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getroffenen heransprengte, das Nötige hörte, das Pferd nach ihnen wendete und schreiend hinter ihnen dreinsetzte. Sie waren eben bis zwischen die Bäume gekommen, ein Ruck verriet, dass der Lanzenstich des kosacken gegen einen Stamm geprallt war, wenige Momente darauf knallte ihnen aber ein Schuss nach, und sie hörten den Lärm der aufgeschreckten Schläfer.

Hedwig, welche wieder die Hand von Valerius ergriffen hatte, zuckte heftig zusammen, sie war getroffen. Nur eine kleine Strecke konnte sie noch vorwärts, dann brach sie zusammen; der Wald war ein dichtes Gestrüpp; Valerius trug sie noch einige Schritte mit Hilfe Joels, der bei Erkennung des Unglücks in Jammer ausbrechen wollte und nur mühsam von Valerius zur Ruhe gebracht wurde. Mitten in dem dichten Gestrüpp kamen sie auf einen kleinen lichten Fleck, etwa von der Grösse eines Zimmerchens; dort ertasteten sie einen mit der Wurzel herausgerissenen Baum; durch die ausgehobenen Wurzeln hatte sich unten eine Art Höhlung gebildet, da hinein brachten sie das arme Mädchen.

Unterdessen entstand rings im wald ein brausendes Getümmel der nacheilenden kosacken, die in den eng stehenden Bäumen nicht wohl fortkamen; bald sahen die Flüchtlinge über das Gestrüpp herüber auch Kienspäne leuchten; aber man glaubte die Fliehenden schon weiter, es hielt sich kein Verfolger damit auf, durch das dichte Gesträuch einen beschwerlichen Weg zu suchen.

Der Lärm und die Gefahr hörten aber keinen Augenblick auf, und man musste des Schlimmsten gewärtig sein.

Der Schuss war in den rücken des Mädchens gedrungen, die Sprache wurde immer schwächer, der Tod näherte sich schnell. Und noch in diesem Zustande wies sie die beflissenen Dienstleistungen Joels zurück. Als der weiter spähende teil der kosacken wieder am Versteck vorüber zurückzukehren schien, starb die arme Hedwig in Valerius' Armen.

Die Freunde sassen erstarrt und schweigend bei der Leiche bis zum Morgen; der Gedanke an den nahen Feind schien ganz vergessen zu sein; wenigstens ging Joel ohne weitere Vorsicht, sobald es Tag geworden, hinüber nach dem Heidedorfe, um ein Grabscheit zu leihen.

Die kosacken waren glücklicherweise fort, er fand den Spaten, grub auf der kleinen Lichtung seiner Geliebten, die bis in den Tod seine Liebe abgewiesen hatte, ein tiefes Grab und bestattete sie mit dem ebenfalls schweigenden Freunde in schauerlicher Waldesstille.

Sie waren später auf dem Wege nach Joels Vaterstädtchen, wo der alte Manasse schwerkrank daniederliegen sollte. Valerius konnte den Versuch nicht mehr wagen, durch die verfolgenden Russen hindurch bis zu Ramorinos Korps zu dringen, er musste Joels Vorschlag annehmen. Dieser war Tag und Nacht mit ihm durch die Wälder gewandert, zehnmal hatten sie seitab sich bergen müssen, um den russischen Truppen zu entgehen; Joel hatte nur das Allernotwendigste gesprochen; am nächsten Morgen war ihm der starre Schmerz in strömende Tränengüsse aufgegangen, und damit war ihm denn auch die Sprache wiedergekommen, und er konnte in einem gewissen Zusammenhange folgendes vorschlagen: Valerius solle mit zu Manasse kommen, von dort wollte ihn Joel nach Krakau bringen.

"Dort," sagte er, "werden wir diese unglücklichen Soldatenjacken los, ich werde wieder das, was ich bin und bleiben muss, um eine Existenz zu haben, ein Judenjunge, ich gehe auf den Schacher, da lässt mich die Welt gewähren. Sie stösst mich, sie behandelt mich verächtlich, sie weist mich in den Winkel; aber das wird meinem Herzen wohltun, es wird Ruhe haben. Ich habe ein Mensch sein wollen mit Menschen, man hat dazu gelächelt, und ich habe leider nicht sterben können an diesem Lächeln; andrer Unglück ist der Tod, unser Unglück ist das Leben. Namenlos, namenlos Unglück! Ist's ein nationaler Zug, den wir vom Jordan mitgebracht haben, diese feige Liebe zum Leben, oder ist er uns eingewachsen durch die über tausendjährige Gefangenschaft? Wer weiss es? Oder hängen wir in aller Erniedrigung stolz und gläubig an der alten Tradition, das vornehmste Volk, das auserwählte Volk Gottes zu sein? – Wir können den Tod nicht suchen und wünschen, so notwendig er uns sei. Ich werde ein Schacherjunge, um weiter zu leben.

Und was hab' ich erlebt! Ein gemeiner Bauer verschmäht den Ausdruck meiner Teilnahme; ein Mädchen, das mich geliebt hätte, ich weiss es, wäre ich ihrer Abstammung gewesen, diesem Mädchen blieb ich zuwider bis in den Augenblick des Todes, weil mein Leib eine nationale Atmosphäre hat, die ihr fremd und unheimlich ist, weil ich an den Jordan gehöre und an der Weichsel ein verachteter Fremdling bin. Fremd, fremd, fremd! in dem Worte liegen alle Abgründe der Existenz! Euch stinkt die Zwiebel, die anderen duftet. Nur das verwegene Glückskind trete aus seinem Kreise, ich werde ein Schacherjude und vergesse meine Philosophie und Kenntnis, die ich in falschen Kreisen erlernt habe; Gott gebe, dass ich zurück kann! Der Christ verstösst mich, und ich habe schon lange den Juden in mir verstossen! Weh! Dies wird der Zwitterzustand, den diejenigen durchmachen müssen wie eine lebenslange, schmerzliche Geburt, die sich einlassen auf Emanzipation. Ihr haltet diese Gewährnis der Emanzipation für eine besondere Gunst, für ein wohlschmeckendes Recht, das ihr uns gewährtweh, der emanzipierte Jude zieht ein stechend Hemd auf seinen Leib, das er Zeit seines Lebens mit Schmerzen tragen muss, um aussen Frack und Weste darüber zu tragen, wie ihr tragt. Wer hilft, wer hilft gegen historisch Unglück?

Und diesem volk, das in grobe Kinderei entzweit ist, diesem polnischen, das in