aber ich werde eher das Äusserste tun, ehe ein Mann meine Tochter berührt, dessen Auge erst wohlgefällig auf mir geweilt und gewünscht hat. Wenn ich Waelen betrüge, einen öden, kläglichen Mann, so vergibt mir's mein Beichtvater, aber weder dieser noch mein Herz vergeben mir jene frevelhafte Verbindung."
Ich hielt es nicht für gut, sie durch Mitteilung des Verdachtes über die Waterloo-Partie zu beunruhigen und war mir genügender Kraft bewusst, solch ein abenteuerlich Unternehmen zu zersprengen.
Ich kam des Abends wieder, fand die Familie, Leopold und Tallon im saal und suchte emsig ein halbes tête-à-tête mit Frau van Waelen, damit ich die Schlüssel erhielte. Sie schien mir unruhig, und zu meinem Erstaunen wagte Tallon die wunderlichsten Sticheleien, als ob er die gestrige Spitzendame gesprochen und meinen Giacomo ausspioniert habe. Man muss so borniert für nichts Interesse haben als für politisches Gewäsch, wie dieser Waelen, um so unberührt zu bleiben, wie er bleibt.
Endlich konnte mir Frau van Waelen zuflüstern, wir könnten uns nicht sehen, die Schlüssel seien spurlos fort, sie argwöhne alles gegen diesen Tallon, der aus dem Wege geräumt werden müsse.
Wie ein ruhiger feuerspeiender Berg, in dessen Innerem ungesehen fulminante Ausbrüche bereit liegen, erschien mir die Frau.
Am andern Morgen bewaffnete ich Giacomo tüchtig, der sich so ungeschickt anstellte, dass eine halbe Stunde Zeit darüber vertrödelt wurde, nahm einen handfesten Kutscher und fuhr mit Leopold nach der Hügellehne von Waterloo hinaus. Waelens und Tallon waren schon da, wir sahen sie aus der Ferne auf dem Hügel stehen und – zwei Kerle sprangen aus dem nahen Gehölze, hoben blitzschnell Margarita in den Wagen, warfen den Kutscher vom Bocke und sprangen auf den Bock, Tallon machte einige Grimassen mit Armen und Beinen, sprang ebenfalls nach, die Peitsche flog, der Wagen verschwand, und als wir im Karriere oben ankamen, flog er schon weit in der Ebene dahin.
Frau van Waelen schrie mir wie eine Furie entgegen: "Retten Sie mein Kind!" Herr van Waelen schnupfte und schimpfte auf die Strassenpolizei.
Ich befahl meinem Kutscher, im Karriere nachzujagen, er weigerte sich, ich warf ihn Waelens Kutscher nach und jagte selbst die Pferde; durch ein unnützes, unpassendes Zugreifen Giacomos in die Zügel wurden die Pferde plötzlich falsch gewendet, der Wagen stürzte, die Tiere gingen durch, was weiss ich! Auf diese Weise kam ich um die direkte Verfolgung, musste mühsam ein Städtchen und eine Post suchen, und so hatte der Schurke weiten Vorsprung; ich fuhr lange in der Irre herum, bis mich neue Anzeichen nach Ostende führten. Nach der Küste zu schien der Räuber seine Beute gebracht zu haben, und es kam mir nun schon die lebhafte Besorgnis, er möchte bereits eingeschifft sein.
Du glaubst übrigens nicht, welch eine reizende Figur bei dem allem die geraubte Margarita spielte in meiner Phantasie – das schlanke, noch so mädchenhafte geschöpf, welch eine ursprüngliche Tragik musste sich ausdrücken auf diesem zarten, ausdrucksvollen gesicht, wenn sie gegen die Brutalität eines verhassten Entführers in Kampf und Sträuben geriet!
Das erste, was mir in Ostende aufstiess, war – ich traute meinen Augen nicht und schlug mir die Täuschung aus dem Sinne – es war Giacomo! Eine solche Erscheinung huschte im Gedränge des Hafendammes an mir vorüber wie ein Schatten, ich griff danach, aber sie war auch im lichtlosen Gewühle der Menge wie ein Schatten verwischt.
In den Gastöfen, bei allen abgehenden Schiffen erkundigte ich mich umsonst; kindisch, dass ich mich nie in meinem Leben an die Polizei wenden mag – Du hast gewiss recht, dass sie ein heilsam, notwendig Institut ist, so wie die Welt eben steht und liegt; mir widerstrebt aber jedes Institut, das bloss da ist, den natürlichen, ursprünglichen Äusserungen der Menschheit aufzupassen, die immerwährende, lebendige Erinnerung, dass wir nur nach dem Schema leben sollen – lassen wir's, ich bin ein wilder Mensch und Du ein zivilisierter, wir vereinigen uns nicht darüber; kurz, ich fragte nicht und entschloss mich, nach London zu gehen. Das Meer ist weit, solch eine Einschiffung kann einem leicht entgehen, der Abenteurer hielt sich auch gewiss nicht so lange in dem staat auf, wo er den Gesetzen so sicher entgegengetreten war.
Es war ein nebeliger Morgen, als ich nach dem Schiffe ging, man sah nicht drei Schritte vor sich, da eilt ein Mann in derselben Richtung nach dem Hafen an mir vorüber; der Matrose, welcher meine Habseligkeiten trägt, ruft, ich weiss nicht warum, etwas aus, das ungefähr wie "Vorgesehen!" oder "Attention!" klingen mochte, jener Mann wendet sich um, wir sehen uns, ich schreie auf und stürze nach ihm hin, er wendet sich blitzschnell und geräuschlos wie eine Schlange seitwärts und verschwindet im Nebel, ich hinterdrein, bald hier, bald da werde ich seiner einen Moment ansichtig, aber nimmer lebhaft, da die Finsternis ihn stets mit wenig Schritten seitwärts meinen Blicken entzieht. Plötzlich, als ich ihn wohl zum fünften Male wieder vor Augen bekomme, steht er, ich jage gegen ihn los, er streckt mir ein Pistol entgegen und sagt atemlos, was weiss ich! denn ich beachtete es nicht und griff danach, der Schuss blitzt und knallt vor meinem Gesicht, ich fühle einen Ruck im arme, seine Kehle ruht aber bereits in meiner andern Hand. Wir waren an eine kleine, abgelegene