geht's weiter. Oder ist nicht eigentlich jetzt schon das Geld ein wesentliches Moment der englischen Lords? Besitz ist die Losung unserer Tage, und die Kultur, wenn sie was gelten soll, muss sich ebenfalls danach richten. Erfinde eine Poesie des Besitzes, oder wir gehen unter in dieser breiten Prosa.
Du hast recht, wenn Du mir Vorwürfe machst über mein völliges Stillschweigen seit so langer Zeit, ich hatte aber auch recht. Ich fing an, einherzutappen, statt einherzuschreiten durch die Welt. Soll ich meinen Freund mit herumzerren in der trunkenen Bewegung?! Schon bin ich wieder fester, und da bin ich auch wieder bei Dir. Wo Dich meine Briefe treffen werden – denn jetzt werde' ich Dir öfter schreiben – weiss ich nicht; ich will sie alle nach Grünschloss schicken, früher oder später kommen sie Dir von dort sicher in die hände. Warum nicht nach Warschau? Weil ich jeden Tag dachte, Warschau ist wieder russisch, und nun ist's soweit, und Leopold sagt mir, Du seiest über die brücke, wer weiss wohin; es ist zuviel brutale Eitelkeit der Personen unter jenen Starosten, als dass ihnen etwas gelingen könnte, was sie gemeinschaftlich unternehmen.
Warum ich nicht zu euch gekommen bin? Ich weiss es selbst nicht. Ich habe die Polen früher nicht leiden mögen, ich sah sie nur in der Fremde mit ihrem Stolze, ihren Bedienten, ihrer abstossenden Nationalität – diesen Krieg erwartete ich nicht von ihnen. Und Du weisst, ich handelte immer weniger nach allgemeinen Begriffen, mehr nach besonderer Vorliebe, als Du, mein objektiver Freund. Du schreibst von einer Goldrolle, die ich Dir mit meinem letzten kurzen Briefe nach Warschau geschickt haben soll. Das ist ein Irrtum, mein Billett ging allein an Dich.
Nun will ich Dir erzählen. Ich verliess Paris. Ungern, ja mit Schmerz schied ich von den Franzosen. Sie sind und bleiben das liebenswürdigste Volk der Welt; selbst ihre Irrtümer und die Täuschungen, welche sie erleiden, keimen aus ihrer Liebenswürdigkeit. Eine gewisse Ritterlichkeit hat immer ihre Missgriffe erzeugt, auch die letzten. Wenn sie sich wie die Helden geschlagen hatten, dann verziehen sie auch grossmütig wie die Helden. Der ganze moderne Wirrwarr selbst mit Berechnung und Geld wird von ihnen und durch ihre Lebhaftigkeit so bunt und interessant ausgebildet, dass er immer noch einen Schimmer von Poesie behält. Ist ihnen auch oft die Freiheit wieder entglitten, die Gleichheit haben sie aus allen Stürmen gerettet; der reiche Bankier und der ärmste Journalist, einer repräsentiert seinen Monsieur wie der andere; und das ist nicht etwa gesellige Duldung mit allerlei Rückhaltsgedanken, wie man sie in den besten Gesellschaften Deutschlands findet, nein, es ist eine Sache an sich, ein Absolutes. Jeder Mann gilt für einen Mann, und seine Worte werden nach ihrem absoluten Werte beachtet, nicht nach Rücksichten. Das Geld ist mächtig, aber nicht allmächtig. Keime zu allerlei neuen, lockenden Zuständen liegen überall am Tage, nirgends ist Tod und Erstarrung.
Ich wollte mir das neue Königreich betrachten, das gegen alle diplomatische Erwartung aus den Niederlanden aufgewachsen war. Diese wilde Pflanze Belgiens hatte einen eigentümlichen Reiz für mich. Den Polen verzeihen die ärgsten Stabilitätsmänner in schwachen Stunden eine Revolution. Es ist geschichte da, sagen sie, nationales, tiefes Element. Aber was wollen diese Belgier, deren Name so unbekannt und neu ist, wie die Namen Ligurien, Batavien und dergleichen, die aus dem französischen Paroxismus der neunziger Jahre hervorwuchsen? Die Klagen dieses Volkes über Holland, fahren sie fort, sind nur Zeichen von eigensinnigem Übermut, das Ganze ist die frevelhafteste Revolution, die noch dagewesen ist.
Gerade das interessierte mich. Ich glaubte eine mutwillige Freiheitssympatie darin zu finden. Es ist kein ordinäres, anständiges Mädchen, dachte ich, das mit gutem Rechte eine Ehe verweigert, sondern ein eigensinniges, kapriziöses, wildes Ding, das als selbständiges geschöpf auch seine Launen geltend machen will. Und Du weisst ja, solche Mädchen sind mir immer die interessantesten gewesen. Hier ist natur, üppige natur, Ursprüngliches, dort kaltes Produkt beschränkter Erziehung.
So ritt ich denn im Späterbst über die nördlichen Flächen Frankreichs dahin, immer hinab nach der Meeresniederung und sah mich an einem hellen Mittage in den breiten, glänzenden Strassen von Brüssel. Eine vornehme, blendende Stadt! Ich betrachtete mir lächelnd die Kanonenkugeln, die in dichten Scharen aus manchen Häusern guckten, unwillige Zeugen der lärmenden Septembertage und der entschlossenen Holländer, diese schimmernde Stadt um jeden Preis wieder zu erobern. Ich brachte mein Pferd unter und eilte nach dem Park. Vielleicht war es hier das erstemal, dass ich den Kämpfen um Recht und Freiheit grollte, als ich so manchen der schönen, stattlichen Bäume, welche hier ihren majestätischen Schatten ausbreiten, zerstört, verstümmelt sah. Ein stolzer, ausgebildeter Baum ist wie ein fertiger, abgerundeter Mensch, seine Verstümmelung erinnert an Barbarei. Es war ein schöner Tag, wie ihn die späte Jahreszeit in diesen Gegenden bringt, und der Park war erfüllt von Spazierenden zu Fuss, zu Ross und zu Wagen. Ein gewisser Freiheitsübermut lag auf vielen Gesichtern. Eine gelungene Revolution macht stolzer als eine gewonnene Schlacht, man glaubt den eigenen Schulmeister überwunden zu haben, und der dünkt uns bekanntlich immer gelehrter und gewaltiger als alle anderen. Der Menschenschlag in dem neuen Belgien schien mir übrigens wirklich abgesondert und voll Eigentümlichkeit, und ich glaubte eine Menge historischer Schattierungen herauszublicken: spanisches, verschlossenes Feuer aus den