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abgekauft habe, alle prüfenden Gedanken werden als unbequem in den Hintergrund geschoben.

Die eindringenden Männer des Aufstandes schrien einstimmig nach Lessel, dem Spione, dem Russenhunde, wie sie ihn nannten. Er war nicht zu sehen, und nach allen Treppen hinauf und hinunter verbreiteten sich die Rachedurstigen. Dass er in ein anderes Haus entflohen sein könne, befürchteten sie nicht; am Morgen war er noch dagewesen, und kein Warschauer, sagten sie, hätte an diesem heiligen Tage der Rache einen Flüchtling verborgen.

Es war ein erschütterndes Geschrei, das in dem haus hin und wieder flog, und Valerius, den die ganze Szene entsetzte, verwünschte den Gedanken, hier eingetreten zu sein. Ans Hinausdringen war aber nicht zu denken, die Zimmer waren so gefüllt, dass er regungslos neben dem von Todesschauern geworfenen deutschen Edelmann sitzen bleiben musste. Leopold war durch das Gedränge von ihnen getrennt worden.

Valerius konnte übrigens schnell erkennen, dass der Aufstand keineswegs eine blosse Sache des Pöbels war. Anständig gekleidete Männer, jung und alt, füllten das Gemach, nur hie und da streckten sich die braunen, nackten arme eines rohen gemeinen Burschen oder eines alten bärtigen Tagarbeiters in die Höhe, um einem wilden Fluche gegen die Russen und ihre Freunde die nötige Gebärdenbegleitung zu geben. Die flüchtig gewechselten Worte der drohenden Gesellschaft überzeugten ihn ebenso schnell, dass man nichts wolle, als die zögernde Gesetzeshandhabung gegen die Feinde und Verräter des Vaterlandes beschleunigen. Es lag eine tödliche Ruhe des Revolutionsrechts in den wenigen Worten, die er vernahm.

"Der deutsche Spion ist im haus," schrie plötzlich eine durchdringende stimme aus dem andern Zimmer, und Valerius schrak nicht viel weniger zusammen als der Edelmann neben ihm, denn er hatte diese stimme schon gehört, obwohl er im Augenblick nicht wusste, wo. Die stimme kam immer näher, der Rufer brach sich eine Gasse durch die Menge, und plötzlich stand der blasse Volksredner, dessen Peroration Valerius den Abend vorher auf der Strasse gehört hatte, vor den beiden Deutschen. Eine sekundenlange Totenstille trat ein. Alles wartete auf die Bezeichnung des Schlachtopfers. Valerius fühlte sich von dem entsetzlichen Gefühle durchdrungen, wie das Individuum in zeiten der Anarchie jeder Willkür des einzelnen ebenso preisgegeben sei, wie in den zeiten eines unbeschränkten Despotismus. Wirklich richtete auch der Demagoge seine tödlichen Blicke bald auf Wankenberg, bald auf Valerius, und auf diesem sie ruhen lassend, sprach er plötzlich: "Sie standen gestern abend bei einer Gruppe Patrioten, die einem Volksredner zuhörten und zujauchzten, Ihr Mund aber blieb stumm und Ihr Gesicht drückte eine Missbilligung dessen aus, was Sie sahen und hörten."

Bei diesen Worten griffen jene braunen, nervigen arme nach Valerius, und die weiter Zurückstehenden, welche die beiden sitzenden Deutschen nicht sehen konnten, erhoben einen wilden Lärm: "An die Laterne, an die Laterne mit dem Verräter!" Der Volksredner drängte aber den Angreifenden zurück, und auf Wankenberg zeigend, rief er den auf der andern Seite Stehenden zu: "Greift den Spion!" Darauf wandte er sich um und verlor sich unter der Menge, gleich als habe er noch viel dergleichen Geschäfte zu verrichten und könne sich nicht mit dem Detail abgeben. Zwei junge, fein gekleidete Männer, die zunächst an dem deutschen Edelmanne standen, ergriffen ihn mit Wut, spuckten ihm ins Angesicht und warfen ihn mit den Worten: "Da habt ihr einen niederträchtigen, ausländischen Verräter für die Laterne!" den Vorderen zu. In diesem Augenblicke drang ein wütendes Hallo von der Treppe herunter, man hatte Lessel ergriffen. Eine offen stehende Tür des hinteren Zimmers, in welchem das Bisherige vorgefallen war, liess von da aus die Treppe und den Hausflur erblicken, man sah den kleinen, magern Konditor von Faust zu Faust herunterfliegen. Dies Ereignis setzte alles in eine neue Bewegung, dadurch wurden die Personen ineinander geschoben, und in einem Handumdrehen, war keiner der Männer mehr in der Nähe, welche Wankenberg arretiert hatten. Obwohl sich alle Augen nach der bekannten und allgemein verhassten person Lessels hinkehrten, so wurde der deutsche Edelmann doch noch immer festgehalten, er war traditionell von einer Hand in die andere übergegangen. Er machte sich aber mit grosser Geschicklichkeit den wütenden Tumult zunutze, der auf dem Hausflur ausgebrochen war, suchte ein Lächeln auf sein Todesgesicht zu heften und erklärte den Inhabern der Fäuste, welche ihn eben schüttelten, sie seien an den Unrechten gekommen. "Seid ihr des Teufels," sagte er hastig, "einem der eifrigsten Patrioten die Kehle zusammenzudrücken! Auf diese Weise entwischen eurer Blindheit die ärgsten Verräterdort, dort, seht hin, dort ist er wieder still auf seinen Stuhl geschlüpft und wartet die Sache ab in aller Sicherheit!"

Bei diesen Worten deutete er auf Valerius.

"Strafen mich alle Heiligen," schrie eine rauhe stimme, "nach dem Burschen hab' ich heute morgen schon einmal die Hand ausgestreckt, ich erkenne solch einen Vogel auf den ersten blick." Es war der wilde Tomas, der mit blutdürstigen Augen und Händen nach Valerius griff. Dieser schlug ihn jetzt ohne weiteres ins Gesicht, dass er zurücktaumelte. Der Zorn über diese schauderhafte Wirtschaft hatte sich seiner völlig bemächtigt und alle Besorgnis vertrieben. "Schämt ihr euch nicht, Polen, eure edle Sache durch solche plumpe Tölpel zu beflecken, die Handhabung der Strafen dem Zufall preiszugeben? Ich bin Offizier im Kickischen Regimente, mein Arm ist noch wund von Ostrolenka."

"Holla ho! das ist ein Vogel