wie ein kindischer Knabe, sie sieht ähnlich ihrer Mutter, wie du mir siehst ähnlich, Joel, da ich jung und töricht war; das Herz ist mir im leib gesprungen, ich habe eine sündliche Erinnerung gehabt an die Zeit, wo ich meinem volk untreu ward mit einer Tochter der Abgefallenen, ich habe es gebüsst mit einer strengen Strafe, die ich mir auferlegt. Frage nichts, mein Sohn, es wird mir sauer, davon zu sprechen, im schwarzen Kästchen findest du Briefe und Zeichen, es wird mir schwach, mein Sohn, rücke mir das Kopfkissen." –
In dem Augenblicke drang wilder Lärm ins Haus; die Russen hatten Kunde erhalten von den Fremdlingen, die Manasse beherbergte, von Manasses Reichtume, den er vergraben halte; Valerius flüchtete auf Joels Geheiss hinten aus dem haus, Manasse, im Sterben gestört, riss sich mit letzter Kraft aus dem Bette und stellte seine Entsetzen erregende Todesfigur dem Feinde entgegen.
"Ich habe nichts als mein Kind Joel, weicht von der Schwelle eines sterbenden Mannes, oder der Fluch Adonais zerschmettre euer Gebein und eure Seelen."
Man stiess ihn beiseite und durchsuchte das Haus; er war auf die Erde gefallen, und der starke Wille rang mit dem stark eindringenden tod.
Unter polterndem Geräusch, mit diesem oder jenem beladen, fluchend zogen die Soldaten wieder ab – "steig in den Keller – Joel, grab links im Winkel – schnell – bring mir das schwarze Kästchen – schnell." –
Joel wollte den sterbenden Vater nicht verlassen, aber krampfhaft schleuderte ihn dieser von sich – "das Gold allein – erhält uns – in der Menschenwüste – fort, Joel!" –
Joel eilte in den Keller, fand das Kästchen und brachte es Manasse, der mit brechenden Augen und schwer arbeitender Brust am Boden lag. Beim Anblick desselben öffneten sich noch einmal die Augen weit, er griff danach und stiess noch folgende Worte schnell heraus: "Ich habe edel sein wollen, sie haben mich verachtet – ich habe mich um nichts mehr gekümmert als um das Geld, es ist das beste, was wir haben, mehr' es, ach, Joel, mein Sohn!" –
Das Kästchen entfiel ihm, er griff mit den magern Händen heftig nach dem gesicht seines Kindes und verschied.
Tief im Hintergrunde des Gemütes lagen bereits diese Verwüstungstage, als Joel, ein wandernder Bandjude, und Valerius, ein Bauer im südlichen Polen, über die Fläche hinstrichen – es war über einen monat seit dem Falle Warschaus vergangen, so langsam hatten sie laviert, um durch den herrschend gewordenen Feind hindurchzukommen bis in die Nähe des Krakauschen Gebietes. Unterdessen war die polnische Armee nach mancherlei stürmischen Versuchen in der Wahl eines neuen Generalissimus, in der Wahl eines neuen Feldzugsplanes an die Preussische Grenze gedrängt worden, war dort übergetreten, hatte die Waffen niedergelegt, war aufgelöst; unterdessen war auch der rauhe Herbstwind tätig gewesen, das Laub fing zeitig an von den Bäumen zu fliegen, der Himmel ward grau und grauer. Die beiden verwüsteten Wanderer sprachen wenig oder nichts von den nächsten Dingen, nur zuweilen, wenn sie ruhten und das kümmerliche Mahl aus dem Reisesacke sie gestärkt hatte, sprachen sie, und dann wurden es stets allgemeine Beziehungen, und es klang wie verlorenes Wort in eine Wüste hinaus.
In diesem südlichen Teile des Landes fanden sie mitunter eine Laubholzung, und an einem bleichen Nachmittage, als sie, eine solche verlassend, wieder ins Freie traten, sahen sie am Horizonte Krakau, die alte ehrwürdige Polenstadt, die Stadt des polnischen Gesanges und der Kirchen, vor sich mit den plumpen Türmen.
Sie setzten sich unter einen Eichenbaum, der spärlich gegen den rauhen Wind schützte, und verzehrten ihr hartes Brot, zu dessen Würze Joel einige Zwiebeln hatte. Als das kümmerliche Mahl beendigt war, sahen sie noch lange schweigend in die traurige Welt hinein; in kleiner Entfernung lagen mehrere tote Pferde zerstreut umher – das Rozyckische Korps hatte sich hier noch lange gewehrt; ein Mensch war nirgends zu sehen.
"Das Studium der Weltgeschichte," hub Valerius an, "ist unser trauriger Trost; jede neue Epoche findet eine neue Stellung zu ihr, eine neue Erklärung derselben, und doch halten wir uns immer an diesen einzigen Trost, weil wir uns immer erst beschwichtigt glauben, wenn die Dinge auf ein Gesetz geführt sind. Menschen! auch unser Stolz ist ein mitleidig gewährter Sonnenblick, damit wir unsere Schwäche vergessen. Vor kurzem war es unsere natürlichste geschichtliche Forderung, dass Polen bestehen müsse, das Schicksal entscheidet anders, wir erfinden ein anderes geordnetes Räsonnement, damit wir unter einem neuen weltistorischen gesetz doch den Anschein bewahren, als beherrschte unser Geist die Welt. Menschen! Und wir sind einer wie der andere.
Ich habe nun die Polen gesehen; sie sind wieder besiegt, und ich glaube jetzt, sie werden nie siegen, sie werden zermalmt unter einer grossen historischen Kombination. Von Zeit zu Zeit wird die Welt verjüngt durch frische, von aller Kultur unberührte Völker. So kamen einst die Römer gegen die Griechen auf, die Germanen gegen die Römer. Die asiatischen Slawen haben ihre Zeit noch nicht gefunden, vielleicht finden sie selbige nie, sie scheinen unschöpferisch, in der Einzelheit unbegabt; vielleicht bilden sie doch einst ein neues grosses Element der Weltgeschichte. Aber ihre Vorposten sind sicher verloren, wie es einst den Vandalen, den Alanen, selbst den Hauptstämmen der Goten ergangen ist: der Wende, der Obotrite, Wilze, Leche