1833_Laube_131_150.txt

selbst war die gerechteste von der Welt, aber wir sehen aufs neue und deutlichste, welch ein entsetzliches Mittel die Empörung ist. – Ich besuche Sie bald!"

Damit sprengte er fort. Valerius schleppte sich mühsam bis in sein Haus und rastete eine Weile auf der Treppe, wo ihn die Kräfte zu verlassen drohten. Da stürzte ein Mensch ins Haus, schoss an ihm vorüber und flüsterte: "Verbergen Sie mich, ich werde verfolgt." Die Hufschläge von flüchtigen Pferden näherten sich. Treppe und Saal, die zu Valerius' Zimmer führten, waren dunkel, und erst als dieser dem Flüchtenden seine Tür öffnete, erkannte erSlodcek. Dieser stürzte auf die Knie, als er des Deutschen ansichtig wurde, Sporen und Säbelscheiden klangen auf der Treppe. Valerius schob den Verfolgten in das Schlafzimmer und zog die Schlüssel ab.

30.

Schon einige Tage vor diesen Ereignissen war der Reichstag zur Überzeugung gekommen, es müsse bei der Armee eine durchgreifende Veränderung stattfinden; die Armee war bis nach Bolimow zurückgegangen, Skrzynecki liess jede gelegenheit zu einer Schlacht vorüber. Es ward also eine Deputation erwählt, welche ins Lager hinausfahren und nötigenfalls Skrzynecki absetzen sollte.

Dergleichen blieb aber der Masse natürlich unbekannt und hatte keinen Einfluss auf Ansicht und Verhalten derselben.

Es sind vierzehn Stunden Weges bis nach Bolimow; am 10. August des Vormittags kam die Deputation mit ihrem schweren Geschäfte dort an; es war ein bedeckter warmer Tag, und sie fanden den Generalissimus zu ihrem Erstaunen und mit nicht geringer Besorgnis zu Pferde und alle Truppen musternd. Seine Freunde hatten ihn bereits genau unterrichtet von allem was bevorstünde; er nahm nicht die mindeste Notiz von der ankommenden Deputation, hielt Reden an die Soldaten, schalt auf die Landboten, ermahnte, fest an ihm zu halten, ihm zu vertrauen, und "Es lebe Skrzynecki!" schrien die kampffertigen Truppen weit über die Ebene hin.

Diesen Feldherrn jetzt abzusetzen, schien also in einer so gestörten, mit dem Äussersten bedrohten Zeit eine sehr gefahrvolle Tat. Die Mitglieder der Deputation traten beiseite und warteten unentschlossen, ob Skrzynecki von ihrer Ankunft keine Kenntnis nehmen werde. Er tat es nicht. Endlich ward auf Czartoryskis Veranlassung, der sich unter den Deputierten befand, ein Adjutant zum Generalissimus abgeschickt, um ihn offiziell zu benachrichtigen.

Auch dies machte keinen Eindruck, er setzte die Musterung fort, und immer lauter schrien die Soldaten: "Es lebe Skrzynecki!" Die Deputation sah sich in der bedenklichsten Lage.

Indessen, Skrzynecki war weder der dreiste noch der schöpferische Mann, sich ausser den vorgezeichneten Kreisen weiter zu bewegen; nach einer kurzen Weile brach er die Musterung ab und begrüsste die Deputierten, seinen Ärger in die begrüssenden Worte schiebend: "Ich hoffe, die Herren sind da, um den Feind schlagen zu helfen."

Man verlangte einen Ort, um dem Generalissimus die Mitteilungen vom Reichstage vorzutragen und eine Beratung zu eröffnen. Es ward eine Scheune des Hofes eingerichtet, wo das Hauptquartier war. Er ging, die Deputation liess sich dort nieder und beschied ihn kurze Zeit darauf vor ihr Forum.

Die grosse stattliche Figur erschien nach diesem kleinen Zwischenraume bescheiden und sanft und mit der Erklärung, sich dem Reichstage in allem zu unterwerfen.

Er ward befragt, warum er keine Schlacht liefere. – Seine Antwort brachte mehr Beteuerungen, dass er ein guter Patriot sei, als Gründe. In der jetzigen Stellung, fügte er indessen hinzu, setze eine Schlacht alles aufs Spiel; wolle man einen andern Führer an die Spitze stellen, so werde er ihm folgen, selbst als gemeiner Soldat unter ihm dienen.

Die Deputation, wohl einsehend, dass hier der Edelmut nicht ausreiche, sondern die Tat erfordert werde, liess einen Kriegsrat von allen bedeutenden Offizieren für den Abend zusammenberufen, und der fand sich denn auch ein, zum eigenen Schrecken der Gesandtschaft. Gegen dreihundert Offiziere, die natürlich sehr verschiedener Meinung waren, erfüllten klirrend und lärmend, streitend und rufend den Hof vor der Scheune, die einen lobten Skrzynecki, die andern verwünschten ihn, noch andere schworen, nun sei endlich der höchste Moment da, alles Aristokratische niederzumachen, was den Aufstand und Krieg so lange gelähmt habe. Dazu schickte Ramorino von den Vorposten die Kunde, der Feind greife an; ein kleines Flüsschen nämlich trennte nur die russische Armee von der also aufgelösten polnischen. Und über alledem lag ein weicher, schmeichelnder Augustabend, und einzelne Sterne lächelten herunter in das wilde Menschengetreibe.

Skrzynecki liess sagen, man solle die Offiziere abfertigen, damit sie auf ihre Posten kämen. Die Gesandtschaft war in der grössten Verlegenheit, weil jeder einzelne befragt werden sollte; da kam endlich Ramorino selbst mit der Nachricht, der Angriff sei wieder eingestellt.

So begann denn nun dennoch das aller Kriegsform unerhörte Verfahren: jedem einzelnen ward Geheimhaltung seiner Aussage zugesichert, und jeder einzelne Offizier gab seine Meinung über den Krieg ab und über den Feldherrn.

Das Resultat war: eine Schlacht bei Bolimow ist nicht ratsam, Skrzynecki aber hat das Vertrauen der Armee verloren, ein neuer Generalissimus ist nötig.

Es begann die schwierige Wahl, und dass sie nicht genügend erledigt werden konnte, war zunächst der neue Untergang Polens. Nämlich ein überwiegendes Talent war nicht da, das zu gleicher Zeit eine überwiegende Persönlichkeit mitgebracht hätte, wie dies in so aufgelösten Zuständen unerlässlich war. Prondzynski wurde das Talent zugetraut, aber er selbst traute sich die Persönlichkeit nicht zu, hatte sie also nicht. Eine neue Figur war übrig, von der viele noch