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Ruhm und Ehre oft verspottet hatte als von Menschen gemachte Puppen, so waren doch im grund die innersten Fäden seiner Seele daran geknüpft. Und alle Fenster waren geöffnet, Damen jung und alt sahen herab auf die Exekution, schwenkten die weissen Taschentücher, klatschten dem volk Beifall zu, dass es die Nation von dem Auswurfe befreie und riefen: "Pfui und Schande über die Verräter!"

Das Herz im leib wurde dem unglücklichen Deutschen zusammengeschnürt. Das Ziel war erreicht. Wo in die grosse Strasse eine Quergasse mündet, standen zwei tüchtige Laternenpfähle am Eingange der kleinen Gasse, so dass des Abends ihre Leuchten einen teil der grossen und die ganze Länge der kleinen Strasse erhellen konnten. Diese Ökonomie wollte man sich zunutze machen, mit reissender Schnelligkeit ward Lessel aufgeknüpft, Leiter und Strick waren längst bereit gewesen. Der Scherge eines erbitterten Volkes stieg langsam die Sprossen herab und starrte wohlgefällig in das vom zurückgepressten Blute dunkel werdende Gesicht des Konditors; die Reihe kam jetzt an Valerius, Slodczek schickte sich an dazu. Es schien, als ob das stolze Wesen ihn völlig eingeschüchtert habe, die Bewegungen des wilden Burschen hatten all ihre sonstige Entschiedenheit verloren, – da sprangen plötzlich diejenigen Zuschauer und Teilnehmer der Strafhandhabung, welche sich in den Eingang der kleinen Gasse gedrängt hatten, in die Hauptstrasse zurück. "Platz für die Cholera!" hörte man rufen, und zwei jener schauerlichen Tragbahren erschienen unter dem verscheidenden Lessel. Obwohl diese Pest nirgends so gering geachtet wurde als in Warschau, weil dort alles um Tod und Leben spielte, so trieb doch der Instinkt die Leute, einem solchen Ungeheuer auszuweichen, wenn es ihnen gerade in den Weg trat. Die Exekutionsordnung verschob sich, alles drängte sich beiseite, und Valerius, von der glühendsten sehnsucht nach dem Leben erfüllt, glaubte diesen Moment zu einem Entweichungsversuche benutzen zu können. Es war wenig Hoffnung da, in der um und um aufgeregten Stadt den vielen tausend bereitwilligen Händen zu entschlüpfen, aber der Schiffbrüchige greift zu dem letzten morschen Brette. In seiner Jugend hatten noch die letzten Reste des Turnwesens in Deutschland geblüht, Laufen und Springen konnte er noch aufs beste aus jener Schule, die Todesangst verdoppelte seine Kräfte, und mit einem mächtigen Satze flog er über das im Wege stehende Cholerabett hinweg, flog in die enge Quergasse hinein.

Ein donnerndes Geschrei und die nächsten seiner Henker stürzten hinter ihm drein. Ihr Nachsetzen schien nicht so gefährlich als ihr Geschrei: "Haltet auf, haltet auf! ein Spion! ein Verräter!" Die nächste Strasse war indessen still und einsam, es hatte sich alles Volk nach den Orten gedrängt, wo unmittelbar gehandelt wurde. Aber diese Einsamkeit war bald durchrannt, er musste in eine andere Strasse einbiegen, in welche soeben von mehreren Seiten ein teil der Volksmenge eindrang, die von der Hinrichtung der Generale zurückkam. Er hörte das Geschrei hinter sich, sah, wie die neue Volksmasse stutzte und sich anschickte, ihn aufzufangener gab sich verloren und rannte wie wahnsinnig die ersten über den Haufen, welche sich ihm entgegenstellten.

Da donnerten die Hufschläge einer Kavallerieabteilung herbei und sprengten das Volk auseinander. Es war Kasimir mit einer Abteilung Ulanen, der eben ankam, als Valerius erschöpft in die Knie gesunken war.

Jener, der mit einem Blicke und durch das Geschrei der Menge vom stand der Dinge unterrichtet war, wendete sich rasch zu einigen Männern, deren Äusseres und Wesen andeutete, dass sie keineswegs zum Pöbel gehörten. Sie schienen dem Offizier bekannt zu sein und ihn ebenfalls zu kennen. Er rechtfertigte nicht ohne Heftigkeit Valerius und schloss mit den Worten: "Wohin soll es führen, wenn wir auf diese Weise unsere gerechte Entrüstung auch auf unsere wackersten Krieger ausdehnenda habt ihr ein Beispiel dessen, was ich euch vorher verkündigte, als ihr auf rohem anarchischem Wege Besserung der Verhältnisse suchen wolltet. Ich habe leider recht gehabt, entfesselt sind alle Leidenschaften, und das Gute wird mit dem Bösen zertrümmert."

Die angeredeten Männer schwiegen still, und auf ihre Handbewegungen zerstreute sich der Schwarm allmählich. Nur Slodczek, der unterdes vom Verfolgen wieder zu Atem gekommen war, wollte seine Beute nicht so leicht fahren lassen. Es hätte ihm jetzt noch klarer sein müssen, dass der Verfolgte nicht zu denen gehörte, deren Bestrafung das Volk mit Recht verlangen konnte, aber bei wilden fanatischen Gemütern ist es leider nicht selten, dass sie um so hartnäckiger auf einem Verlangen bestehen, je unstattafter es ihnen dargestellt wird. Er rief die leinenen Kittel um sich zusammen, winkte Tomas an seine Seite und forderte mit polternder stimme, hinter welche sich gewöhnlich ein unsicheres Gewissen versteckt, die Auslieferung des Verräters von Kasimir.

Dieser war nicht so geneigt, diese Abteilung des Aufstandes mit Worten zu beruhigen und befahl trokken einigen Ulanen, den Burschen festzunehmen. Slodczek fand es nicht geraten, den Verlauf dieser Sache abzuwarten, und sprang davon. Die leinenen Kittel folgten seinem Beispiele, aber die kommandierten Ulanen begnügten sich mit diesem Erfolge nicht, sondern sprengten hinterdrein, den Wortführer im Auge behaltend.

Kasimir begleitete den erschöpften Valerius bis in die Nähe der Strasse, wo dieser wohnte, erzählte ihm, dass er zur Armee abgeschickt gewesen sei, um Truppen gegen den Aufstand herbeizuholen. "Glücklicherweise," setzte er hinzu, "kam ich mit meinen schnellen, vorauseilenden Ulanen noch zu rechter Zeit, Sie zu befreien. Schreiben Sie Ihre abscheuliche Gefahr nicht den Patrioten zu, von denen ich einige in Ihrer Nähe fand; die Absicht des Aufstandes