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Stunden eine Totalentscheidung des ganzen Krieges vor sich gehe, just dies Verhüllte, Unerkannte des Äussersten war ein so überaus tragisches Moment.

Zwei Stunden Zeit kostet's die Russen, zwei kleine, vereinzelte Vorwerke zu nehmen, aber sie bieten, von der kräftigsten Energie ihres Feldherrn Paskiewitsch gedrängt, einen unablässigen massenhaften Angriff der verzweiflungsvollen Wehr von seiten der Polen; nach sieben Uhr stürzen sie zum Sturm auf Wola, nach einem entsetzlichen Gemetzel ist es gegen neun Uhr genommen; Wysocki, der es mit verteidigt, in den Händen der Russenes tritt eine Totenstille auf dem feld ein, kein Schuss fällt mehr; Krukowiecki erscheint, um zu sehen, was vorgefallen sei.

Als nun die Russen zu weiterem und breiterem Angriffe vorrückten, fanden sie geordneten Widerstand von Bem und Uminski; nachmittags um drei Uhr beginnen die Polen selbst den Angriff, um Wola wieder zu erobern. Hier gab es nun eine Stunde lang das mörderischste Gefecht des ganzen Krieges; Paskiewitsch drängte mit konzentriertester Tapferkeit und Kraft alles auf Wola zusammen. Um vier Uhr mussten die Polen auf das nächste Hauptwerk Czysti zurückweichen und Wola aufgeben; um fünf Uhr schwieg erschöpft alles; die Russen befestigten Wola.

Dies war der erste Tag des Sturms. Warschau hatte in dem Halbkreise, welchen es diesseits der Weichsel nach der westlichen Ebene ausdehnt, drei Verteidigungslinien; dieser Tag hatte den festesten teil der ersten Linie gekostet, der übrige Kreis derselben war noch von Polen besetzt, die zweite und dritte Linie unberührt; man hoffte jede Stunde auf Ramorinos Ankunft, man dachte nicht an ein Ende.

Aber Krukowiecki dachte daran, Chrzanowski, der Gouverneur von Warschau, der alles zu verhaften befahl, was in der Stadt die Waffen erhebe, Prondzynski, der mutlos war.

Krukowiecki liess in die Stadt hineinsagen, alles sei verloren, man möge ihn zu Unterhandlungen bevollmächtigen. Er erhält vorläufige Erlaubnis, man denkt, er wolle Zeit gewinnen; aber die Armee erhält keine Befehle für den nächsten Tag, noch beordert er Wagen, welche man vorschlägt, um dem Ramorinoschen Korps die Ankunft zu beschleunigen; gegen Mitternacht beruft er Prondzynski. Er soll neue Unterhandlungen anknüpfen und erhält von Krukowiecki die geheime Weisung, Rückkehr unter russische herrschaft sei die Grundlage. Um drei Uhr des Morgens reitet Prondzynski nach Wola; Feldmarschall Paskiewitsch empfängt ihn barsch in Gegenwart des Grossfürsten Michael und des General Toll, der Grossfürst aber vermittelt, es soll bis neun Uhr Waffenstillstand sein, Präsident Krukowiecki solle selbst zur Unterhandlung nach Wola kommen.

Nach acht Uhr des Morgens am 7. September ritten also Krukowiecki und Prondzynski mit dem russischen Parlamentär, General Dannenberg, nach Wola; Paskiewitsch empfing sie, von einem glänzenden Generalstabe umgeben, und man ging ins kleine Wirtshaus von Wola, um zu unterhandeln.

Das wichtige Verhältnis wurde dadurch eingeleitet, dass der russische Feldmarschall den polnischen Präsidenten hart und rauh anging, wie den Vertreter einer bereits ganz verlornen Sache, und dass Krukowiecki sich nun ebenfalls zornig in die Brust warf, und aufzählte, was alles für Hilfsmittel den Polen noch zu Dienst wären. Der Grossfürst Michael vermittelte hierbei ebenfalls; Paskiewitsch verlangte unbedingte Unterwerfung und Räumung von Warschau, Krukowiekki erklärte seinen Beitritt, fügte aber hinzu, dass die Zustimmung des Reichstags nötig sei, dass diese indessen erfolgen werde. Bis sie verschafft sei, bis Nachmittag zwei Uhr, solle der Waffenstillstand ausgedehnt werden.

Zwischen den russischen Zurüstungen zu einem neuen Sturme ritten die beiden Polen zurück, und zwar einen andern Weg als sie gekommen waren. Dies rettete Krukowiecki das Leben: an dem Wege, den er des Morgens genommen hatte, harrte seiner der Tod, die Demokraten, welchen er jetzt ein Entsetzen geworden, lauerten ihm auf.

Warschau war unterdessen in der wunderlichsten Unruhe und Ungewissheit: niemand dachte an eine so nahe Endkatastrophe, und doch fühlte man sich unter dem peinigenden Drucke einer Gefahr drohenden Luft, man fragte sich: "Was ist?" "Was geschieht?" "Warum schweigen die Kanonen?" "Siegen wir?" "Warum ist der Präsident bei den Russen?"

Nur die höher Gestellten sahen den Abgrund, an welchen sie geführt waren, ohne doch auch genau zu wissen, wie tief er sei, ob ein Sprung retten könne; der Vizepräsident, welchem vor den unheimlichen Schritten Krukowieckis graute, legte seine Stelle nieder, ihm folgten die meisten Minister, dennoch fürchtete noch niemand das Entsetzlichste, was bereits neben ihnen stand.

Es ist vormittags zehn Uhr, der Reichstag versammelt sich, Krukowiecki und Prondzynski kommen an; wie soll die Forderung des russischen Feldmarschalls, welche die ganze jetzige Existenz vernichtet, den Deputierten vorgetragen werden? Prondzynski wird hineingeschickt, er soll als betrauter Offizier den rettungslosen Waffenzustand schildern.

Erhitzt, fieberisch bewegt von den Eindrücken, die ihn schleudern, tritt er ein und bittet um eine geheime Sitzung. Man schliesst die Türen, räumt die Galerien, Prondzynski gibt eine hinreissende Schilderung, dass Warschau kaum noch eine Stunde zu halten sei, dass der Feldmarschall den Wiener Traktat, vollständige Amnestie, Pressfreiheit, Freiheit von russischer Besatzung bieteein teil des Reichstags ist erschüttert, da erhebt sich der Landbote Worcell und ruft, man solle sich vertagen und niemals einen solchen Vertrag bestätigen, es erhebt sich der Landbote Jelowicki und erklärte, jene Darstellung sei lügnerisch übertrieben, General Bem habe versichert, die Stadt könne sich noch vierundzwanzig Stunden halten, unterdes sei Ramorino da, Paskiewitsch habe bereits soviel Munition verschossen, als Napoleon zu seinem ganzen zug bis Moskau mitgenommen,