– aber was Sie beten nennen, meine Holde" – und dabei küsste er mir zum ersten Male schelmisch die Hand – "das hab' ich nur als kleiner Bub getan, weil es die Mutter so wollte." – Ich war so verlegen und verwirrt von dem Handküssen; ich kam mir dem klugen mann gegenüber, der alles in Entfernung von sich hält, dessen so unwürdig vor, dass ich nichts zu sagen wusste.
Später.
– Ich stand vom Schreiben auf und eilte ans Fenster, weil ich Reiter und viel Geräusch hörte. Von der einen Seite kam Graf Fips, von der andern ein Fremder geritten, um den sich unsere jungen Gäste bald stürmisch drängten, den sie umarmten und jubelnd begrüssten. Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu erinnern? Es ist die sogenannte "e l e g a n t e F i g u r ", die immer auf den Bällen zu sehen ist. Ziemlich gross, schmal und schmächtig gewachsen, mit einem jener traurig regelmässigen Gesichter, die man sich nicht behalten kann. Diesen erkenn' ich nur immer an der unanständig gesunden Röte wieder, die sich bis an die Ohren zieht, unweit der Nase erschreckt aufhört und sich in mädchenhafter Weisse verliert. Ausserdem hat er die unangenehme Manier, blonde Augenwimpern zu tragen und dadurch wie ein malitiöses Gewissen auszusehen, das fortwährend zu Lästerungen stachelt. Auch hoffe ich sehr, die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs, darum denke ich mir ihn immer kahlköpfig, und er erscheint mir nie anders als wie ein Mischling von Türke und englischem Lord, ein europäischer Kreole, der innerlich halb bestialisch und nur äusserlich modernisiert ist. Mein Gott, was ist das für Zeug! Er gilt allgemein für einen schönen Mann, und im vorigen Winter haben mich mehrere Damen sogar versichert, er sei witzig, wenigstens scharf. Ein Kunststück versteht er gewiss: er näselt schnarrend; ich verziehe mein ganzes Gesicht, wenn ich's ihm nachmachen will. Seit einem Jahre schon ist er käuflich, das heisst, er sucht eine Frau; ich fürchte, er hat sein schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen. Das wäre sehr schlimm, denn es will mich bedünken, der Graf, ihr Vater, suche eiligst einen Schwiegersohn. Gott weiss, was er für Pläne hat, Gott weiss, was für ungewöhnliche, denn gewöhnlich ist nichts an ihm. arme Alberta! Graf Fips ist übrigens ein gewandter Kavalier, der viel Glück bei den Damen hat. Ich erinnere mich keiner einzigen, die in mein Lästergeschwätz über ihn eingestimmt hätte. Kolossal – kolossal, würde er sagen, läs' er das.
Aber meine Liebe, Sie begreifen leicht, dass mich meine Neugierde nicht länger am Schreibtisch duldet – ich muss rekognoszieren. – Adieu und nochmals Adieu und herzliche Küsse auf Ihren lieben Mund von Ihrer
Kamilla.
P.S. Ich war schon aufgesprungen und komme noch einmal zurück, weil ich mich eines Auftrags von Herrn Valer zu entledigen habe. Ich erzählte ihm von Ihnen, dass Sie unsere Freundin seien und dass ich an Sie schriebe, dass Sie sehr schön und liebenswürdig usw. – er schien nur mit halbem Ohr hinzuhören. Vor einigen Tagen suchte er mich auf – ich glaube, der Postbote war eben bei ihm gewesen, und erkundigte sich nach Ihnen, und ob man Sie wohl um folgendes bitten dürfte. Ein Freund von ihm, Konstantin Müller, lebt in Berlin in einem äusserlich und innerlich sehr aufgelösten Zustande – die Adresse ist am Schluss
10. Konstantin an Valerius.
Es ist eine Schwäche, dass ich meine Rhapsodien, wieder an Dich beginne, aber ich will schwach sein. Lass mir die Freude oder das Leid. Ich bin sehr allein.
Geehrtes Volk der Myrmidonen, ich danke Euch für Eure gute Meinung, die mir William in ein paar albernen Zeilen kundgibt, dass ich ruiniert sei. Und wenn ich eben an den Galgen hinaufgezogen werden sollte, ich würde dem hyperboräischen, frommen mann sagen, er sei ein Schwachkopf – der Mensch hat mich in Harnisch gesetzt mit seinen biblischen Auszügen – man soll sich aber nicht in Harnisch bringen lassen, vielmehr sich einer gewissen inneren Ruhe befleissigen, nicht zu schwere Weine trinken, ins Kloster gehen. Wir sind alle mehr oder weniger Ophelien. O Hamlet, Welt, warum warst du so kühl gegen mich! Pfui doch! –
O lieber Valer, tu mir die Freundschaft und tritt recht derb in den Dreck der Dir verhassten Welt – ja so, Dir ist sie ja nicht verhasst – wenn Du dann die Füsse nicht mehr regen kannst, so bildest Du Dir ein, festzustehen.
Brust heraus, Kopf in die Höhe! Und nun lass sausen und brausen – Mut, klare Augen! Indem ich dies schreibe, tun mir meine Augen sehr weh. Ich habe die Dinger in den romantischen Jahren der heimlichen Gymnasiastenlektüre gar zu sehr angestrengt, und büsse jetzt für die Kleindrucksünden des Zwickauer Walter Scott.
Noch immer wate ich getrost in der trostlosen Pfütze unserer Jurisprudenz; warum ich das tu', ist leicht begreiflich: hungern ist immer besser als verhungern. Wenn ich mehr Mut hätte, tät' ich's vielleicht nicht. Mut, Mut! der fehlt uns und ganz Europa, sonst läg' es nicht so im argen. Nicht der Mut, Gendarmen zum Einhauen zu kommandieren, wohl aber der, Lächerlichkeiten ruhig anzusehen oder Ernstes genau und unbefangen zu prüfen. Die