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Streiche gemacht. Es habe eine lang verlorene schöne Geliebte gesucht und mit schwimmenden Augen ihren Schatten dafür angesehen und ihn brünstig umarmt. Verstehen Sie das? – "Herr, dunkel war der Rede Sinn." – Ich muss ihn beim Tee bitten, mir's deutlicher zu machen; des Abends ist er immer am zugänglichsten, da tritt er mit mir in den Fensterbogen und spricht allerliebst über lauter kleine unbedeutende Dinge; aber er sieht alles so eigen, ich möchte sagen so gross an, dass man lauter Neuigkeiten hört. Fatal ist's mir, dass man uns nie lange allein lässt; denn allein schwatzt er viel zutraulicher. Namentlich ist Herr William immer gleich bei der Hand. Irre ich mich nicht ganz, so macht mir dieser lebhaft den Hof. – Was sagen Sie dazu, und was wird er sagen, den Sie kennen? Ich glaube kaum, dass William auch unter anderen Verhältnissen Glück bei mir machen kötmte. Sein Äusseres ist im grund gar nicht übel: er ist hoch und schlank gewachsen, indessen fehlt dem Wuchse die eigentliche Konsistenz, er ist gertenartig. Dunkelblonde, schief gescheitelte Haare legen sich schlicht an einen ziemlich kleinen Kopf, der durch ein schönes blaues Auge interessant wird. Sein Anzug ist von weitem angesehen modern; guckt man aber in der Nähe danach hin, so sieht man, dass er nach der vorletzten Mode, gewissermassen schon altfränkisch ist. Das kann, ich an einem jungen mann durchaus nicht leiden: Halstuch, Halskragen, Jabot, Weste, – das alles, obwohl vom feinsten Stoffe, sitzt so verwirrt und unordentlich durcheinander, dass man kaum eines aus dem andern herausfindet. Er ist sehr rigoristisch und von äusserst strenger Moral; das macht mir Todesangst; ich liebe den Leichtsinn und die leichteste Beurteilung über alles. übrigens besitzt er unleugbare und grosse Vorzüge; er spricht schön und geordnet, ist äusserst unterrichtet, selbst nach Valers Zeugnisse sehr verständig, dichtet reizend, spielt die meisten musikalischen Instrumente vortrefflich, er ist mitunter sogar äusserst liebenswürdig, besonders wenn er lacht. Seine Manieren sind hart wie seine Moral, aber bestimmt, fest, ohne Verlegenheit. Denken Sie sich ihn stets im blauen Frack. Der kleine Leopold ist sein Pol. Sie wissen, dass dieser schon früher hier war und uns wörtlich die Zeit vertrieb. Der Graf hatte ihn im Teater in einer Ecke der Loge gefunden, wo er zusammengekauert wie ein kleiner Gnom sitzend auf die Ouverture der Dame blanche gehorcht hatte. Plötzlich war er lebendig geworden, hatte wie ein Regenwurm gezappelt, wenn eine schöne Stelle darangekommen, und war bald darauf ohne weitere Einleitung mit dem Grafen in ein Gespräch über Oper und Musik geraten. Mit Alberta, die auch da war, machte er sich alsbald bekannt, ist beweglich, gefällig, redselig, liebenswürdig, dass ihn der Graf zum Souper bittet, und binnen achtundvierzig Stunden ist er mit hieher nach Grünschloss gefahren, hat tausend Geschichten erzählt, zehn Sonette gemacht, ist häuslich eingerichtet und wie ein Glied der Familie, wie ein gern gesehener bunter Papagei, dem man Zucker schenkt. Es ist ein pudelnärrisch Kerlchen, romantisch vom Scheitel bis zur Sohle, gewandt und beweglich wie ein Püppchen, verliebt und hübsch wie eine Amorette. Er ist klein und zierlich gewachsen, ein schwarzer Krauskopf, hat schwarze, muntere Augen, ein scharmantes ovales italienisches Gesichtchen, ein weiches angenehmes Organ und den schönsten deutschen Akzent, den nur Valers an Richtigkeit, nicht aber an Schönheit übertrifft. Es ist nicht das schneidend scharfe Norddeutsche, sondern die südliche Weiche hat sich sanft um die nordische Schärfe gelegt, so dass man sie nur zuweilen ahnt, aber nie unangenehm empfindet. In Valers Akzent tritt sie schon mehr hervor. Dazu kommt, dass Leopoldus, der Provenzale, wie er meist genannt wird, fortwährend in poetischer Schwebelei zappelt und von Blumen und Düften redet; Valer aber nur selten eine lodernde Fakkel aus seinem Gemüte holt. Sie sehen, es steckt an, ich schreibe auch sogleich emphatisch. übrigens ist der Kleine nicht so unangenehm in dieser steten Verzückung, als man glauben sollte; er besitzt viel Geist und ist keineswegs ein gewöhnlicher Wortklimperer. Was mir an William so sehr missfällt, ist, dass er ihn unglaublich wegwerfend behandelt, ungefähr wie ein Rechtgläubiger einen Ketzer. Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr geduldige, nachgiebige Moral habenaber es bleibt doch immer garstig und ist so sehr hübsch und gut von Valer, dass er ihn wie einen flatternden, lieben Knaben hält, dem er lächelnd zusieht, den er oft streichelt, zuweilen aber auch mit ein paar ernsten Worten zurechtweist. Diese Art von Liebe fühlt auch Leopold sehr, er, unterwirft sich ihm leicht und sogleich und liebkost ihn oft, wie ein Mädchen ihrem Liebsten tun mag. Da ich zufällig wie ein Pfäfflein schon zweimal von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe, so muss ich auch der Moral Valers gedenken. Aber wie fang' ich das an? Ich habe das Wort nie von ihm gehört. Nach manchen leichten Äusserungen, die er immer wieder in andern für mich schwer verständlichen Worten verbarg, scheint er ein schlechter Christ zu sein. Als ich ihn neulich des Abends, da die Gesellschaft auseinanderging, fragte, ob er denn auch betete, da schüttelte der freche Mensch lächelnd den Kopf und sagte: "Neinich sehe viel in die Nacht, in Mond und Sterne hinein, und frage sie, wer sie so schön gemacht