Doktor, wie können Sie in solcher Gesellschaft meinen wohl und patriotisch renommierten Gastof" –
"Wirf doch den Lappen weg," flüsterte Leopold und störte Herrn Motten in seiner Rede. Der Haufe stürzte aber schon wirklich auf das gelbe Band los. Du weisst indessen, dass der Träger desselben zufällig ein Paar gesunde Fäuste besitzt; diese warfen denn auch die nächsten Stürmer ohne weiteres zu Boden und bewaffneten sich mit der halbleeren Weinflasche. Eine augenblickliche Pause trat ein, und ich nahm das Wort folgendermassen: "Meine Herren Belgier oder Spanier, wie Sie sich nennen, ich bin kein Orangist; diese ihnen so verhasste Schleife ist sehr zufällig von einer schönen Dame an mein Halstuch befestigt worden, eine sonstige Bedeutung hat sie für mich nicht, und ich stünde keinen Augenblick an, sie zu entfernen, hätten Sie sich nicht in eine so drohende Stellung geworfen, als sollt' ich dazu gezwungen werden. Das Haus Oranien ist mir sehr gleichgültig, aber zwingen lass' ich mich auch nicht zur gleichgültigsten Handlung. Setzen Sie sich ruhig an Ihre Plätze, dann will ich Ihren Wünschen willfahren; dem ersten aber, der sich mir nähert, schlag' ich den Hirnschädel ein."
Herr Motten war der erste, welcher sich mit einem bedeutungsvollen Seitenblicke entfernte; Herr Juan Meravilla fluchte bei den Heiligen und setzte sich, und zu meiner eigenen Verwunderung taten die übrigen ein Gleiches. Jacques, Highmans und sein Nachbar hatten merkwürdigerweise gar keinen Anteil an dem Vorfall genommen, sondern waren in leisem, eifrigem gespräche begriffen. Es war nicht ratsam, länger zu weilen und auf dieses zu horchen, wir bezahlten unsere Zeche an Charles und gingen. Herr Motten stand im Hausflur und schien auf uns zu warten. Er machte eine schlaue Miene und schüttelte einige Worte heraus, die ungefähr andeuten mochten, er kenne den Lauf der Welt, und ein guter Gastwirt sei ein unparteiischer Punkt, "es ist nur wegen meines Schildes," setzte er hinzu, "dass ich mich erkundige, ob wir eine Änderung zu erwarten haben. Denn sehen Sie, ich habe den Henker draussen nicht hingeschrieben, sondern Highmans und der Spanier drin', aber mich würde man beim kopf nehmen; wenn man aber nur den rechten Augenblick weiss, da geht das schon. Ich weiss am besten, wie die vornehmen Herren für den Prinzen von Oranien sind, den Gott schützen möge, und Geld ist die Seele – vielleicht könnten Eure Herrlichkeit einem armen, betriebsamen Bürger einen Wink geben" –
"Morgen mittag, Punkt zwölf Uhr, Herr Motten," sagte ich und ging, Leopold mit fortziehend. Herr Motten stand noch mit abgezogenem Käppchen unter seinem Henkerschilde, als wir schon weit fort waren. Die europäische Politik mochte ihn schwer beunruhigen.
Ich hatte eigentlich nicht viel mehr erfahren, als Highmans Frage, wie weit es bis Waterloo sei, welche mit Leopolds Aussage in einer Beziehung zu stehen schien.
Gegen die Teezeit ging ich nach Waelens haus. Herr Tallon war mir bereits zuvorgekommen, und das Gespräch wendete sich nach allen Seiten um die Partie nach Waterloo, welche den Tag darauf veranstaltet werden sollte. Die politischen Beziehungen liessen nicht auf sich warten, Herr van Waelen sprach vom Könige Pharamund, dem Gründer des salischen Gesetzes, und den stolzen, gewaltigen Chlodowigs und Chlotars, die alle in Belgien gesessen. "Von hier aus," sprach er mit Emphase, "ist Frankreich erobert worden, Belgien ist der Ursitz der Merowinger, bis heutigentags der Mittel-, Grenz- und Sammelpunkt der romanischen und germanischen Völker."
Ich hatte mich still zwischen Frau und fräulein van Waelen eingeschoben, liess die politisierenden Herren im Zimmer auf und ab gehen und sah bald in die glänzend dunkelblauen Augen Margaretens, bald auf die weisse, schöne Hand der Mutter. Es ist gar kein Wunder, dass sich hier eine Malerschule ausgebildet hat: mai findet nicht leicht anderswo ein lockenderes, schöneres Fleisch, eine lebhaftere Inkarnation, und auch das Fleisch hat seine Rechte, ja seine Geheimnisse, es schafft die Form, es sänftigt und hebt die Gedanken, es spiegelt das Blut und Leben des Menschen – die asketischen Leute müssen alle plastische Kunst verdammen, wenn sie konsequent sein wollen. Die Schönheit des Laokoon beruht auf denselben Gesetzen wie die Schönheit der marmornen Venus. Gott soll nun aber durchaus den schönen Leib dafür geschaffen haben, dass er nicht gesehen werde. Die protestantisch-christliche Gesittung hat doch recht viel Ähnliches von einer Pensionsschulmeisterei, wo den Kindern gerade nur soviel frische Luft gestattet wird, als sie zum kümmerlichen Leben durchaus nötig haben.
Worin liegt es wohl, dass ältere Frauenzimmer einen so grossen Reiz für jüngere Männer haben? Die Tatsache ist nicht abzuleugnen, dass die jungen Burschen sich zumeist in die Frauen von dreissig Jahren verlieben. Dass ihnen solche weiter und behilflicher entgegenkommen als die blöden Mädchen, löst das Rätsel noch keineswegs. Es muss noch irgend ein Mysterium der Reife darunter verborgen liegen. Ich gehöre doch eigentlich nicht mehr zu den jungen Burschen, und ich kann mich eines grossen Interesses für die schöne Frau van Waelen nicht erwehren, obwohl ich Margareten schöner und liebenswürdiger finde. Dieses wunderliche Verhältnis hat auch alle meine Bewerbungen gelähmt, die zweifellose Einheit und Ganzheit meiner früheren Wünsche ist dadurch gelähmt, und sie war's, welche mir immer die Kraft und Zuversicht des Gelingens einflösste. Ich verliere meinen Charakter in diesem Zustande und mit ihm mein Heil, denn dies beruht immer in dem Gleichartigen zwischen unserem