zeiten Philipps, französische Lebhaftigkeit, nördliches, behagliches, saftiges Fleisch, gemischte Charakterlosigkeit und was man dergleichen mehr beim ersten Anblicke zusammenfaselt. Einen jungen Mann, der neben zwei Damen hertänzelte, hatte ich mit eingerechnet, und je näher er heranschritt, desto mehr beschäftigte mich dies kleine, bewegliche französische Gesicht mit schwarzen, krausen Haaren, die unter dem weissen hut hervorquollen, mit schwarzen, unruhigen Augen – denke Dir, wie ich über meine Klassifikationen lachen musste, als ich in dem kleinen Männchen unsern Leopold erkannte. Er wurde schneller mit mir fertig: mich sehen, an meinen Hals fliegen, tausend fragen ausstossen, mich den Damen vorstellen, war das Werk von zwei Minuten. Diese Damen nun waren die Frau und Tochter eines reichen, vornehmen Advokaten, van Waelen. Die Familie ist sehr angesehen, und rühmt sich, mit spanischen Granden vermischt zu sein. Leopold hatte mich mit seiner schnellen Gewandteit unter dem alten spanischen Namen vorgestellt, den ich seit Jahren beinahe vergessen hatte. Der gute Junge dachte nicht daran, wie dieser klangvolle Name ihm gefährlich werden könne. Er empfahl mich so vortrefflich bei dieser Familie, dass ich in wenig Tagen ein hochangesehener Hausfreund war. Frau van Waelen ist dreissig Jahre alt und eine strotzende flamändische Schönheit von hohem, vollem Wuchse, feurigem Auge, sie ist schweigsamen und dennoch innerlich lebhaften Temperamentes. Die besten, üppigsten Formen für einen Rubens, eine Frau für Promenade, Haus und Bett, wie sie ein Advokat nur wünschen kann. Stolz auf sich selbst, eitel auf ihre Tochter, kommt sie in die wunderliche Verlegenheit, ob sie die nahenden Liebhaber sich oder der Tochter wünschen soll. Denn Herr van Waelen ist ein langer, trockener Gesell mit einem buschigen Backenbarte, seiner einzigen Schönheit. Es war wirklich ein ganz neues Element, in dem ich mich beim Eintritte in dies Haus bewegte. Denke Dir eine wohnung, die äusserlich unscheinbar, verschlossen aussieht und von Jalousien versteckt wird, und Du stehst mit mir vor van Waelens haus. Ein blank schimmernder Klöpfel hängt auf der dunkeln, hell lackierten breiten Haustüre. Man klopft, die tür öffnet sich durch einen Druck, der vom fernen Bedientenzimmer ausgeht, man tritt in einen weiten Hausflur, alles ringsum, Treppen, Türen, Dielen, glänzt von Glätte und Sauberkeit. Ein Besucher gleich mir, der mit der Lokalität schon bekannt ist, geht geradeaus, er weiss, dass die Treppen des Vorderhauses nur wenige Tage des Jahres, nur bei grossen Festen betreten werden; sie führen zu den Prachtzimmern, welche die geschichte der Familie entfalten, Kunstarbeiten, die sich forterben, wie Schlösser bei deutschen Ritterfamilien. Der blick nach einem breiten, vierekkigen hof ist offen. Dieser ist mit Quadern gepflastert, ein offener Saal, ein kleiner Markusplatz, auf den Seiten von den Flügeln des Hauptgebäudes, hinten vom eigentlichen Wohngebäude begrenzt. Eine grosse Glastüre mit buntem Glase führt in das letztere und zwar unmittelbar in den Salon, wo sich die Familie gewöhnlich aufhält. Eine patriarchalische Stille ist ringsum über alles ausgegossen, der tiefste Familienfriede scheint auf dem Ganzen zu lagern, und unsere stürmischen Jugendgedanken kamen mir frivol vor, als ich das erstemal in diese Räume trat. In dem Salon sitzt die Frau vom haus mit ihrer Tochter. Sie sind mit weiblicher Arbeit beschäftigt und sprechen selten. Die Aussicht geht auf den Garten, wo im Frühlinge die berühmten Tulpen der Niederlande blühen. Die Möbel des Salons sind weniger modern als massiv und kostbar; dunkle, samtene Tapeten bedecken die Wände, schwere rotseidene Gardinen mit goldenen Troddeln beschatten die Fenster, alles ist prächtig, gediegen, alles atmet vornehmes Schweigen und Ruhe. Die Mutter empfängt den Besuch mit zurückhaltender, würdevoller Artigkeit, die Tochter errötet, denn ihre Haut ist so fein und durchsichtig, dass das Blut bei der geringsten Bewegung darauf sichtbar wird. Sie ist fünfzehn Jahre alt und so gross wie die Mutter. Alle Formen sind bereits schön und rund an ihr ausgebildet – ich wurde unterbrochen –
2. Hippolyt an Valerius.
Schreiben und sagen könnt ihr alles, aber ob ein einziges Wort von aller Weisheit der Menschen wahr ist, das weiss der Himmel. Wenn man einmal zu zweifeln anfängt, so muss man alles bezweifeln. Du weisst, es ist sonst nicht meine Sache, skeptisch zu sein, aber wenn mir einmal solch eine Stunde kommt, dann ist alle Welt für mich fraglich. Lieber Gott, ist irgend ein Satz, eine Wahrheit in der Welt, von welcher nicht auch das Gegenteil plausibel gemacht werden kann? Das ist ein schrecklicher Triumph der Bildung, der immer wieder einmal deutlich hervortritt, wenn ein Volk seine Vollendung erreicht zu haben glaubt, um ihm begreiflich zu machen, die Welt sei mehr als unser Geist. In diesen letzten Worten hast Du die probe von diesem traurigen Exempel: vor ein paar Tagen schrieb ich ganz anders, da war der Gedanke der Geist Gottes und das Ding hatte auch seine Logik – ach, Sklaven, Sklaven, die wir sind in unsichtbaren Ketten, gegen welche alles Toben und Wüten vergeblich ist!
Erinnerst Du Dich der Sophisten in Griechenland, welche die Schulweisheit so vornehm wegwerfend anzusehen pflegt? Diese Leute sind ein entsetzliches historisches Moment. Sie waren die Gründer der eigentlichen Bildung, sie wandten die Philosophie auf alles an, sie emanzipierten das Denken für den täglichen Gebrauch – und sie waren wirklich der Grenzstein Griechenlands. Nicht dass ich die unhistorische Plumpheit nachsagen möchte, die Sophisten hätten Griechenlands Untergang herbeigeführt.