Sie produzierten nicht sowohl etwas, sondern, sie waren ein Produkt. Der Kreis von Griechenlands lebendiger entwicklung ward in ihnen vollendet, wie die Zeit fröhlicher Jugendjahre – die Jahreszeit und die Weltgeschichte wartet nicht auf unsere Wünsche. Und, Freund, es will mich manchmal bedünken, als sei die Welt wieder auf solchem Punkte. Damals wurde das Altertum geschlossen, jetzt geht das Mittelalter zu Ende, wenn es auch äusserlich schon mit Kaiser Max, Berlichingen und Sickingen gestorben ist. Weltperioden sterben immer jahrhundertelang. Das Christentum, die Fahne der mittleren Zeit, ist jetzt, wie damals die Weisheit der Alten, in Lebensgefahr, sein göttliches Element der Humanität ist in die allgemeine Kultur aufgenommen, wie in Griechenland das Denkgesetz; nun beginnen die neuen, unzuberechnenden Gestaltungen, und wir stehen mitten im Wirrwarr und unseren Händen entschlüpfen die Urteile über Dinge und Gedanken. Wir sind wieder bei dem traurigen Satze: Sagen und schreiben könnt ihr alles, aber ob ein einziges Wort von aller Weisheit der Menschen wahr ist, das weiss der Himmel.
Du hast mich nicht angesteckt, Freund, mit Deinen Warschauer Briefen. Jeder denkende Mensch, der an den Parteiungen seiner Zeit lebhaften Anteil nimmt, liest und denkt seinen Faust. Gott sei Dank, ich tue es selten, und bin härteren Stoffes denn Du. Rasches Wirken beschleunigt die Zustände, je unsicherer man im allgemeinen wird, desto kräftiger muss man im besonderen, im nächsten wirken, nicht aber unschlüssig stehen bleiben, wie es Dir am Ende begegnen wird. Das nächste, klar ausgesprochene Ziel der Menschen ist die Freiheit; schaff sie herbei, wir wollen sehen, was danach entsteht – "schlag Du erst diese Welt in Trümmer, die andere mag danach entstehen". –
Leopold war's, der mich in der Beschreibung Margaretens, van Waelens schöner Tochter, störte. Du kannst ermessen, wie er nach gewöhnlicher Manier nicht drei Tage mit zwei schönen Weibern leben konnte, ohne der älteren zu sagen, sie sei bezaubernd und die jüngere, den Engel seines Lebens, um Herz und Hand zu bitten. So wie er damals in aller Geschwindigkeit eine Prinzessin heiraten wollte, so macht er's noch heute' mit jedem hübschen Mädchen. Es ist nicht etwa die Absicht eines ungeschickten Roué, der unter der schützenden Ägide einer baldigen Hochzeit dreist seinen Liebeswünschen folgen zu können glaubt – Gott bewahre, es ist Leopolds schnell erregtes, überwallendes Herz, es ist sein augenblicklicher, vollkommener Ernst, und das Wunder ist gross, dass ihn noch nirgends eine Schöne ebenso schnell beim Worte genommen hat. Er hätte in den nächsten acht Tagen in der Güte seines Herzens die zweite, in den nächsten vierzehn Tagen die dritte geheiratet. Ich habe neuerdings den Jungen lieb gewonnen; Du erinnerst Dich, dass mir eine Zeitlang seine leichtsinnige Faselei, sein immerwährendes Lügen völlig zuwider war. Er ist eigentlich noch ganz derselbe, aber bei dieser platten, alles berechnenden Zeit ist mir sein Leichtsinn eine Art von Poesie geworden: der Junge bewegt sich fortwährend in der Welt herum, als lebt' er noch zu König Artus' Zeit; alle begebenheiten seines täglichen Verkehres sind zwar in seinem mund nach den gewöhnlichen Begriffen Lügen, wenigstens Unwahrheiten, aber sie sind romantisch, sie beleben das tote Einerlei unseres geselligen Treibens. Und mir tut solch ein verschollenes ritterliches Interesse manchmal so not, dass ich froh bin, mich Leopolds Täuschungen hingeben zu können. – Also, er sprang ins Zimmer, während ich an Dich schrieb – "Hippolyt," schrie er, "spanisches Blut, Enkel des Cid, es gibt romantische Geschäfte, noch siegen die Kaufleute nicht über die alte herrliche Welt mit den bunten, unerwartet wechselnden Erscheinungen. Hippolyt, die Liebe lässt nicht alle Romantik untergehen. Tallon will morgen Margareten entführen – beim Hahn des Äskulap, beim Zauberer Merlin, es ist kein Scherz, keine Posse, komm mit mir, Du sollst es selber hören. Du weisst, wir sind eingeladen, übermorgen früh Waelens nach dem feld von Waterloo zu begleiten, Tallon ist von der Partie, im Vorwerke la belle alliance wartet der Wagen mit Napoleons sechs Rappen, die ihn damals nach Brüssel zur Krönung führen sollten und welche jetzt Herrn Tallon mit der schönen Margarete nach Valenciennes zur Hochzeit bringen sollen. Lache immer, aber setz Dir den Hut auf und folge mir, Du sollst selber hören."
Ich brauche nur ein paar Worte meiner abgebrochnen Schilderung zuzusetzen, damit Du die Sache übersiehst. Leopold, der liebenswürdigste Begriff von Liebe, fügte sich mit der rührendsten Gutmütigkeit in die zweite Stellung, als er sah, dass ich ihn bei Margareten aus der ersten verdrängt hatte. Seine zarte, wenn auch unermüdliche Zudringlichkeit war dem Mädchen erwünscht gewesen, weil sie den unangenehmen Bewerbungen eines Herrn Tallon in den Weg getreten war, den Margareta nicht leiden mochte. Zudem missfällt der kleine Schelm niemals einem weib. Dieser Tallon nun ist eine der rätselhaften Erscheinungen, wie sie seit der Revolution hier in Belgien gar nicht selten sind. Man weiss nicht genau, wo er hergekommen, man weiss nicht genau, was er ist, aber er zeigt sich überall als einen entschlossenen Revolutionär, der furchtlos zu den gewagtesten Schritten rät und bei der gefährlichsten gelegenheit vorangeht. Er ist von ausserordentlicher Bildung und Geschmeidigkeit, ein Mann von etwa dreissig Jahren, mit einem ausdrucksvollen gesicht und stechenden schwarzen Augen. Er hat sich, wie gesagt, bei allen Vorfällen der Revolution tapfer und unerschrocken bewiesen,