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die einzelne person dem allgemeinen Bewusstsein einer allgemeinen notwendigkeit untergeordnet worden, in welcher das Opfer im feinsten Sinne des Wortes unbekannt geblieben sei. In dieser Weise habe auch Krukowiecki blindlings hineingewirtschaftet und nur dafür gearbeitet, bis zum letzten Augenblicke, selbst als Überlieferer an den Feind, die Hauptperson zu bleiben; nebenher sei er der gepriesene Patriot gewesen, mehr aber Krukowiecki als Patriot.

Sie waren im Freien, links nach der Strasse von Plock zog das Heer, geradeaus vor ihnen lag der Weg nach Siedlce, die früher so wichtige grosse Chaussee. Auf dieser wollte die Familie weiter, um dann rechts durch die Wälder nach ihrem Gut zu gelangen und dort ergeben die weitere Entwicklung des Dramas abzuwarten. Hedwig bat unter immerwährenden Tränen, Valerius möge sie begleiten; das kindliche Anschmiegen rührte ihm die Seele; Florian, düster und niedergeschlagen, fand sich mit einigen Bauern ein, um, wie er sagte, die alte Gräfin in Sicherheit zu bringen; er antwortete dem fragenden Valerius, das Ramorinosche Korps rücke durch die Wälder herauf, dem könne er sich anschliessen; der Graf sprach nicht ein Wort, der Wagen rollte weiter; Valerius trabte halb unschlüssig hinterher, von der sich zum öftern umschauenden Hedwig wie gezogen. Er wusste es, wie gefährlich der Weg für ihn sei mitten in das von Russen überschwemmte Land hinein.

Florian mit den Bauern war beritten, es ging rasch nach den Wäldern zu, in einiger Entfernung folgte ein einzelner Reiter.

Auch Florian sprach kein Wort, nur seine Handbewegung drückte aus: "Alles ist verloren," ein einziges Mal, als Valerius sagte, es sei ja nur Warschau hin, erwiderte er: "Warschau ist alles, die grossen Herren haben ihr Spiel verloren, und wir kommen hinterdrein."

Bei einbrechender Nacht vernahm man aus der Ferne jenes ruckweis murmelnde Geräusch, welches den Anzug von Truppen bezeichnet; der Wagen hielt still; Florian und die Bauern ritten auf Rekognoszierung aus; es war eine windige unfreundliche Nacht, der Hufschlag des Reiters, welcher dem zug gefolgt war, näherte sich rasch, hielt aber plötzlich still, als er etwa auf zehn Schritt dem Wagen nahe gekommen war.

Valerius ritt langsam und vorsichtig nach ihm hin, und erkannteJoel.

Florian brachte die Nachricht, es sei ein teil des Ramorinoschen Korps, wahrscheinlich dessen Avantgarde, man könne die Reise ruhig fortsetzen. – Dies Korps war dadurch so verspätet worden, dass es sich mit Gefechten gegen den Feind zu tief eingelassen, und dass es mehrmals widersprechende, mitunter ganz sorglos klingende Nachrichten von Warschau erhalten hatte.

Es konnte wünschenswert sein, Stanislaus darunter ausfindig zu machen, damit sich dieser seiner Braut annehme, es sprach aber niemand davon, es war Nacht, und, wie immer bei solchem Begegnen, von grosser Schwierigkeit, aus einem marschierenden Heere den einzelnen auszufinden. Um einen ungenierten Fahrweg zu gewinnen, bog man auf Nebenwege ab, die Nacht war bald wieder still und tot um die Reisenden, und Valerius, den eine schwere Bangigkeit überfiel, tiefer in das verlorne Land hineinzureiten, fand es nun doch geratener, einen Rückweg zu suchen, welcher ihn mit der Ramorinoschen Kolonne vereinigte.

Joel, der sich dem Wagen nicht zu nähern wagte, beschwor ihn umsonst; er ritt hin, um von Hedwig Abschied zu nehmen. Was sollte er hier? Was konnte er helfen?

Aber es war bereits zu spät. Die Heeresabteilung, welcher sie eben begegnet waren, bildete nur eine Nebensäule des Ramorinoschen Korps, die leichte Reiterei der Russen umschwärmte es bereits, in diesem Augenblicke erschien dicht neben ihnen ein Kosak; man sah ihn beim Scheine der Wagenlaternen, er mochte die polnischen Uniformen von Valerius und Joel erkennen, war schnell wie ein Blitz wieder verschwunden, und gleich darauf vernahmen die Reisenden aus allen Seiten des Waldes ein schreckenerregendes Hurra. Die kosacken stürzten zwischen den Bäumen hervor; Florian mit den Bauern gaben Feuer; Valerius und Joel zogen die Säbel und verteidigten sich gegen die eindringenden Lanzen; aber aller Widerstand war nutzlos, der feindliche Trupp ward immer stärker, und mochte wohl ein Pulk von hundert Mann sein, das Kämpfen war bald zu Ende, der alte Graf lag im Blute sterbend ausgestreckt im Wagen, Valerius und Joel waren entwaffnet und gebunden, Florian, als Schmied von Wavre erkannt, schwer verwundet, war an ein Kosakenpferd gebunden, seine Bauern hatten entweder unter den Lanzenstichen und Kugeln der kosacken ihr Leben verloren, oder hatten sich in das Waldesdikkicht gerettet; Hedwig sass vorn auf dem Sattel des bärtigen Führers dieser Kosakenabteilung, der sie mit den rauhen schmutzigen Händen liebkosen wollte; man ritt und fuhr nach einer Waldblösse, um dort den nahen Morgen zu erwarten und den Wagen zu plündern.

Da wurde ein Feuer angezündet, der alte Graf, welcher indessen verschieden war, aus dem Wagen geworfen, und man ging eben daran, die Gräfin, welche fortwährend unbeweglich geblieben war, anzufassen, als Florian in übermenschlicher Anstrengung Reiter und Pferd, an welche er mit einem starken, langen Riemen gebunden war, mehrere Schritte mit sich fortriss, auf den Wagentritt sprang, den im Wagen stehenden kosacken mit einem Schlage ins Genick niederwarf, um den Gürtel fasste und brüllend in die Lanzen der übrigen warf.

Auffallenderweise trat eine grosse Stille ein, die kosacken schienen das heilige Gefühl des Schmiedes zu erkennen und zu ehren, sie machten keine Anstalt, den also getroffenen Kameraden zu rächen, wie ihnen überhaupt eine solche kameradschaftliche Verpflichtung nicht eigen zu sein scheint; Florian