ich glaube, es ist das erste gewesen, wovor ich in meinem Leben wirklich erschrocken bin. Die unglücklichen Worte Margaritas mochten ihr eine geschichte erzählt haben. – "Mann," schrie sie mir entgegen und streckte die arme nach mir aus, wie eine Furie, die mich zerfleischen wollte, "Mann, du bringst den Greuel über unsere Familie!" – Herr van Waelen eilte, die Schnupftabakdose in der Hand, zwischen uns, sie schleuderte ihn zur Seite und ich entwich.
Ich bin zum ersten Male entflohen, aber vor einem tollen weib. Zufällig, weil die Wogen just hierher trieben, bin ich wieder nach Paris gekommen; hier fand ich Leopold, der sich aus der umgestürzten Kutsche hierher bewegt und hier lustig gelebt hatte. Ach, ist das eine Welt, die es einem so schwer macht, lustig zu leben!
3. Valerius an Hippolyt.
Gott weiss, ob Du jemals diese Zeilen erhältst, Gott weiss, ob Du sie lesen kannst! Ich kritzle sie mit einem Bleistifte auf kleine Papierstückchen, die ich durch den Zufall mitunter bekomme und die zum Teile ganz schmutzig sind – ich bin im Gefängnisse, und dass ich endlich soviel erreicht habe, heimlich des Tages einige Zeilen aufzuschreiben, ist ein überschwenglicher Vorteil. Lange Wochen, lange mond sind ohne ihn vorübergezogen, langsam, langsam, ach wie bleiche, ausgehungerte Wesen, Freund, wie habe ich gelitten, wie leide ich! Was hätte ich darum gegeben, tages nur einen kleinen Gedanken aufschreiben zu dürfen, der sich aus der Gedankenqual, die sich unerlöst, furienartig in dem Verstossenen herumzauset, allen übrigen vordrängt. Wenn man nichts loswerden kann aus dem Inneren, dann steht sich Geist und Gedächtnis ab wie wasser, das nicht bewegt wird, entweder das Gesetz und die Ordnung hören auf, und der regellose Wahnsinn erlöst, oder man verfällt in eine dumpfe Schwäche, welche der kleinsten Geistesoperation nicht mehr gewachsen ist. – Das Blatt war zu Ende, und ich habe lange kein neues ergattern können; heute war an einem Eierkuchen, den ich zum Mittagessen erhielt, ein Stückchen Papier angebacken, das benutze ich trotz seiner Fettigkeit. Ich fühle es, wie aus weiter Ferne, es wäre mir viel wohltätiger, wenn ich Dir in einer gewissen Ordnung erzählte, aber die Kraft dazu gebricht; in gezwungenem Nichtstun, in dem ewigen machtlosen Denken, auf welches ich angewiesen war, ist all solche Strenge der Darstellung verloren gegangen, ich tappe und greife bald hierhin, greife bald dahin. Niemals kann ich schildern, was ich gelitten und leide: diese schweren Innerlichkeiten sehen so unbedeutend aus, wenn ich sie mit einem Worte bekleide, jedes Wort ist schon zu kurz, zu frivol dafür, sie sind viel zarter als Worte; vielleicht könnte sie nur Musik wiedergeben, jedenfalls wird nur Liebe sie ahnen und verstehen. Und dann: die Bezeichnung verschwindet mir unter den Händen, weil mein Gedächtnis die Spannkraft verliert und die Einförmigkeit doch immer wieder neue Nuancen des Schmerzes entwickelt, und man nun bestrebt ist, dies alles zusammenzudrängen; könnte man's, die ganze Menschheit müsste von einem elektrischen Schlage des Wehs betroffen werden; es gibt unbeschreiblich Leid in der Welt, das Gefängnis ist ein solches. Ach, das Papier ist aus, ich sehe kaum, was ich geschrieben, und die Freude war so kurz!
Es ist doch schon ein Zweck, für den ich jetzt lebe, seit ich das kleine, kleine, ach so vortreffliche Stückchen Bleistift gefunden in einer kleinen Uhrtasche der Beinkleider, die ich niemals benutzt oder beachtet hatte. Es ist doch ein Geschäft, wenn auch nur von zehn Minuten. Denke Dir das Entsetzliche, wenn ich früh erwache, das kleine, düstere Gemach wiedersehe, das ich im Schlafe vergessen habe und mit Entsetzen wieder daran erinnert werde, dass mein Leben beendigt ist auf eine so trostlose Art! Wir haben geklagt, wenn's keinen Reiz gab; ach Freund, was ist's erst, wenn's gar kein Geschäft gibt! Sobald ich aufgestanden bin, mich angekleidet und mein kärglich Frühstück verzehrt habe, dann bin ich fertig, nun liegt der lange, öde Tag vor mir, grau wie die Unterwelt der Alten; ich habe kein Buch, ich höre nichts, ich sehe nichts, es ist mir keine Tätigkeit übrig, als in dem kleinen raum herumzugehen, die Gedanken schweifen zu lassen, bis sie schwindlig werden gleich meinem kopf, ruckweis kommen und gehen, atemlos am Ende die Dienste versagen. Gegen zwölf, oft lange vor zwölf bringt der Wärter das Mittagbrot; das ist doch eine Unterbrechung, die magere Speise ist doch ein Gegebenes, woran der Gedanke sich wieder aufrichtet, ich möchte langsam darüber wenigstens eine halbe Stunde hinziehen, wenn auch die eigentliche Mahlzeit in zehn Minuten verzehrt sein kann, aber der Wärter gestattet eine solche Ausdehnung nicht, er hat noch dreissig andere zu füttern und Geschirr und Besteck müssen gleich wieder fort, damit ich keinen Missbrauch damit treibe. Die tür rasselt zu, es ist zwölf, sieben Stunden breiten sich vor mir aus, sie wollen durchgebracht sein, dann kommt ebenso flüchtig das bisschen Abendessen; dann sind neue Gedanken zu suchen für den Abend, ehe der Schlaf zu finden ist, welcher dem Gefangenen ohne Bewegung und Luft so träge sich nähert, so unmutig! Und das ist nur ein Tag und so reiht sich ausdruckslos einer an den andern, bis man eben verrückt wird von