Strandhöhe geraten, seitab vom Hafen, das Meer rauschte einen Schritt hinter meinem Feinde – "Sag im Augenblicke, wo ist Margarita, oder ich schleudere dich ins Meer!" damit hielt ich ihn bereits halb übergebeugt nach hinten. Er röchelte und winkte, wie bereitwillig mit dem kopf, meine Faust liess kein Sprechen zu, ich lüftete sie ein wenig und er bekannte eiligst das verlangte. In diesem Augenblicke fühlte ich mich von hinten ergriffen, mein rasches Gegenwirken warf Tallon ins Meer; der neue Gegner war Giacomo, ein Schuft, der mich also immer betrogen hatte. Der, wie ich später bemerkte, getroffene linke Arm versagte mir seinen Dienst, und ich hatte auf Tod und Leben zu ringen, damit ich mich des geschmeidigen Burschen erwehrte, ihn auf die Meerseite drängen und hinabdrücken konnte. Er klammerte sich aber so fest, dass ich das Gleichgewicht verlor und mit hinabstürzte.
Die kalte Woge verschlang und bedeckte uns; hier unter der Wasserdecke musste ich mich noch zu ein paar verzweifelten Stössen aufraffen, um mich der stets noch festaltenden Klaue des ergrimmten Italieners zu erwehren. Der Strom riss uns nun auseinander, ich kam an die Luft und wusste nicht, wo Küsten-, wo Meerseite war, da der Nebel nichts sehen liess; aber die landwärtskommende Welle warf mich, den mit einem Arm Rudernden, glücklich an den Strand. Wie es den Schuften ergangen ist, weiss ich nicht, ich blickte nicht um, sondern stürzte fort, um Margaritens Versteck zu suchen; der Meeresfrost schüttelte mich, warm quoll das Blut aus der Armwunde.
Ein anständiger Mensch musste sich erst umkleiden, den Chirurgus rufen und nach dem Mantelsacke sehen, welchen der Matrose geschleppt hatte; unterdes wäre eine der Ratten wieder ans Land gekrochen und hätte Margariten beiseite gebracht.
Sie empfing mich mit einer Freude über mein erscheinen, als ob des Menschen guter Engel plötzlich in die Hölle träte und Himmelsluft und Himmelsglück statt der Verdammnis böte, und mit einem Weh über die Wunde und das Fieber, welches mich befiel, als ob die Sonne nicht mehr aufgehen wollte.
Vergib, ich referiere nicht ganz passend, weil ich momentan in der tollsten Lustigkeit zu Paris sitze und eben aus St. Pélagie komme, wo Leopold der Holde wegen übermässiger Schulden weilt und eben mit den geistreichsten Schuldenmachern Frankreichs eine Konferenz hielt, wie die Schulden, dieses Negative der Welt, in das Positive, aus der Gefangenschaft in die herrschaft umzuwandeln seien. Es kamen ausgelassen geistreiche Dinge vor – man ist sehr munter in St. Pélagie – und ich bin von tollen Einfällen völlig turbiert. So will ich einen Preis aussetzen, wie man der Sonne einen Flanellmantel umschlägt, damit sie nicht so dreist und ohne weiteres auf die jetzt so rücksichtsvolle Erde falle.
Aber ich fasse mich. Wie wunderbar gestaltete sich das alles in Ostende! Ein flüchtig wildes Fieber warf mich, Margarita pflegte mein und stand in lodernder Liebe, ich weiss nicht, weil ich ihr Retter war oder um was sonst. Und wie duftend und üppig entfaltete sich diese Knospe! Aber was ich nicht suche, verlange, erkämpfe, was sich mir als unbegehrtes Geschenk in den Schoss wirft, das ist nichts für mich.
Ich sagte, wir wollten nach Brüssel – da schrie sie auf und wehrte ab, und umklammerte meine Schultern und flüsterte: "Die Mutter würde mir mein Glück nicht gönnen."
Aber was sollte ich auf die Länge in Ostende? Ich bestellte uns Plätze auf einem Fahrzeuge und sagte ihr, wir wollten in die weite Welt – bald trug uns das Meer, das Meer, das ich allein seit meiner Jugend unverändert liebe. Es war ein schlankes, freies Schiff, das mit Wind und Wellen kräftig rang – ich hasse die Dampfschiffe, diese künstliche Vermittlung des Menschen mit dem Elemente, diese repräsentative Schiffahrt, wo das freie, kräftige, gefährliche Ineinander des Menschen und des Meeres gestört ist.
Ich hatte den Verdacht, in einer Spelunke des Schiffes Giacomo gesehen zu haben, nur er hatte solche dolchartige neapolitanische Augen – eines Nachts stieg ich auf das Verdeck, der Mond schien hell, das Meer ging hoch und schäumend, von einem frechen Nachtwinde getrieben, der aus Osten kam und uns nicht an die Küste liess. Am Bord sass eine dunkle Gestalt, ich sah, dass sie zusammenfuhr, da ich mich nahte, – es war Giacomo.
Ich trat ihm ruhig nahe, fragte ihn nach Tallon und ob er auch entkommen sei aus jenem Bade. Giacomo wusste es nicht; Hin- und Herfragen belehrte mich, dass jener Tallon ein Bruder Giacomos, ein Neapolitaner und wirklich ein Revolutionsabenteurer sei. übrigens log Giacomo wie immer; von jener Schusswunde ist mein Arm gelähmt, und diese mir ungewohnte Schwäche mag wohl etwas dazu beitragen, dass ich mich feindseliger gegen die Welt fühle, als sonst. Ich fasste den Schurken, eh' er sich dessen versah, bei Schulter und Hüfte und schleuderte ihn ins Meer. Wind und Wellen rauschten hoch, sonst war nichts zu vernehmen. –
Wir kamen abends in Brüssel an, ohne dass Margarita gewusst hätte, wo sie sei; ich liess beim haus ihres Vaters vorfahren, und eh' sie zu einer rechten Äusserung kommen konnte, standen wir im Salon vor Herr und Frau van Waelen.
"Du verrätst mich, Hippolyt," rief sie und sank in Ohnmacht.
Aber so etwas, wie das Antlitz der Frau van Waelen und deren Gebärde habe ich niemals gesehen;