vorüber, wo er mit Konstantien glücklich gewesen war; sie stand neben dem alten Herrn am Fenster und sah in das vorübertosende militärische Getümmel, der Graf hatte seine sonstige stille Miene, und man konnte darauf lesen, dass er nicht flüchten, sondern sich mit den Russen abfinden werde. Sie mochten Valerius in dem Wirrwarr nicht erkennen, aber es war diesem ein schneidender Eindruck, der Fürstin Augen lächelnd auf diesem Untergange ruhen zu sehen. "Bist du ein unbedeutender Geist," sprach sein Gewissen, "ist sie ein so überlegener? Oder gibt Geburt und Stellung auch in den wichtigsten fragen soviel richtigere Einsicht? Sie hat es dir voraus gesagt, dass es so kommen würde, du hast es jetzt zum Schrecken gesehen, was eine Macht, die in strenges Verhältnis, in strenge Einheit gefügt ist, Überlegenes leistet! Wie gewaltig und ganz ist dir in den letzten Tagen der russische Feldherr entgegengetreten neben diesen aufgelösten Revolutionszuständen! Hätte er nicht auch siegen müssen, wenn nicht gerade von den Krukowiecki und Chrzanowski hantiert worden wäre? Täuscht man sich nicht eben weiter, wenn dieser Untergang auf einzelne Persönlichkeiten und Zufälligkeiten geschoben wird? Was ist alle Frage und Untersuchung und Redensart im Staatsleben, was bleibt der ewige Mittelpunkt? Kraft und Macht – wo wohnt sie in dieser Verworrenheit?"
Der Zug war just vor des Grafen Hotel ins Stocken geraten, und Valerius musste dort harren wie im Feuer einer Batterie. Auch Williams sonst so düstres Angesicht sah er am Fenster, und er glaubte die Schadenfreude darauf zu erkennen.
Als er endlich bis an die brücke gekommen war, fand er ein Drängen und ein Gewirr, dass er sein Pferd auf die Seite schieben und sich ruhig im Warten bescheiden musste. In den Heereszug drängte sich alles, was bisher in Warschau regiert oder mitgesprochen hatte, dieser und jener, der bis daher ein vornehmer Mann gewesen war, trug sein Bündel, sein Kästchen, was er eben zunächst retten wollte; die ganze letzte Zeit gewann hier das Ansehn eines Mummenschanzes, der plötzlich verboten wird, auf die enge Passage dieser brücke war mit einem Male alles angewiesen, was bisher agiert hatte.
Sieh da, auf einem kleinen Vorsprunge stand Leopold und sah neugierig dem allen zu; Valerius rief ihn an; der Kleine bewies sich auch hier wie immer redselig und heiter. "Es ist ein historischer Moment, den muss ich mir betrachten, lieber Alter, sieh, sieh, wie das höchst interessant sich gestaltet hat, ich hab' mir's gedacht, Lieber, es musste so kommen, eine gestorbene alte geschichte bleibt eine Leiche, man mag tun, was man will."
Es war ein wunderlich ironischer Eindruck auf Valerius, dass selbst dieser kleine, leichtsinnige Fant sich überlegen fühle, ihn gewissermassen beschäme oder herausfordere. Er fragte ihn, ob er sich denn nicht retten wolle, dass er hier im dünnen Leibrock mit dem Zuschauen begnügt sei?
"Wovor mich retten? Ich bin ja kein Revolutionär, bin ein neutrales Element; die zerstörende leidenschaft der Menschen, du weisst es ja, ist nie meine Sache gewesen, nur die gefällige – schau, schau, kennst du ihn noch von neulich, da sah er anders aus."
"Krukowiecki, Krukowiecki!" sprach hie und da ein Vorüberziehender, aber man hatte in der allgemeinen notwendigkeit keinen Raum zu absonderlicher Beachtung, auch nicht zu zorniger. Er hatte seinen Mantel umgeschlagen und ritt unter dem polnischen zug, als wäre nichts Störendes zwischen ihm und seinen Patriotischen Landsleuten vorgefallen.
Valerius reichte Leopold die Hand, er wollte nun ebenfalls durchzukommen versuchen. "lebe wohl, Gott weiss, wo wir uns wiedersehen!"
"In Petersburg oder in Paris, Lieber."
"In Petersburg! Hansnarr!"
"Höre, Valerius, bist du vielleicht stark bei Kasse?"
Das Gewühl drängte den Befragten weiter, ein Wagen, der rasch vorwärts strebte, nötigte ihn zu grosser Aufmerksamkeit auf sein Pferd – "ach, Herr von Valerius!" hörte er eine sanfte stimme rufen, sie kam aus dem Wagen, und war Hedwigs, welche mit der steinalten Grossmutter und dem Vater darin sass. Die arme Kleine hatte ein verschwollen geweintes Antlitz und streckte ihm die Hand entgegen. "Bitte, begleiten Sie uns!" bat sie inständig. "Wie freue ich mich in allem Elend, dass ich Sie gerettet sehe."
Ihr Vater lag mehr als er sass totenbleich im Wagen, nur die alte Gräfin sass kerzengerade, wie sie immer gesessen hatte, und starr und geisterhaft sah ihr toter blick vor sich hin.
Jenseits der brücke hatte General Bem vierzig Kanonen auffahren lassen, und sie kamen eben dazu, als Krukowiecki die Weisung erhielt, man werde auf ihn schiessen, wenn er das rechte Weichselufer betrete. Zusammenfallend suchte der alte Intrigant mühsam einen Weg nach Warschau zurück, er war vernichtet. Valerius war übrigens nicht mit vielen andern der Meinung, dass er offener Verräterei anzuklagen sei, er sah jenes unglücklichste Moment des polnischen Nationalcharakters zum äussersten in ihm wirksam, welches den einzelnen persönlichen Einfluss, den einzelnen persönlichen Ehrgeiz ohne aufopfernde Rücksicht für das Ganze und Grosse um jeden Preis geltend macht. Wo diese Fähigkeit der Entäusserung und Entsagung fehlt, glaubte Valerius jetzt mehr als je, da sei auch keine Kultur, und, als Ergebnis derselben, kein gedeihender Staat möglich. So stellte sich ihm das polnische Unglück als ein regelmässiger Verlauf der ganzen polnischen geschichte dar, in welcher niemals