stand eine Weile unangefochten neben der unbeweglich sitzenden Gräfin, das Feuer beleuchtete sein verwildert fliegendes, dickes Haar und seine Züge, welche die entsetzlichste Wut ausdrückten – nur Joel entfuhr der Ausruf: "Florian!"
"Schweig, Jude!" erwiderte dieser, und in demselben Momente verschwand er unter den Pferden. Der Kosak, an dessen Tier er gefesselt war, hatte es fortgedrängt, Florian war hinuntergezerrt, und da die kosacken nach der Erschütterung des Schweigens eine lebhafte Bewegung machten, so war er unter den Hufschlägen ihrer Rosse zermalmt worden.
Der erste Morgenschein flog grau über den Himmel, man erkannte, dass die alte Gräfin leblos war und nur noch mumienartig dasass; schonend hoben sie die kosacken aus dem Wagen und setzten sie an einen Baum. Dort sass sie, drohend noch im tod, als man aufbrach, eine schreckliche Leiche einsam im wald; einige Schritte vor ihr lag der verstümmelte Leichnam Florians, einige Schritte neben ihr der erschlagene Graf, ihr Sohn. Hedwig, Valerius und Joel sahen noch tiefer aus dem wald auf die Lichtung zurück, über welche ein grauer Morgen aufging. Hedwig war totenbleich, aber ohne Träne.
32.
Der Kosakentrupp, welcher die drei Gefangenen transportierte, war folgenden Tages nicht weit gekommen; die Nachricht vom Falle der Hauptstadt mochte beim Ramorinoschen Korps eingetroffen sein, wenigstens hielt es inne in seinem Marsche, und die leichte Verfolgung der kosacken ward dadurch ebenfalls gehemmt. Sie rasteten des Abends in einem kleinen Heidedörfchen, und der teil, welchem zunächst die Bewachung der Gefangenen anheimfiel, nahm eine Scheune und deren Umgebung zum Nachtquartier. Hedwig war noch immer sehr begünstigt und durfte ohne Fessel bleiben; man sah es nicht gern, wenn sie sich den beiden Schicksalsgefährten zugesellte, hinderte es aber doch nur leichtin und ohne Nachdruck.
Es wurde Nacht, die kosacken lagen unordentlich auf der Tenne umher und schliefen, durch die zerschlagenen Torflügel der Scheune schimmerten die in Kohlen zusammenfallenden Feuer herein, um welche her die Piken aufgesteckt waren und die kleinen Pferde standen und lagen.
Valerius und Joel, denen die hände fest auf den rücken gebunden waren, blieben wach und dachten auf Flucht. Hedwig lag in einiger Entfernung von ihnen und sprach leise zu Valerius herüber. Der Kosak neben ihr hatte dies zwar mehrmals verboten, wenigstens war durch Pantomime und Betonung dies unverkennbar gewesen, obwohl sie des kosacken Mundart nicht verstand, sie hatte aber keine Notiz davon genommen, und der Kosak war endlich eingeschlafen.
"Nach einer Viertelstunde," sagte sie leise, "werde ich meinem Wächter das Messer aus dem Gürtel ziehen und den Strick durchschneiden, an welchem er mich festält, dann komme ich zu Ihnen, um Ihre Bande zu lösen – geben Sie doch dem Kerl, welcher von hier aus vor Ihnen liegt, einen Stoss, damit er sich ein wenig anders legt, über seine breite Figur kann ich nicht geräuschlos wegsteigen."
Es geschah, der Gestossene knurrte und erwachte halb, warf sich aber in eine andere Lage. Hedwig vollführte an ihrem Nachbar das Vorhergesagte glücklich und schlüpfte leise zwischen den schlafenden Gestalten hin, hier über ein Bein, dort über einen Arm hinwegschreitend – plötzlich entstand ein Geräusch vor der Scheune, und mehrere kosacken fuhren in die Höhe; Hedwig, die just neben Valerius angekommen war, kauerte sich zusammen; die kosacken riefen hinaus, und man antwortete von draussen; Hedwigs Lage war peinlich, und wenn ihr eigentlicher Wächter erwachte, so wurde sie mehr als dies. Dennoch schnitt sie in Eile die Stricke um Valerius hände durch und gab ihm das Messer, damit er Joel ein Gleiches tue.
Mit Entsetzen gewahrte sie, dass auch ihr Wächter jählings sich aufrichtete und seine stimme zu einigen unverständlichen Lauten erhob – aber wie bewusstlos und vom Schlaf überwältigt fiel er sogleich wieder zurück; es ward still.
Schweigend verharrten die drei zur Flucht Fertigen; Joel ergriff im Drange seines Gefühls Hedwigs Hand, um sie zu küssen, sie zog dieselbe aber rasch zurück, und Valerius bei der seinigen ergreifend eilte sie vorsichtig über die Schläfer hinweg nach dem Tore. Dort schlüpften alle drei durch die Öffnung, welche durch losgerissene Planken geboten war. Sie standen im Freien, der Wald lag nur etwa zwanzig Schritt entfernt, die Nacht war schwarz und finster, wenige Kohlen glühten noch in den Haufen. Es musste aber darauf gerechnet werden, dass an mehreren Punkten eine reitende Schildwacht aufgestellt sei, die man umgehen müsse; die schwere Aufgabe blieb auch noch übrig, sich durch den Knäuel von Pferden und Lanzen und auswärts Schlafenden ohne Geräusch hindurch zu schleichen; Hedwig riss eine Pike aus der Erde, die beiden Folgenden taten ein Gleiches, sie waren glücklich den gefüllten Kreis passiert, da hörten sie dicht neben sich den langsamen Tritt eines Pferdes. Dies war der patrouillierende Kosak; sie bückten sich rasch zur Erde, sein Auge aber, schon mehr an die Nacht und Dunkelheit gewöhnt, schien doch etwas gesehen zu haben, er hielt sein Pferd an und streckte wie prüfend und untersuchend die Lanze nach der Gegend, wo sie kauerten. Hedwig, welche zunächst damit in Berührung kam, schlug sie fort, sprang auf und stiess ihre Pike mit aller Anstrengung nach dem Reiter. Ein Schrei, eine lebhafte Bewegung des Pferdes war die nächste Folge. Die Fliehenden eilten jetzt rücksichtslos schnell nach dem wald, hinter sich hörten sie den schnellen Pferdetritt und ein paar hin und her fliegende Kosakenworte, zuverlässig war es der zweite Wachtposten, welcher zu dem ersten,