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spitz, das ist mir lieber. Eins ist dabei wunderlichder Graf. Wie der zu dem Gedanken kommt, uns mit so junger, grösstenteils bürgerlicher Gesellschaft zu umgeben, das weiss ich nicht. Ich glaube, er experimentiert. Die Leute sind artig, und was dem einen oder dem andern an gutem Ton, feinen Manieren abgeht, das ersetzt vielleicht für die Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemüts. Viel gelernt haben alle, zu reden wissen sie alle wie die BüGouvernante pflegte zu sagen, die Poeten wären alle von Adel. Unsere gespräche sind jetzt auch ganz anderer Art als früher, manchmal sind sie mir sogar zu hochtrabend: über Völker, Länder, Sitten, Religion, Staat, Stände, Poesie, geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind. Gar nichts mehr über unsere Nachbarschaft, kein Räsonieren, Mokieren mehr, und wenn mich manchmal der Schalk treibt, ein wenig über diese oder jene zu lästern, so sieht mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lächeln an, spricht "immer frisch – 's ist noch zu wenig" u. dergl., dass ich still werde und mich schäme. Das ist überhaupt der sonderbarste von allen, Herr Valerius, er kommt mir wie der gelehrte Napoleon vor, er herrscht über uns alle. Wenn ich Ihnen aber sagen soll, wie er das anfängt, so bin ich wieder in Verlegenheit. Ich weiss es nicht. Er ist einfach in Manier und Rede; er befiehlt nicht etwa, Gott bewahre, er spricht oft nur ein paar Worte, aber darin ruhen Napoleons Kanonen; er sieht dabei mit seinen klaren bis ins Mark dringenden Blicken hinein: darin, ja, ja, ich glaube, darin ruht die Herrschermacht, und man streckt die Waffen. Er scheint unglücklich zu sein, es dämmert solch eine melancholische Nacht um das grosse graue Auge, und wenn er etwas Wehmütiges spricht, so ist es unbeschreiblich rührend. Er ist gar nicht hübsch, und als er das erstemal in unsern Gesellschaftssaal trat mit seinen kurzen leichten Schritten, seinen kurzen Begrüssungsworten, seinen sparsamen Verbeugungen, die man kaum angedeutete nennen möchte, hatte er etwas Schreckhaftes für mich und Alberta. Erst allmählich wurden wir frei in seiner Gegenwart; aber dann war es auch, als sei es etwas besonders Edles, womit wir uns beschäftigten, als wir das von ihm eingeleitete Gespräch fortführen halfen. Und wenn er spricht, so fühlt man sich in einer so wohligen, sicheren Befriedigung, er hat ein sehr angenehmes, fest männliches Baritonorgan. übrigens schweigt er sehr viel, aber es ist, als ob er im Zuhören redete. Er ist von mittler Grösse, fest und sicher gewachsen und ebenso fest und sicher in seinen Bewegungen, ich möchte sagen ernst, aber doch keineswegs schwerfällig oder gar plump. An seinem gesicht ist gar nichts Besonderes, es ist blass, fast krank, doch hat der Mund etwas äusserst Wohlwollendes, wenn er in seiner sanften Stimmung ist, etwas tief Verächtliches, wenn er zürnt. Sein Anzug ist immer ganz schwarz und modern; er trägt meist einen schwarzen leichten Rock, der ihn sehr gut kleidet; im Frack gefällt er mir nicht, man sieht ihn auch selten darin. Seine Wäsche ist immer blendend weiss, und das find' ich allerliebst am mann. Ich glaube, er hat Teologie studiert, aber die Wissenschaft gefällt ihm nicht mehr. Er soll arm sein, das würde mir sehr leid tun. An ihm selbst bemerkt man aber nicht das mindeste der Art. Ich glaube's auch nicht, denn er ist in allen den freien Künsten, welche die höheren Stände auszeichnen, sehr wohl erfahren: er reitet, ficht, tanzt gut, ist musikalisch, spricht die fremden neuen Sprachen, und das Geld erscheint in seinen Reden nie. Er ist mir überhaupt zu vornehm für einen Armen. Mit dem Grafen spricht er am sichersten, wenn auch nicht soviel wie Herr William. Äusserst selten ist er gleicher Meinung mit jenem, aber er streitet, obwohl streng, doch nie zänkisch, leidenschaftlich ungezogen wie soviele. Aber mein Gott, ich schreibe Ihnen ja nur über den Mann, und doch wollt' ich Ihnen über uns alle referieren.

Doch jetzt habe ich das Federfechten satt, wir wollen Federball spielenmorgen weiter; ich habe einmal den Befehl vom Grafen und Alberten, Sie von unserem Leben im Detail zu unterrichten und Sie dann schönstens zu bitten, es recht bald selbst bei uns anzusehen. Adieu, meine Liebe, für heute'.

Später.

Ich bin soviel herumgesprungen, dass ich ganz müde bin. Nie hätte ich geglaubt, dass unsere ernsten jungen Herren so beweglich sein könnten, den kleinen Leopoldus ausgenommen, an dessen Quecksilbernatur ich hige Valerich habe zu meinem Staunen erfahren, dass sie alle Turner gewesen sind; sie haben in der Stadt einen poetischen Verein gehabt, da ist immer zuerst eine Stunde gedichtet, gelesen und kritisiert, die nächste Stunde gefochten oder geturnt worden. Ich erinnere mich, als kleines Mädchen noch einige Nachzügler jener Turnzeit gesehen zu haben, und gestehe, dass mir diese leinwandnen Burschen wenig behagten. Unsere jungen Herren fassen dies wie alles romantischer auf; Herr William sprach dabei von Deutschland, Einheit und Vaterland und geriet sehr in Ekstase, Valer lächelte ernstaft und sagte mir, Deutschland sei einst von edlem Weine trunken gewesen und habe das edle Herz auf der Zunge, den Verstand in der tasche getragen und dumme