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anders ist's gekommen mit der revolutionären Zeit, als wir erwarteten, es hat manchmal das Ansehen, als trieben Kobolde ihr Spiel mit uns, als sei das Neue schlechter als das Alte, der üppige Kaufmann mit dem Geldbeutel in der Hand widerwärtiger als der alte Adelige mit dem Stammbaum; aber nur weiter, Freund, weiter! Wenn der Gedanke, wenn die Teorie nicht mehr recht behalten soll, dann müsste ja die Vernünftigkeit der Erde und mit ihr die Erde selbst zugrunde gehen. Der Gedanke ist ja der Geist Gottes.

Ich habe Dir seit dem Sommer 30, seit Paris, nichts mehr über mein Leben geschrieben. Offen gestanden, Freund, jenes deutsche Mädchen, jene zauberische Julia hat soviel von meiner ursprünglichen Kraft zerbrochen, dass ich seit jener Zeit nicht mehr gern von mir erzähle. Wir sind wie die Weiber: wir gestehen es uns nicht gern, dass wir älter und somit unmächtiger werden. Julia hat mir das fabelhafte Vertrauen auf meine Kraft und Macht geraubt, und dadurch den Zauber meiner Jugend erschüttert. Sie war das erste Mädchen, das mir widerstand. In jener Nacht, wo ich alles vergeblich aufgeboten hatte, um sie zu erweichen, rannte ich wie toll durch die Strassen von Paris, ich stürzte mich in die Seine, um meine Glut zu kühlen, meine Eitelkeit und Zuversicht waren ins Herz getroffen. Ich kenne den sentimentalen Liebesjammer nicht, den die Deutschen so ausführlich beschreiben, und woraus sie eine Art von Poesie gemacht haben, Wehmut und Tränen kamen mir also nicht zu Hilfe, um die wilde, unbefriedigte Kraft in mir zu brechen, sie musste daher in sich selbst vertoben. O es war eine grausame Wirtschaft!

Als die Ruhe wiederkam und ich mich umsah, da graute mir vor diesem neuen Wesen in Frankreich. Die Lüge hatte den Kampfplatz behauptet, in lauter Täuschungen liess sich das leichtsinnige, törichte Volk herumschaukeln, und es schnitt mir durchs Herz, wenn ich den jubel ansah, welchen sie beim Anblicke ihres neuen Königs erhoben. Dieser Bürgerkönig Ludwig Philipp ist der grösste Repräsentant unserer jetzigen Tage, Gott geb' es, nicht der neuen Zeit. Er ist wirklich der Held einer Durchgangsepoche, welche die Winde beflügeln mögen, und man darf ihm den Ruhm einer gewissen Grösse nicht versagen. Er hat nicht nur das alte Bourbonentum und alles, was um und dran war, bezwungen, nicht nur die Jakobiner unterworfen, sondern allen Liberalismus bewältiget. Man kann ihn Ludwig XIV. des neuen Jahrhunderts nennen: jener hat die Aristokratie gestürzt und ward der Abgott des Adels, dieser hat die Demokratie unterdrückt und heisst der Bürgerkönig. Er besitzt alle Eigenschaften, die zu einem Helden dieser neuesten Art nötig sind, er ist klug, sehr klug, und zwar beinahe so klug als Talleirand, denn er hat's lange nicht merken lassen, dass er klug ist. Er vermeidet ferner die Extreme, setzt Krieg oder Frieden nie auf eine Karte, und wenn er's einmal öffentlich tun muss, so spielt er privatim eine ganz andere, sichere Partie. Das Repräsentativsystem, das sonst den Königen hinderlich war, ist durch seine Klugheit für ihn die bequemste Regierungsart geworden: ist die öffentliche Partei im Nachteile, so tragen die Minister Schande und Verlust, der Tron desavouiert sie und zeigt bescheiden, wie er bereits privatim viel vorteilhaftere Dinge vorbereitet habe; siegt das Ministerium, so schliesst er sich emphatisch diesem Siege an, zuckt die Achseln zur Privatpartei und bedauert gegen die fremden Gesandten, dass ihm die hände gebunden seien. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts regierten die Abenteurer aller Art mit kecken Lügen und Intrigen einen grossen teil von Europa; an die Stelle jener berechnenden Personen sind jetzt berechnete Begriffe getreten; man herrscht jetzt mit einer gewissen Staatsalgebra, und in kurzer Zeit ist aller Fortschritt, den wir erwarteten, auf ein paar Formeln gezogen, diese werden studiert, die neue Wissenschaft ist fertig, ihr Ursprung und Beikram werden auf die Seite geworfen.

Als der Adel gestürzt ward, kam der Despotismus an die Reihe, diesen stürzten die Jakobiner, die Jakobiner unterlagen den Soldaten, die Soldaten überwältigte das Geld. Und das Geld herrscht heute noch, denn die Bildung, deren herrschaft wir zu befestigen glauben, steht im Solde des Geldes. Ludwig Philipp ist auch der König des Geldes, und die Börse bedeutet jetzt Frankreichs Generalstaaten. Was ist nun geblieben von der alten Poesie der herrschaft? etwa die Tapferkeit? Allerdings ist eine gewisse Tapferkeit noch zu finden. Aber diese Tapferkeit hat nichts von jener poetischen Eigenschaft, die wir so nennen, sie ist die Tapferkeit des Kaufmannes, der sich für seine besseren Warenballen schlägt, der aber den Kampf aufgibt, wenn er bedenklich wird, um wenigstens einen teil jenes Vermögens zu retten. Es ist nichts mehr von dem ritterlichen Elemente des Streites zu entdecken, nichts mehr von romantischen Fratzen jenes Schlachtrufes: "Sieg oder Tod, König oder nichts!" nein, "Alles oder doch etwas" heisst die neue Parole.

Diese Prosa beugt mich zu Boden. Die Poesie des Rittertums haben wir gestürzt, und um die Poesie des Liberalismus sind wir vorläufig gebracht. Wird die Zeit kommen und wann wird sie kommen, wo die Geldinteressen wieder die zweite, unterstützende, nicht aber herrschende Stelle einnehmen werden? Frankreich, als Flügelmann Europas, ist auch das Horoskop Europas. Über kurz oder lang sinkt auch die englische Aristokratie unter den Zahlen der britischen Kaufleute, und so