ungebildeter Persönlichkeit auseinanderklafft und deshalb wieder verloren hat sein Spiel, es wird ihm nicht viel besser gehen als den Juden, und wenn es nicht wandert, so wird es doch beherrscht sein von Fremden, freilich immer noch ein Glück gegen ein Geknechtetwerden in der Fremde! Hatten meine Väter vor ihrem Untergange Streitigkeiten unter sich, so waren's doch grosse fragen der Ewigkeit. Der Sadduzäer sprach: Es lebt kein Fleisch fort in anderer Welt, der Pharisäer wollte Gesetz und Prophezeiung und Glaube wörtlich und ganz. Habt ihr die fragen geschlichtet, an denen wir untergegangen sind? – Was war hier neben uns, hier in Polen zu fragen? Über ein bisschen Verwaltung, ob das Ding so heisst, oder so – pah! Aber was höhn' ich, so spricht kein Schacherjude, und mein Unglück ist unwandelbar."
Er setzte sich erschöpft nieder; Valerius rastete schweigend neben ihm. Dann sprang er hastig wieder auf und rief: "Ach, ich sollte fliegen, Manasse hat mir nach Warschau sagen lassen, er sei schwer krank, und 'wo bleibt mein Sohn Joel?' und ich bin meinem Vergnügen mit der kleinen Hedwig nachgelaufen, 's war wohl ein schlimmes Vergnügen, und nun ist's aus für immer, aber es war doch mein Gelüst, und ich habe versäumt, was allein hält in diesem Leben, das Band zwischen Eltern und Kindern. Vater Manasse, lebe noch, ich komme; du bist vom besten Stamme, vom Stamme Levi, und jeder Jude hat ein zäheres Leben als ein Mensch von anderem Volk; wir sind in allen Dingen die Aristokratie der Welt, von reinem, uraltem Blut – aber was hilft alle Wahrheit, und was ist wahr? Das, was geglaubt wird, sonst nichts. Wir ältesten Aristokraten, wir handeln mit Band und heissen Juden – o Hedwig, wenn du mich einen Augenblick geliebt hättest, dann wäre alles gut – weiter, weiter!"
Die Wanderer kamen des Abends vor dem Städtchen an, in welchem Manasse wohnte; sie traten in das erste Häuschen, um sich zu orientieren und umzukleiden. Das tat wirklich not, denn es war ein Trupp Russen im Orte; in dem haus wohnte ein jüdischer Trödler, welcher Joel mit lebhafter Freudenäusserung empfing und mit wahrem jubel den Anzug eines wandernden Bandkrämers zusammenschleppte, einmal über das andere rufend: "Nun haben wir Euch wieder, Herr Joel, nun seid Ihr wieder von unsere leute! Gottes Wunder, wie wird sich der heilige Rabbiner, Euer Vater Manasse, freuen!"
Joel strich sich die Haare anders, und der elegante Reiter glich wirklich im Handumkehren einem Bandjuden aufs Haar, so dass Valerius erschrak. Die Klagen des schönen jungen Mannes, welche er so lebhaft mitfühlte, waren ihm viel würdiger erschienen, solange der Klagende in besserer Kleidung neben ihm hergegangen war. Er schalt sich über solche Schwäche, fuhr in den Bauernanzug, der ihm auf Joels Veranlassung geboten wurde, und begleitete diesen zu Manasse.
Es war ein kleines dürftiges Haus, sie traten in die stube und fanden sie dunkel.
"Wer stört einen sterbenden Juden?" stöhnte eine leise, hohle stimme aus dem Winkel.
Joel, mit der Örtlichkeit vertraut, ging ein paar Schritte seitwärts und machte Licht.
"Weh mir, wer dringt in mein Haus mit Gewalt?" sprach stärker die traurige stimme. Valerius sah zwischen dem Ofen und einem alten Schranke in schmutzigem Pelzrocke eine Gestalt hocken, zusammengekrümmt, mit langem, schneeweissem Barte und kahlem haupt: er hätte von selbst Manasse nicht wieder erkannt.
"Vater Manasse!" sprach Joel leise.
"Gott meiner Väter! meine Ohren sind stumpf, meine Augen sind stumpf, aber das ist ein Paradiesesodem, der mich umweht!"
Und lang auf richtete sich die magere todesartige Gestalt und streckte die zitternden, dürren hände vor.
"Vater Manasse, es ist Joel, Euer Kind!"
Die Erkennung und Begrüssung hatte etwas schauerlich Heftiges, Konvulsivisches. Der Alte fiel darauf erschöpft zusammen, und mit den Worten: "Nun, Gott Abrahams, lass deinen alten Manasse in Frieden fahren, du hast meine Gebete erhöret," ward er bewusstlos.
33.
Manasse lag auf dem tod; die letzten Monate, wo er sich von seinem Sohne verlassen glaubte, wo sein Besitz in fortwährender Gefahr schwebte, hatten ihn reissend schnell ans Grab geführt; der Freudenmoment des Wiederfindens hatte seine Kraft erschöpft.
"Behalte, mein Sohn Joel, behalte den Rock, den
du zur Freude deines Vaters wieder angezogen hast; bleibe ein Jude, und du behältst dein Volk zum Troste, deine Väter und das Unglück deiner Väter, du behältst reine Tränen und ein stilles Herz; lass mich gelitten haben für dich, mein Sohn! Ich habe gelebt unter den Christen, mit ihnen, für sie, ich habe eine ihrer vornehmsten Töchter geliebt, sie hat mich wiedergeliebt, solange sie mich hielt für ihresgleichen, du bist ihr Sohn, Gott meiner Väter, verzeihe mir diesen Abfall von meinem volk, verzeihe mir dies Geständnis, es ist mein einziges Kind, dem ich's sage, die Wege der Menschen sind wunderbar, es kann ihm nützen; die schöne Dame, Joel, die du gesehen hast bei des Herrn Grafen Stanislaus stolzem Vater, die schöne Dame aus Deutschland ist die Tochter deiner Mutter. Gottes Wunder! ich habe sie angeschaut, als sie bei mir vorbeigeritten ist, in Warschau,