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Ausserordentliches erwarteten, das war der Reitergeneral D e m b i n s k i . Er hatte unter den gefährlichsten Schwierigkeiten und Hindernissen einen teil des litauischen Expeditionsheeres durch die Feinde hindurch zurückgeführt, und während die oberen Führer Gielgud und Chlapowski mit ihren Heeresabteilungen nach Preussen übergetreten waren und die Waffen gestreckt hatten, brachte er sein Kommando beutebeladen durch alle Feindesscharen und erschien plötzlich, verwildert, mit langem Knebelbarte, asiatischen Anstrichs, an der Spitze seiner Reiter, am Tore von Warschau. Dies hatte ein grosses, lebhaftes Interesse aufgeweckt, fabelhaft ritterlich, märchenhaft glücklich und tapfer erschien er zu jener Zeit, wo der Krieg nur Rückzüge und Rückzüge darbot, der halb tatarisch einreitende Dembinski. Grosse Erwartungen knüpften sich an diesen Eindruck; aus den übrigen Kandidaten, welche Stimmen erhielten, aus Uminski, Lubienski, Bem, Malachowski ward Dembinski zum Generalissimus gewählt, man schickte nach Warschau, wo er als Gouverneur wirkte, um ihn zur Armee zu holen.

Aber auch Dembinski war nicht der Mann, welchen man brauchte; sein Wesen angefüllt mit Tapferkeit, rascher, gewandter Kühnheit eines Reiterführers, mit schnell erregter Heftigkeit, besass noch nicht jene durchgeschüttelte, in sich ruhende, mit den täglichen Leidenschaften fertige Solidität, welche man Charakter und Aplomb nennt, und welche vor allem andern in jetziger Lage erforderlich war.

Noch ehe er ankam, murrte es in der Armee umher, als ob ein Sturm losbrechen sollte. Infanterieregimenter schüttelten die Waffen, sie wollten keinen Reitergeneral, Anhänger Skrzyneckis erhoben ihre Stimmen, Deputationen der Offiziere drängten sich an die Reichstagsdeputation, die Russen griffen die Vorposten an, es war ein verworrenes, böses Wesen.

Am elften erschien Dembinski, schalt die Deputierten, dass sie sich als Zivilgewalt so ausführlich in den Krieg mischten, wollte nur interimistisch auf sechzig Stunden annehmen, ergab sich dem Patronate Skrzyneckis, der ihn der Armee vorstellte. Dieser Antritt in all seinen Teilen missfiel der Regierung, Dembinski ward nicht bestätigt, die Armee zog sich gegen die Verschanzungen von Warschau zurück in die Position von Utrata. Dieser neue Rückzug flog wie ein Klageschrei durch Warschau und gab den äusseren Stoss für die Aufruhrszene, welche nun mit dem 15. August ausbrach.

An der Spitze stand Krukowiecki, welcher sich der Volkspartei und der Klubs bemächtigte, um die aristokratische Partei zu stürzen und selbst an die Spitze zu kommen. Während des Aufstandes erklärte er sich zum Gouverneur der Stadt und war an allen Orten und Enden, der Regierung immer neue Gefahren meldend, den Aufruhr selbst in aller Weise bis zu einem gewissen Höhepunkte fördernd.

So waren die Zustände am Abend des 15. August, wo Valerius nahe daran war, aufgehängt zu werden; in der Stadt war leise, aber sicher alle Gewalt in die langen Finger Krukowieckis geschlüpft; die ohnmächtige Regierung, in welcher nur Lelevel zur Aufruhrpartei gehörte, hielt er durch immer neue Schreckbilder im Schach, die Volkspartei ermahnte er, nach einer gewissen Ordnung zu henken.

Zu gleicher Zeit war die Armee ohne Führer, Dembinskis Termin war in wenig Stunden abgelaufen, neue Deputierte kamen denselben Abend in das neue Lager, um für jeden Preis einen Generalissimus zu wählen. Skrzynecki, welcher durchaus Dembinski wollte, weil sich ihm dieser so ergeben bewies, trat ihnen mit der spöttischen Frage entgegen: "Wen wollt Ihr denn jetzt in Warschau? des Sultans Bart oder Barbara Radzivillowna?"

Keiner von den übrigen Generalen wollte annehmen, der allgemein verehrte Fürst Czatoryski kam verhängten Zügels ins Lager gesprengt, um Schutz zu suchen, die Aufrührer waren an der Barriere seinem Pferde in die Zügel gefallen, er hatte sich durch einen Pistolenschuss befreien müssen, die Lage war entsetzlich, wenn Paskiewitsch Kunde erhielt und mit aller Gewalt angriff.

Die Deputierten zwingen jetzt Prondzynski, den Oberbefehl anzunehmen, man schildert ihm den Zustand der Hauptstadt, wo die Regierung im Begriff ist, den allmächtig gewordenen Krukowiecki auch formell das Feld zu räumen und niederzulegen. Er nimmt ebenfalls nur interimistisch an und erklärt, Krukowiecki sprechen zu müssen und reitet nach Warschau. Jetzt erheben sich wieder Skrzynecki und Dembinski: Warschau, heisst es, müsse gebändigt werden, ein militärischer Diktator sei nötig. Die Armee wird von Utrata noch weiter zurück bis in die Verschanzungen der Hauptstadt geführt und den Truppen in einem Tagesbefehle angezeigt, die Russen hätten einen Aufruhr in Warschau angerichtet. Unter diesen sich überstürzenden Aufregungen errichtet man sogar in Eile Batterien gegen Warschau.

So steht's am 17. August. An der Spitze seiner Reiter und seines Generalstabs reitet Dembinski in die Stadt, vor den Palast der Regierung, um eine Diktatur in Beschlag zu nehmen. Prondzynski hat bereits wieder niedergelegt, die Regierung tut desgleichen, Dembinski noch zum Generalissimus ernennend.

Dieser, nur halb entschlossen zu einem Äussersten, eilt in den Sälen des Palastes hin und her, bald diesen anfahrend, bald jenen fragend. Krukowiecki tritt ein, auf ihn stürzt er los: "Ich bin gekommen, die Verbrecher vom 15. August zu verhaften, Sie selbst sind mir von Lelevel als Teilnehmer genannt –"

Krukowiecki erbleicht, sein ganzes Werk steht auf dem Spiele, die Armee ist da, und seine Macht kann in einem Nu entrückt sein. Er gibt sein Ehrenwort, mit dem patriotischen Klub nichts gemein zu haben, Dembinski lässt sogleich die Häupter desselben und Anführer des Aufstandes verhaften.

Unterdessen versammeln sich die Landboten, der Moment kommt, wenn sich Dembinski zum Diktator machen will; er schwankt hin und her; sein Vorsatz kommt zur Kenntnis des Marschalls Ostrowski,