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die Macht ist alles, die Kraft, die Gewalt! Was Gesetz, was Regel! Wenn sie mir in den Weg treten, so sind sie mir im Wege, und ich stosse sie beiseite. Ich lüge mir und lüge Dir, wenn ich mich in Räsonnements ergehe, denn meiner eigentlichen Seele sind sie alle fremd. Aber Ihr Prinzipienmenschen bildet und karrt, Leute meines Schlages geniessen, herrschen, leben oder die Kugel trifft sie.

"Warum, Frau van Waelen," sagte ich leise zu ihr, "kümmern Sie sich um Politik, die Sie mit Ihrer Schönheit, mit Ihrem Herzen Kummer und Leben bereiten können? Erst wenn wir selbst unmächtig werden, fragen wir nach Parteien, eher nicht; nur die Mittelmässigkeit assoziiert sich, nur die Prosa; warum bleiben Sie nicht allein? Ich bin auch allein."

"Holen Sie mich heute im Teater ab; den letzten Akt des Stückes liebe ich nicht."

Es ist ein prächtiger Anblick, diese hohe, volle Frau in den schwer seidenen Gewändern; schweigend ruht die Schönheit ihres Antlitzes wie ein tiefer See, auf dessen grund die bewegtesten Geheimnisse und Leidenschaften schlafen; zuweilen tritt solch ein leiser Druck aus unbekannter Tiefe in das schwarze Auge der schönen Frau van Waelen.

Ich werde sie abholen.

natürlich war ich zeitig im Teater; sie sass in vollem Putze da, ich sollte sie zu einer Soiree fahren, die sie heute abend noch besuchen wolle, eine vornehme irische Familie, die tages darauf Brüssel verlassen werde, empfange zum letzten Male. "Es sind interessante Katoliken, die mein Mann nicht kennt und nicht goutierthaben Sie Lust, vorgestellt zu sein, man wird Sie als ein spanisches Kind willkommen heissen, und die Leute halten die paar Monate, welche sie hier zubringen, offenes Haus."

Die Frau glich dem schönsten Rubensschen Bilde von einer spanischen Königin, das er malen konnte, und doch war der prächtige Nacken- und Schulterbau nicht so feist fleischig, wie ihn Rubens leicht machte, und doch war der gesund und kräftig weisse Teint dieser Fratz ebenso schön! Nicht das krankhafte Weiss, das man bleich nennen soll. Und wie üppig, warm und kräftig war die Atmosphäre des Weibes!

Ich drängte zur Abfahrt. Einen so vortrefflichen Bedienten wie jetzt habe ich nie gehabt, die Italiener sind geborene Bediente und Kuppler. Nicht ein Wort hatte ich ihm gesagt, als ich sie in meinen Wagen hob, und er liess durch alle krummen Strassen Brüssels fahren, die er nur finden konnte, ehe wir zum Hotel der Irländer kamen.

Frau van Waelen kam meiner stürmischen Umarmung weniger stürmisch, aber heiss und fest entgegen, wies indessen mein wildestes Drängen insoferne entschieden ab, als sie mir verhiess, schon morgen zum einsamsten Rendezvous ein Zimmer ihres Hauses zu öffnen.

Was interessierten mich die Irländer und die katolischen Belgier, welche diese Revolutionsspielerei eingeleitet haben! Meine Erwählte war so auffallend schön, dass ich drängte und drängte, um nur wieder im Wagen zu sein und diesen lockenden Leib zu küssen. Eine magere Brüsselerin, die viel mehr Spitzen als Reiz bei sich trug, tippte meiner Dame den Nacken an und belehrte sie lächelnd, dass an der Schultereinfassung hinten etwas zerrissen wäre, ihre Kammerjungfer müsse sehr leidenschaftlich sein.

"Ja, Werteste, das ist sie," erwiderte lächelnd meine Dame, und wir gingen, dem Zuschnitte der Gesellschaft nach, ungewöhnlich früh; aber die Zeit war lang bis zum andern Tage und mein Blut heiss, und mein Giacomo kannte Brüssel so gut, dass wir erst nach einer guten Stunde vor Waelens haus ankamen. Morgen ist morgen, verstehst Du, nach Leopolds Rechnung; zwischen dem Übermorgen, wo sie nach Waterloo fahren, liegt also noch ein Tag und eine Nachtnun Adieu, der Schlaf soll mich suchen.

Ich schreibe Dir weiter nach mehreren Tagen und zwar aus Ostende, angesichts des Meeres. Höre, wie sich's begab.

Als ich an jenem "morgen" zu Waelens kam, fand ich die schöne Frau vom haus allein im Salon; es war ein sonniger Herbstnachmittag, Margareta war im Garten, Herr van Waelen auf dem Kaffeehause. Sie winkte mir beredsam mit den grossen Augen, und wir stiegen die Treppe hinauf, gingen durch die prächtigen Gemächer des Vorderhauses und rasteten in einem schönen Eckzimmer. Zwei grosse, üppige Gemälde der flamändischen Schule lachten von der silberweiss tapezierten Wand, der Sonnenschein blitzte nur in einzelnen Ritzen durch die geschlossenen grünen Jalousien.

Hier zeigte sie mir eine unbemerkbare Tapetentür, welche auf einen Korridor des Nebenhauses führt, gab mir die nötigen Instruktionen und verhiess mir zum Abende den Schlüssel, welcher das unbewohnte Nebenhaus und die tür des Korridors öffne. Wie einst die Burgherren zu ihren Schlössern, so haben heute die lebelustigen Weiber verborgene Gänge und Türen.

Sie war offenherzig und von reizender Innigkeit und vertraute mir unter anderem, dass Tallon früher umsonst lebhaft nach ihrer Gunst gestrebt, die Domestiken bestochen, verführt, und das Ärgste getrieben habe. Ja, sie fühle sich nicht ganz sicher, ob der abscheuliche Jakobiner nicht irgend was näheres ahne von einem geheimen Zugange in diese Gemächer. Da seine Bewerbungen kein Gehör erreicht, so habe sich der gemeine Mensch zu Margariten gewendet, "ein Greuel," sagte Frau van Waelen, "der mein Innerstes empört; ich hätte den Menschen längst aus dem haus gejagt, nähme er nicht mein Mann mit seiner jammervollen Politik ein so fanatisches Interesse an ihm,