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er müsse in kurzem erschöpft sein.

"Herren Landboten!" beginnt Prondzynski aufs neueBonaventura Niemojewski verbietet ihm das Wort und ermahnt die Versammlung, standhaft zu sein, sich nicht einschüchtern zu lassen.

Es ist ein Uhr. Prondzynski zieht einmal um das andere seine Uhr heraus und ruft: "Meine Herrn, entscheiden Sie sich, es sind nur noch wenig Minuten übrig, der Sturm beginnt von neuem, die Russen dringen in die Tore."

"Lasset die Sturmglocken läuten," ruft Anton Ostrowski, "alles mit Waffen hinaustreiben gegen den Feind!"

"Auf der Stelle," stimmt Nakwaski bei, "und der Bischof mit dem heiligen Kreuz soll vorangehn."

"Wählt Niemojewski zum Präsidenten!"

"Nein, fragt Krukowiecki!"

"Keine Volksbewaffnung, sie erwürgt auch uns."

Da dröhnten die Fenster von dem Schlage, welchen zweihundert Kanonen donnerten, Paskiewitsch begann den neuen Sturm.

"Erwählt den Kaiser von Russland zum König von Polen, wenn Polen ganz Polen bleibt," rufen fünf bis sechs Stimmen, darunter Lelewels, Ostrowskis.

"Erwartet das Ärgste auf diesen Stühlen wie römische Senatoren," ruft Szaniecki; "zwingt den entmutigten Prondzynski, der unser fähigster General ist, an die Spitze der Truppen zu eilen!"

"Ja, ja! so sei's!" ruft alles. Prondzynski entweicht.

"Öffnet die Türen," ruft der Reichstagsmarschall, "verhandelt das Eigentumsrecht der Bauern! So soll uns der Feind finden."

Aus dieser Zerfahrenheit, wo stolze Phrasen, einzelne Kühnheit, aber nirgends eine gefasste, durchdringende Energie, nirgends überwältigende, herrschende Persönlichkeiten und Entschlüsse zu finden waren, aus dieser Versammlung, welche von den Ereignissen überflügelt war, liess sich keine Rettung erwarten. Und diese Versammlung war das einzig noch geachtete mächtige Institut der ganzen Revolution. Prondzynski mochte übertreiben, aber er tat es sicher nicht so lügnerisch, als man ihm vorwirft, Paskiewitsch hatte wirklich grosse Wahrscheinlichkeit des Gelingens für sich, da die Dinge einmal so weit getrieben waren, und er eine unumschränkte Entschlossenheit für sich hatte.

Der Hauptsturm war diesen Tag auf den Mittelpunkt der polnischen Position, auf Czysti gerichtet, das mit zweihundert Kanonen verheerend angegriffen wurde. Auf der Uminskischen Linie, wo ebenfalls stürmisch vorgedrungen ward, gelang der russische Angriff nicht, sondern ward zurückgeworfen, aber Czysti wurde bald so weit demontiert, dass es sturmreif war; Paskiewitsch, der mitten im Feuer hielt und seine Truppen unablässig vordrängte, musste zwar persönlich zurück, da eine Kugel seinen Kopf gestreift und verwundet, General Toll indessen übernahm das Kommando, und war eben im Begriff, den Sturm zu beginnen. Da kam Prondzynski mitten durch das beiderseitige Feuer gesprengt, und brachte die Nachricht, Krukowiecki sei vom Reichstage autorisiert, zu unterhandeln.

General Berg wurde mit ihm zurückgesendet; dieser verlangt schriftliche Autorisation vom Reichstage, Krukowiecki hat eine solche nicht und schickt dem Reichstage seine Entlassung. Sie wird angenommen; der Sturm auf Czysti beginnt, Prondzynski lässt sich noch einmal von Krukowiecki in den Reichstag schikken, Niemojewski und der Marschall erheben sich gegen ihn, der Lärm beginnt von neuem, er erhält aber doch die schriftliche Erlaubnis, mit Rücksicht auf den Geist der früheren gesetz in Unterhandlung zu treten. Rasch lässt nun Krukowiecki seine Abdankung wieder vom Tische nehmen, und sendet abends um sechs den immer reitenden Prondzynski nochmals ins russische Lager mit jener Bevollmächtigung und mit einem eignen Unterwerfungsbriefe an den Kaiser von Russland.

Unterdessen ist Czysti genommen, und die Russen dringen durch diese eine Lücke in die Vorstädte, die Uminskischen Linien, welche noch unversehrt sind, in der Flanke und im rücken lassend. Von hier aus greifen nun die Polen an, und es entsteht ein neues entsetzliches Gemetzel, die Nacht bricht ein, der Tod mäht wüst, da fehlen plötzlich überall die polnischen Truppen, wie sie von Malachowski und Uminski beordert waren; auf Krukowieckis Befehl sind sie in die Stadt und bis nach Praga hinübergezogen worden; Chrzanowski lässt niemand über die brücke von Praga flüchten, es ist offenbar darauf abgesehen, Krukowieckis Unterwerfung an die Russen zu bestätigen.

Es herrscht die trostloseste Verwirrung, man rennt, man klagt, man schimpft, Truppen ziehen dazwischen; aus den Vorstädten herein knattert das Gewehrfeuer, braust das Kampfgetümmelda bringt der Marschall Ostrowski noch einen kleinen teil der Landboten im Palaste zusammen, Krukowiecki wird von ihnen abgesetzt. Die beiden Ostrowski unterzeichnen es und tragen es selbst zu ihm hin, viele Landboten folgen.

"Was wollen Sie?" schreit er und gerät in schäumende Wut, als ihm die Absetzung mitgeteilt wird – "sagt dem Grossfürsten, dass er jetzt die Stadt beschiesse, ich nehme die Entlassung nicht an, holla, Ordonnanz, die Gitter vom Reichstagspalaste sollen geschlossen werden, ich will sehen, ob der Reichstag meinen Vertrag ratifizieren wird."

Aber dies war die letzte Wut, er wartete selbst die Rückkehr Prondzynskis nicht ab, liess alles im Stich und entwich über die Weichselbrücke. Die Verwirrung war nun noch grösser, als der russische Parlamentär ankam und nur mit Krukowiecki unterhandeln wollte; es war mitten in der Nacht, und man musste Reiter abschicken, um Krukowiecki zurückzuholen.

Am 8. September endlich, vormittags gegen 12 Uhr, ward eine militärische Kapitulation abgeschlossen, nach welcher Warschau und Praga übergeben wurden und die polnische Armee mit ihren Effekten nach Plock abmarschieren sollte.

Um diese Zeit ritt Valerius zum letzten Male durch die Strassen, am haus des alten Grafen