einander gegenüber, der leuchtende Soldat daneben, in welchem Valerius Slodczek erkannte, die beiden erschreckten Männer Kasimir und Valerius, bildeten eine merkwürdige Gruppe.
"Sie, junger Mann aus Deutschland," sprach Krukowiecki zu Valerius, "sind auch eine der verdächtigsten Personen, die ihren Lohn finden wird – General Skrzynecki, Befreier Polens, ich befehle Ihnen, Sie das letztemal gesehen zu haben, Sie gehören weder zur Armee, noch nach Warschau."
"General Krukowiecki," erwiderte der abgesetzte Generalissimus, "der Sie unsere Revolution entwürdigen, gebe Gott zum Heil meines Vaterlandes, dass Sie nicht der sind, für den ich Sie halte!"
"Sie haben ausgespielt, Skrzynecki," erwiderte dieser heftig, "und Ihr Geschwätz soll auch ein Ende nehmen."
Damit verschwand er. Die drei Männer waren wieder im Dunkeln und gingen augenblicklich daran, andere Massregeln für ihre Sicherheit zu treffen.
31.
Skrzynecki war auf dem Wege nach Krakau; Kasimir und Valerius ritten durch die Barriere nach Wola, um sich in die Armee zu retten. Es war eine mondhelle Nacht, und sie konnten nur langsam vorwärts, weil ein ganzes Armeekorps vom Lager aus durch Warschau marschierte, um über die brücke von Praga aufs jenseitige Weichselufer zu rücken und einen Streifzug zu unternehmen. Es war eine Heeresabteilung von mehreren zwanzigtausend Mann, welche unter Ramorino und Lubienski den Zugang von Praga säubern und der diesseitigen Armee, welche auf eine Quadratmeile eingeengt war, Lebensmittel verschaffen sollte.
Valerius war starr und öde und sah mit Verzweiflung auf die Stadt zurück, welche unter Nacht und Mondschein hinter ihm lag. Für all seine uneigennützige, entusiastische Teilnahme an Befreiung der Nation, welche in dieser Stadt verkörpert war, musste er jetzt wie ein Dieb in der Nacht entweichen und unter den Kugeln der Russen eine Freistatt suchen. Alle seine Anknüpfungen hinter jenen Mauern sahen ihm trübselig nach: er wusste nicht einmal, ob Konstantie noch dort wohne, das Weib, das in einem so stürmischen Rausche an seiner Brust gelegen hatte; auch Joels Schicksal war ihm unbekannt; die liebliche Hedwig hatte er nur in jenem entsetzlichen Momente wiedergesehen, das ganze Leben grinste ihn an wie ein possenhaftes Trauerspiel. Dazu dieser erschreckende Leichtsinn des vorüberziehenden Heeres, Lärm und jubel desselben in der warmen Sommernacht, "und sie ziehen vielleicht dahin," sagte Kasimir, "und sehen dies vergötterte Warschau nicht wieder; Paskiewitsch weiss vortrefflich, wie es unter uns hergeht, er hat seine ganze Macht beisammen und ist ein entschlossener, tapferer Feldherr, der mit Energie das Äusserste daran setzt. – Gott schütze das arme Polen!"
"Auf Wiedersehen! Auf Wiedersehen!" riefen die Kriegskameraden, welche vorüberzogen und im Mondscheine Kasimir oder Valerius erkannten. Auch Stanislaus war unter den Marschierenden, aber er ritt ohne Gruss dicht an dem Deutschen vorbei.
Jener Expedition Ramorinos schloss sich überhaupt der Kern der aristokratischen Partei an, die sich in einem unsichern Verhältnisse zu Krukowiecki fühlte.
Dieser merkwürdige Mann war nun jetzt im ganzen Umfange des Wortes Diktator, obwohl er den Titel nicht hatte: das Generalissimat war dem 75jährigen Malachowski aufgenötigt worden, damit die Armee für alle Pläne verfügbar blieb; die Gouverneurschaft von Warschau hatte General Chrzanowski, ein Offizier, welcher den Patrioten höchst verdächtig war und schon lange von Unterhandlungen mit den Russen gesprochen hatte; vom Oberbefehl über die Nationalgarde war der hochgeachtete Anton Ostrowski entfernt; Krukowiecki liess seine eigene wohnung von einem Chasseurregimente bewachen. Die Demokraten nämlich gerieten jetzt in die Furcht, von ihm betrogen zu sein und organisierten eine Verschwörung. Sie ward entdeckt – in diesen aufgelösten Zustand kamen nun die Parlamentärs von Paskiewitsch, welche Unterhandlungen eröffneten.
So stand es, als Valerius am Vormittage des 5. Septembers den General Prondzynski an sich vorübersprengen und über die polnischen Vorposten hinauseilen sah; vor ihm ritt ein Parlamentär, neben ihm Peter Wysocki, jetzt Oberstleutnant, welcher ein Hauptführer der Fähndriche beim Ausbruch der Revolution gewesen war. Als sie nach mehreren Stunden erst zurückkehrten, erzählte Wysocki zu grosser Bestürzung, dass Prondzynski eine Stunde lang geheim mit dem russischen Generale Dannenberg in Unterredung geblieben und ganz verwandelt, höchst bestürzt zurückgenommen sei. So war man denn auch über diesen wichtigsten Heerführer in Unruhe versetzt, wenn auch nicht an einen Verrat von seiner Seite geglaubt wurde; vielleicht waren ihm im Eifer Andeutungen entschlüpft über die ferne Abwesenheit des Ramorinoschen Korps, über die Regierung, kurz, den Morgen darauf, als Valerius sich eben gegen fünf Uhr von seiner harten Lagerstatt am Erdboden erhob, donnerte ein Kanonenschuss vom russischen Heere herüber, es folgte ein zweiter, und als ob Luft und Erde in Donner aufgelöst würden, ein Schlag von hundert Kanonen, die wie ein Hagelwetter links und rechts neben ihm in die polnischen Verschanzungen einschlugen, schwarze Kolonnen, die Blitz auf Blitz vor sich hertrugen, kamen über die Ebene daher auf die Position von Wola los, welche die stärkste der Warschauer Verschanzungen war.
Paskiewitsch begann den Sturm; in dem Augenblicke war der Oberbefehlshaber Malachowski gar nicht zugegen, General Bem, welcher sämtliche Artillerie befehligte, stand ruhig auf dem Observatorium in Warschau und hielt den Angriff auf das feste Wola für einen Scheinangriff, viele Werke waren von den Soldaten entblösst, weil die 20000 Mann von Ramorino fehlten, die zum teil just nach Wola gehörten, nur Uminski, unter welchem auch Valerius jetzt focht, war auf seinem Posten und des Äussersten gewärtig. Der grösste teil von der Armee, ganz Warschau dachte nicht daran, dass in den nächsten achtundvierzig