ist früh zertreten worden, der Böhme und Mähre ist langsam aufgezehrt in germanischem Wesen, der Pole ist tief angesteckt von alt- und neueuropäischen Verlangnissen, Ideenrichtungen, er will sogar nichts Eigenes mehr als einen Namen, er verlangt halb französischen halb sonstigen Zuschnitt; deshalb hat der Pole keine Zukunft, er unterliegt dem eigentümlicheren Russland. Findet dieser Repräsentant des mächtigsten Slawentums, findet er Regenten, die ohne Rücksicht auf das alte Europa Russland in ganz eigener Nationalität zu einer Gewalt aufbilden, so kann ein neues weltistorisches Element entstehen, das bisheriges freilich zermalmen müsste.
Selbst ohne so grosse Ausdehnung und Bedeutung kann Polen auf Jahrhunderte als Polen verloren sein, und was jahrhundertelang sich verliert, das wird ein anderes. Lasset singen: 'Jetzt ist Polen doch verloren!'
Wer sich töricht unterfängt, in Schnelligkeit die Weltgeschichte meistern und ändern zu wollen, wie wir in den letzten Jahren als eine Kleinigkeit versuchten, der beklage sich nicht, wenn er zugrunde geht. Handle, wer sich berufen fühlt, aber keiner wage ins einzelne vorauszubestimmen, was werden soll; wir kennen die Welt nur einen Schritt weit. Ich will in meine Heimat gehen, mir eine Hütte bauen, das Weite auch ferner betrachten, aber nur fürs Nächste wirken.
Hofft ihr Juden nicht seit achtzehnhundert Jahren umsonst auf ein wieder erwachend jüdisch Reich, ist das nicht euer Hauptunglück? Warnet die Polen, damit sie nicht mit ihrem starr erhaltenen Schmerze europäische Juden werden? Ihr wollt es heute noch nicht glauben, dass ihr in einem neuen Umschwunge der Welt verloren gegangen seid, und so seid ihr der ewige Jude geworden, der nicht sterben kann und überall leidet. Gott bewahre dies Land vor einem ewigen Polen! Wer nicht sterben kann, lebt auch nicht. Diese Welt kreist einmal nur zwischen Leben und Sterben. Wie glücklich sind die Schotten in Engländer aufgegangen, wie schwer wird den Irländern der Tod, die schon lange Engländer sind, wie bedroht jeder Ruck die Scheinpflanze Belgien, wie ringt Spanien in tausend Schmerzen, weil die einzelnen Reiche nie sterben wollten!"
"Wie sollen wir sterben, wir armen Juden! weiser Christ?" sagte Joel.
"Wenn ihr den Buchstaben der Tradition aufgebt, aufgeklärte Juden werdet, euch emanzipieren lasst, so sterbt ihr, freilich langsam und schmerzhaft. Von jetzt an, wo dieser Gedanke aufkommt, werden noch drei Generationen zuckend leiden, wenn's in Stille fortgeht und nicht nach dem gläubigen Unglauben schlechter Christen eine ganz neue Offenbarung über die Welt kommt. Gesteht's nur, dass ihr just darum so hartnäkkig seid, weil das Christentum aus euch erwachsen ist, weil ihr die altklugen Väter bleiben, den überflügelnden Kindern nicht weichen wollt; es gäb' lang' keine Juden mehr, wäre das Christentum unabhängig vom Mosaismus entstanden."
"Vorderhand will ich schachern!"
Mit diesen Worten erhob sich Joel, und die beiden Wanderer schritten im Winde, der immer mehr dunkle Abendwolken zusammenjagte, auf Krakau zu.
Dritter Band
Die Bürger
1. Hippolyt an Valerius.
Zu Pferde, Kind, zu Pferde, Kind,
Lasst uns die Welt durchreiten,
Die Erde rennt so blitzgeschwind,
Sie wird uns noch entgleiten.
Weisst Du noch, mein Lieber, wie ich diesen Vers in die Luft hineinsang? Ich wusste selbst nicht, wo er herkam. Wenn man ein wenig poetisches Geschick hat, da treten oft die verborgensten Gedanken des inneren plötzlich als kleine sangbare Verse auf unsere Lippen. Das ist das Geheimnis der Poesie und der Welt, am Ende weiss kein Mensch, wie er zur sogenannten Wahrheit kommt, auch die Gedanken sind Zufälle oder göttliche Ordnung. Es war damals ein schöner, frischer Sonnenmorgen, und wir ritten über die taublitzende Fläche hin, die Augen nach den fernen, dampfenden Bergen richtend. In der Kraft unseren Jugend, in der Frische des Morgens fühlten wir allen Reiz des Daseins, und schworen lustig hinauf zum Himmel, dass diese Welt zur Freude geschaffen sei, zum Tummelplatze des kecken, mutigen Menschen, und dass wir das beweisen wollten durch unser fröhliches Wanderleben bis zum lachenden, munteren tod selbst. Das alte Europa, das damals seine morgen helfen, wir jungen, romantischen Narren! Nun, Freund, wir leben doch für etwas, wenn wir auch den Schmetterling nicht mit drei schönen Worten aus der Puppe locken; alles, was geschieht, ist interessant für uns, wir sehen überall neue Jugend sprossen. Wenn wir uns auch tausendfach irren, so leben' wir doch, das heisst, wir empfinden nach allen Richtungen unsre Existenz, wir haben Interessen, und der Tod findet doch etwas an uns zu töten, der nächste Planet etwas fortzusetzen. Unsre übermütigen Jugendpläne, die Welt umzugestalten, haben wir wohl zum teil aufgegeben, wir sind erschrocken vor der Mannigfaltigkeit der Welt, vor der Unerschöpflichkeit ihrer Verhältnisse und Zustände. Aber so kleinmütig und verzagt wie Du, mein Freund, bin ich noch lange nicht. Pfui! was war das für ein mutloser Brief, den Du mir aus Warschau geschrieben! Kopf in die Höhe! Vielleicht finden wir schon nach den nächsten Schritten das Absolute, worin alle Schönheit und Herrlichkeit zusammengedrängt ist, das Zauberwort, das alle Geheimnisse löst. Immer weiter im einmal begonnenen Laufe, "Lass brausen, Freund, lass brausen," wir sind einmal auf dem Wege, und Kinder und Weiber kehren um, wenn die Wetter losbrechen und alles stürzt und fällt.
Ja, es ist wahr,