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für uns, Tomas, du hast einen richtigen Treffer," rief plötzlich eine neue stimme, und Valerius sah den ungestümen Slodczek auf sich eindringen. Vor dem grossen Lärmen waren die Verteidigungsworte des Deutschen nur den nächsten Umstehenden verständlich geworden; diese sahen ihn unschlüssig an. "Überall ist dieser aristokratische Spion herumgeschnüffelt," fuhr Slodczek zu einigen Bauern fort, die hinter ihm standen, und zu Tomas, der sich das Blut aus dem Gesicht wischte, "in Warçows Scheuer hat er unseren Klub behorcht, erst gestern kam er wieder aus dem grossen haus eines alten, gefährlichen Edelmanns, dem er unser heutiges fest verraten hatte, heute rettet dich der alte Florian nimmermehr," und damit fiel er mit seinen Genossen über Valerius her, welcher sich fruchtlos gegen die Menge verteidigte und fortgeschleppt wurde.

Vor der Haustür kam er mit Herrn Lessel zusammen. Die Volksmasse drängte sich so ungestüm herbei, dass die Urteilsvollstrecker und die Gefangenen stillstehen mussten. Valerius versuchte es hier noch einmal, den Leuten in betreff seiner person ihren Irrtum verständlich zu machen, aber das erschütternde Geschrei von Schimpfreden und Verwünschungen liess ihn nicht zu Worte kommen. "So geht es denn," dachte er, "mit deinem Zivilisationslaufe unerwartet schnell zu Ende. Du hast die Revolution verteidigen helfen, um in ihren zweischneidigen Armen ermordet zu werden."

Sein blick fiel auf Lessel. Es ist wunderbar, wie dem Menschen in den entsetzlichsten Momenten, wo man die ganze Seele gefesselt und untätig denken sollte, Gedanken und Bilder entstehen, die man nur den ruhigen Lagen des Lebens natürlich glaubt. Valerius sah ein altes Bild vor Augen, das ihn oft in seiner Kindheit erschreckt hatte. Der Teufel war darauf konterfeit, wie er einen Bösewicht zur Hölle abholt. Diesen Kandidaten Urians glaubte er jetzt in Lessel zu erblicken; das Gesicht des Konditors war weiss wie die Kalkwand, die kleinen Augen waren fast ganz zurückgetreten hinter die Augenknochen, ein leerer weisser Strich starrte nur gespensterhaft hervor. Der Unglückliche sank einmal über das andere in die Knie und bat in den jämmerlichsten Ausdrücken um sein Leben.

"Vorwärts! Vorwärts!" schrie man von allen Seiten. "Platz für den Henkersgang der Verräter!" Es ward ein schmaler Raum offen, man setzte sich in Bewegung, und jetzt, da es direkt zu dem schimpflichsten Ende ging, überfiel Valerius eine unnennbare Angst, deren sich sein Mut und Verstand umsonst zu bemeistern suchte.

"Platz für die alte Gräfin! Platz für die beste Polin!" rief man auf einmal von vielen Seiten, und die meisten Anwesenden entblössten ihre Häupter. Ein Wagen rollte langsam durch die Menge, Valerius erkannte die alte Grossmutter Hedwigs in ihren schwarzen GewändernHedwig selbst sass neben ihr. Sie erblickte ihn, schrie laut auf, sprang aus dem Wagen, eilte zu ihm, griff nach seiner Hand. Aber seine arme waren von Slodczek und Tomas fest nach hinten gedrückt. – "Polen, seid ihr rasend," rief sie, an die Menge sich wendend, "dieser Mann ist einer eurer tapfersten Soldaten, von untadelhaftem Patriotismus!" Ein drohendes Murren erhob sich, eine stimme nach der andern stieg auf: "Er ist ein Verräter, ein russischer Spion!"

"Grossmutter, sprich ein einziges Wort, aus deinem mund wird es genügen, sage diesen betörten Patrioten, dass du den Herrn kennst, dass er uns, unser Vaterland verteidigt hat, dass er kein Verräter ist!"

Ein langgewachsener Bauersmann mit kurzem rotleinenem Kittel trat mit entblösstem kopf an den Wagen, machte eine tiefe Verbeugung und sagte: "Wenn die gnädigste Frau Gräfin ja sagen will zu den Worten der schönen Dame, so wollen wir den Verräter laufen lassen."

Hedwig, Valerius, alle richteten ihre Blicke auf die alte Frau. Unbeweglich, steinern blieb ihr blasses Antlitz, die Augen sahen starr und teilnahmslos in die Luft, man konnte glauben, sie bemerke gar nichts von dem, was vorgehe. Ringsum war alles still.

"Grossmutter!" unterbrach endlich Hedwig die Ruhe mit flehendem Tone. Da machte die Alte eine Bewegung der Unzufriedenheit mit der flachen Hand; das Volk nahm dies für ein Zeichen der Verneinung, tosend brach der unterbrochene Lärm wieder aus: "An die Laterne mit den Verrätern! An die Laterne!" und fort ging's mit den Gefangenen nach der Seite hin, von wo der Wagen gekommen war. Alles Volk stürzte nach. Der lange Bauer hatte Hedwig schnell in den Wagen gehoben, und auf der leer gewordenen Seite der Strasse rollte dieser rasch von dannen.

Valerius, erbittert durch diese Szene, hatte seine Kraft im Zorne wieder gefunden. "Nichtswürdiges, undankbares Volk," murmelte er vor sich hin und warf mit einem plötzlichen Rucke die beiden Begleiter von seiner Seite. – "Ich will frei zum tod gehen. Ihr Schurken, soviel Recht hab' ich mir erworben durch die Schlachten, die ich für euch gefochten habezurück, oder ich schlag' dir den Schädel ein!"

Der verwundete Arm war aus dem Tuche gerissen, das Blut lief strömend über die Hand; dieser Anblick und der stolze Ausdruck seines Gesichts, das Kriegsehrenzeichen, das beim Verschieben des Armtuches zum Vorschein gekommen war, wirkten auf seine Häscher, die vielleicht einen Augenblick selbst irre wurden. Sie liessen ihn frei einhergehen.

Er glaubte in diesen Augenblicken, der Tod selbst sei ihm nicht so furchtbar als die Schande; so sehr er auch