Die Burschen aber sassen schweigend bei ihren Schnapsgläsern und bliesen die Rauchwolken aus den Tonstummeln, welche sie im mund hielten. Ich hatte Zeit, das ganze Terrain zu rekognoszieren, soweit es die Tabakswolken gestatteten. In Belgien ist das Rauchen schon wieder viel allgemeiner als in Frankreich. Es waren noch drei Tische besetzt, aber die Blusen machten alle Gestalten so einförmig und das Durcheinander von Dialekten verwirrte mich auf der andern Seite so, dass ich zu keiner klaren, gesonderten Vorstellung kommen konnte.
Ein schwarzer Krauskopf, welcher eintrat, erregte die allgemeine Aufmerksamkeit, alles rief und trank ihm zu, bon jour, Jacques! bon jour, Jacques! scholl es von allen Seiten, und das allgemein werdende Gespräch ging jetzt in ein rauhes, hart klingendes Provinzialfranzösisch über. Nur der neu angekommene Jacques sprach geläufig.
"Die Franzosen sollen leben!" rief ein kleiner Blusenmann.
"Die Franzosen sollen leben," setzte ein anderer hinzu, "solange sie Belgien Belgien sein lassen und weiter nichts wollen."
Jacques warf ihm einen unwilligen blick zu und sagte: "Waren die Franzosen nicht immer grossmütig? Ist das Land nicht weit genug von der Bidassoa bis an den Rhein, brauchen die Franzosen mehr?"
"'s soll uns lieb sein, Jacques," erwiderte der Opponent lachend.
"Ihr seid ein misstrauisch Volk," sprach Jacques, "wenn ihr ein Volk seid" –
"Halloh!" schrie aus e i n e m mund die ganze stube, alles war aufgesprungen und aus mancher Bluse sah man diese oder jene Waffe hervorblitzen. – "Unverschämter Franzose!" brummte der Wirt.
Jacques schlug ein Gelächter auf, griff nach seinem Glase, als ob ihn die Drohungen, welche von allen Seiten auf ihn flogen, gar nicht kümmerten, und rief: "Messieurs, es leben die nördlichen Italiener!"
Brummend setzte sich alles nieder. – "Nördliche Spanier sind wir," sprach der Opponent, "so wahr ich Juan Meravilla heisse" –
"Heilige Mutter Gottes," rief einer, "das klingt spanisch."
"Was hat die heilige Mutter Gottes mit Belgien zu tun," erinnerte der grössere von den sonnverbrannten Burschen, zu denen sich Jacques gesetzt hatte, "die hilft heutzutage nicht mehr."
"Hör einmal, Highmans, dergleichen Anzüglichkeiten auf unsere katolische Religion verbitten wir uns, wir Spanier" –
"Ach, du spanischer Schafskopf, bleib mit deinem dummen Zeuge zu haus, um eure Mutter Gottes kümmert sich heutigentags kein vernünftiger Mensch mehr, und um eurer pfaffen willen haben wir uns das Blut nicht abzapfen lassen im September" –
Ein drohendes Murren erhob sich an mehreren Orten. "Highmans ist ein Mensch ohne Gewissen," murmelte Herr Motten, der Wirt, "Ihr Wohlsein, Herr Doktor," setzte er hinzu und leerte schlürfend sein volles Glas.
"Da seht Euch Vetter Motten an," rief Highmans, "der weiss seine Heiligen zu behandeln, er trinkt ihnen ein Glas Rotwein nach dem andern zu, nicht wahr, du Wirt zum Henker, das ist die beste Religion?"
"Du bist ein gottloser Mensch," brummte Motten, "wer einmal mit englischen Matrosen verkehrt hat, der verlernt 's Beten und Singen" –
"Aber 's Trinken lernt er, Motten zum Henker, und das muss deine Religion sein, wenn du ein aufgeklärter Geist bist – drüben in Luxemburg nennen sie's Saufen, ein schönes Wort, beim lustigen Altenglend."
"Der Teufel hole Alt- und Neuengland!" rief der spanische Belgier, "sie haben uns bei Waterloo die Holländer gebracht, und" –
"Du stockblinder Spanier, wie lange ist das her!" unterbrach ihn Highmans, "weisst du denn, wie weit 's bis Waterloo ist?"
Jener dachte nicht daran, dass die Frage wörtlich gemeint sein könne, und schwieg. Ich aber verwandte nicht Auge noch Ohr von Highmans, und es entging mir nicht, als dieser leise, an Jacques sich wendend, die Frage wiederholte. "Ich bin nie draussen gewesen," setzte er hinzu, "und habe übermorgen ein Geschäft da."
Währenddessen war der sogenannte Meravilla aufgestanden und dicht an mich herangetreten, als nähme etwas in meiner Nähe seine Aufmerksamkeit in besonderen Anspruch. "Holla," schrie er plötzlich, "ein Orangemann!"
Bei diesen Worten fuhr alles auf und stürzte hinzu – "Was? Wie? Nieder mit den Orangisten!"
Ich, der ich nur auf Highmans geachtet hatte, wurde jetzt erst inne, dass es mir galt und dass der spanische Belgier – die Hand nach mir ausstreckte. Ich warf ihn unsanft zurück und fragte, was dem Narren einfiele?
"Nieder mit ihm, ihr Belgier," rief er zornig, hielt sich aber in einiger Entfernung, "unter der Bluse an der schwarzen Halsbinde trägt er eine Orangeschleife!"
Ein wildes Geschrei erhob sich, und der ganze Haufe drängte auf mich ein. Ich erinnerte mich, dass mir Margarete den Tag vorher im Scherz eine solche Schleife an das Halstuch gesteckt hatte, beim schnellen Ankleiden, als mich Leopold drängte, war dies verräterische Parteizeichen vergessen worden.
Herr Motten, der Wirt, erhob sich ebenfalls mit seinem feisten leib vom stuhl und sah mit unverkennbarer Angst in die Falten meiner Bluse hinein. "Beim glücklichen September," murmelte er "ein Orangeband! Aber mein Herr