer nicht, und mein Klagen darüber füllt den spärlichen Papierraum nutzlos. Nun, ich will meine gefangenen Ideen noch spezieller einzufangen suchen für die Darstellung, diese notwendige Ordnung wird mir doch ein Geschäft sein und als solches, ach, wie willkommen! Heute habe ich nur ein Papierstreifchen, das ums Licht gewickelt war, und muss schliessen.
Triumph! Der Wärter hat mir ein altes, schlechtes Buch geliehen, darin ist vom Okulieren der Bäume, von Vertreibung der Hühnerwurzeln, vom Gelbmachen der Butter und solchen Dingen die Rede; aber es ist etwas Lesbares, etwas ausser mir, was zu Hilfe kommt, ich habe einen Trost, eine Hoffnung, wenn mir die Gedanken ausgehen; ich klettere dann hinauf zu dem kleinen Fensterchen, welches durch Eisenstäbe und eine Blechblende von der Aussenwelt abscheidet und nur ein schmales Stückchen Himmel oben hereinlässt, dort lese ich über das Buttermachen, und lese jede Zeile zweimal, dreimal, um recht lange Zeit über dem buch hinzubringen. Wie berauschend scheint mir der Traum, solch ein Gartenknecht werden zu können, der graben und hacken darf in Gottes freier natur, und wie wollt' ich mich bei der Wirtin beliebt machen mit den geheimnisvollen Kenntnissen, die ich aus der vergilbten Scharteke erlerne! Und nun der grosse Gewinn: hinten und vorne in dem buch sind zwei eingebundene schmutzige Papierblätter, die werde ich stehlen, und aus der Mitte werde ich manches lose Druckblatt herausziehen, um über den Druck hinwegzuschreiben; wenn es sich später schwer lesen lässt, so habe ich ein neues Geschäft des Entzifferns, ich bin jetzt sehr reich, lieber Himmel! Eher darf ich's aber nicht tun, als bis ich das Buch zurückgegeben und nach mehreren Tagen erkannt habe, dass der Wärter nichts vermisst. Es kommen also wieder einige schlimme Fasttage.
Es ist gelungen, und nun will ich erzählen, aber nur vom Momente der Gefangenschaft an; das Vorhergehende hat seine grossen Umrisse mit der äusseren Welt gemein, das vergesse ich nicht, aber die kleinen Schattierungen zwischen vier Wänden entgehen mir; sie möchte ich festalten. Ich fühle es, je länger diese Einförmigkeit dauert, desto ausdrucksloser wird sie mir, ich gewöhne mich und verliere in der Auffassung das Unterscheidende. Ach, und ein Ende ist nicht abzusehen, in der jetzigen Form kann es jahrelang dauern, braucht gar nicht aufzuhören. O! kein Mensch hört und sieht diesen Seufzer, erfährt's, welch ein entsetzlicher Schmerzesabgrund dahinter liegt. Also: durch viele Höfe und Gänge, mehrere Treppen aufwärts, ward ich in ein kleines Gemach geführt, die Tür ward hinter mir zugeschlossen, ich bemerkte noch anfangs nichts, ich ward noch von den wahrhaft lebendigen Gedanken der letzten Verhältnisse bewegt, ich ging stundenlang im Zimmerchen umher, bis ich müde war. Da bot sich zum Ruhen ein kleines schwarzes Kanapee, das zwar zu kurz war, um sich darauf auszustrecken, das doch aber durch sein Dasein harte Kerkergedanken nicht aufkommen liess; gegenüber stand ein roter, ordinärer Tisch, ein Bett und zwei