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er spielt die Rolle eines glänzenden Ehrenbürgers des neuen Staates, Lebensart und Gewohnheiten bezeichnen ihn als einen reichen Mann.

natürlich war ein solcher Mann in Waelens haus sehr willkommen. Herr van Waelen gehört als Advokat zu der abstrakten liberalen Partei, deren Ziel die Republik ist. Der Anführer dieser Richtung ist de Potter. Diese Leute sind die Protestanten der neuen Ära; der bare, kühle Rechtsverstand ist ihr Panier, die Prosa ihre Gebieterin. Mit Herrn van Waelen ist Tallon vollkommen d'accord, wenn sie nebeneinander im Salon auf und nieder gehen und Europa regieren und einrichten. Mancher schnelle Seitenblick aber, den Tallon auf Frau van Waelen wirft und welchen diese mit einem stolzen Lächeln beantwortet, unterrichtet den aufmerksamen Zuschauer, dass Tallons Glaubensbekenntnis mit diesen mageren Ideen nicht erschöpft ist. Frau van Waelen ist katolisch, ultramontan katolisch, sie gehört zur fanatischen Glaubenspartei, die sich mit den protestantischen Republikanern zum Sturze der holländischen herrschaft verbunden hat. Ihr Held ist der Erzbischof von Mecheln. In stillen Stunden mag Herr Tallon katolisch revolutionär sein, die Revolution im allgemeinen ist das Geschäft rühriger Leute wie Tallon. Margarete liebt die orangegelben Westen, wenn man sie über Politik fragt, so ist sie für ein selbständiges Reich Belgien wie die anderen, aber lächelnd meint sie, der Prinz von Oranien sitze gut zu Pferde, die alten Bekanntschaften würden nicht zerrissen, wenn er auf einen Tron zu Brüssel gesetzt würde, und ein Hof wäre doch notwendig, sonst wäre Brüssel nicht Brüssel, und die Kaufleute klagten abends zuviel in der Teestunde. Mit Margareten lächelt Herr Tallon. Trügt mich nicht alles, so ist der Bursch ein Italiener, obwohl er sich für einen Franzosen ausgibt. Die Italiener waren immer die Agenten der Weltgeschichte, wenn nicht im grossen und ganzen, dann im kleinen und einzelnen, Cäsar, der Papismus, Machiavell, die Bilder, die Opern, Napoleon, alles das stammt von dorter.

In dieser Familie siehst Du nun den grössten teil von Belgien, in Tallon vielleicht einen Revolutionär von Profession oder Neigung; nous verrons. Kurz, seine Heiratsbewerbungen sind bis jetzt an dem Mädchen gescheitert, das revolutionäre Interesse Belgiens nimmt ab, Tallon hat vielleicht also ohnehin Lust, das Land zu verlassen, tiefe leidenschaft liegt offenbar hinter diesen schwarzen Augen, Leopolds geschichte von Entführung ist nicht unmöglichich folgte dem Kleinen.

"Halt," sprach er unterwegs, "tritt mit mir in diesen Laden, kauf uns zwei Blusen, wir müssen echt belgisch aussehen, wenn wir was erfahren wollen."

Ich tat dem Kleinen den Willen, wir warfen die blauen Hemden über, und nun führte er mich durch eine Menge Strassen bis vor ein kleines Wirtshaus. Man hörte schon von weitem den Lärm der Zecher. Dieses Hotel hiess vor der Revolution "Zum guten König Wilhelm", als es aber in den Journalen Mode wurde, den guten König Wilhelm nur Guillaume le bourreau zu nennen, da änderte der Wirt dieses Hotels ebenfalls seine Devise. Das Schild ändern, oder gar ein neues machen zu lassen, wäre zu kostspielig gewesen, er strich also auf Autorität der Journale das Wort König aus und setzte das beliebt gewordne an die Stelle. So siehst Du denn jetzt die mehr als wunderliche Überschrift für einen Gastof "Zum guten Henker Wilhelm". Das Bild selbst ist dem Künstler von vornherein so vortrefflich geraten, dass es nicht der mindesten Abänderung bedurft hattritt herein, hier findest Du die echtesten Wallonen, Flamländer und Brabançonen, Du sollst kaum in Deinem Leben mehr fluchen gehört haben.

Du darfst Dich nicht wundern, wie Leopold zu solchen Detail- und Lokalkenntnissen gekommen ist. Dass er mit seiner Beweglichkeit überall herumschnüffelt, weisst Du ohnehin, und dann hat er während des Revolutionskampfes als Arzt figuriert, und dieser Gastof ist ein Hauptdepot gewesen.

Wir traten in eine niedrige Schenkstube, und setzten uns in den dunkelsten Winkel. Der Wirt, dessen Wange und Backenbart von Fett und Wohlsein glänzte, fragte nach unserm Begehr. "Ach, sieh da, Herr Doktor," sprach er, an sein Samtkäppchen greifend, zu Leopold, "das ist doch schön von Ihnen, dass Sie auch in langweiligen Friedenszeiten mein Haus nicht verschmähen, ich hab's wohl immer gesagt: der Herr Doktor ist ein echter Volksfreund, er tut nicht apart und macht sich mit jedermann gemein, ohne Unterschiedhab' ich recht, Herr Doktor?"

"Ohne Unterschied," entgegnete Leopold, "setzen Sie sich zu uns, Herr Motten, helfen Sie uns eine Flasche feinen Roten ausstechen und erzählen Sie uns von Krieg und Frieden und wie teuer die Metze Hafer" –

"Hehe! immer der alte Spassvogel, wie in den munteren Septembertagenhe, Charles, eine Rote hinten aus der Ecke im zweiten Keller! – Hol der Teufel die Holländer, mein Herr, Sie können glauben, unser kleiner Herr Doktor hier hat manchen Wallonen zum lachen gebracht, während er ihm den braunen Arm vom leib schnitt, den sie drüben im Park dem armen Jungen zerschossen hatten; immer hat der kleine Doktor, – mit Permiss, dass ich mich so freundschaftlich ausdrückeimmer hat er einen Spass bei der Hand; aber hier kommt der Rote!"

Während der Wirt einschenkte, machte mich Leopold auf zwei sonnverbrannte Gesichter aufmerksam, die allein beim nächsten Tische sassen. "Das sind Tallons Spitzbuben, horch auf sie, ich beschäftige den Wirt," flüsterte er mir zu.