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ihm stets eine kultivierte Roheit, und so unangenehm ihn auch die Schwächlichkeit berühren mochte, sie durfte sich nun in Taten oder Maximen äussern, so wenig konnte er sich doch den rücksichtslosen Kraftprinzipien anschliessen. Alle Systeme mit starrer matematischer Konsequenz schienen ihm der unerschöpflich mannigfaltigen, immer neu und unerwartet sich entwickelnden Menschennatur zuwider, feindlich, verderblich zu sein. Namentlich führten ihn geschichtliche Studien von allem Unbedingten zurück, und seine eigenen, früheren Ansichten flössten ihm oft ein Grauen ein vor jeder starren Einseitigkeit.

So missfällig ihm also das erschien, was er von seinem jetzigen Nachbar wusste, so fühlte er doch eine Art Mitleid mit dem gefährlichen Zustande, in welchem sich dieser wirklich befand. Die Todesstrafe jeder Art, wie sie von Menschen über Menschen verhängt wird, hatte immer etwas Entsetzliches für Valerius; er war sich zu tief dessen bewusst, wie Moral und gesetz und Zustände aller Art dem lebhaftesten Wechsel unterworfen seien, er hielt es immer für eine martialische Aushilfe der Gesellschaft, sich über das Leben eines Menschen das Recht anzumassen.

Während solchergestalt die Gewitterwolke über Lessels Konditorei hing und jeden Augenblick sich zu entladen drohte, schlug sie bereits mit mächtigen Streichen in die Gefängnisse der beiden verdächtigen Generale. Die Regierung war machtlos, solche Exzesse zu hindern ohne den Gouverneur, und der Gouverneur war Krukowiecki. Es ist nicht zu leugnen, dass er eine ausserordentliche Tätigkeit an diesem verhängnisvollen Tage entwickelte, er war überall, und überall war er tätig. Glührot vor Zorn und Eifer stürzte er in das Zimmer, wo sich die fünf Mitglieder der Regierung versammelt hatten, und berichtete, wie der Aufstand von Minute zu Minute wachse und ein immer drohenderes Ansehen gewinne, wie die Gefängnisse der Generale bereits erbrochen seien, und er nichts hindern könne, wenn man ihm nicht grössere Vollmacht erteile. Die vier Regierungsmänner machten dem fünften unverhohlen die lebhaftesten Vorwürfe über die Szenen. "Das sind die Taten des Klub," rief Vinzenz Niemojewski, "den Sie protegieren, das ist die Manifestation Ihrer gepriesenen Demokratie." Der lange blasse Mann, an welchen diese Worte gerichtet waren, zuckte mit einiger Schüchternheit die Achseln, und, seinen schmalen Kopf auf die Brust herabneigend, sagte er mit halber, aber wohl verständlicher stimme: "Das ist nicht das Werk der Demokratie, meine Herren, sondern des halben, zögernden Systems, das die Regierung befolgt hat. Ich habe bisher umsonst meine schwache stimme dagegen erhoben, jetzt sehen Sie in den Strassen der Hauptstadt selbst die Folgen davon. übrigens glaube ich nicht" – und bei diesen Worten zog er einen Moment die Wimpern in die Höhe und fuhr mit einem seiner blitzenden Blicke an der breiten, hohen Gestalt Krukowieckis in die Höhe, bis seine tiefliegenden, stechenden Augen den verschmitzten, lebhaften blick des Generals getroffen hatten und ihn festzuhalten schienen; man hätte hinter der Schärfe dieser vier blitzenden Pupillen bei leidenschaftsloser Betrachtung ein Lächeln entdecken können – "übrigens glaube ich nicht, dass die wackere Nation jemand anders ein Leid zufügen wird, als Personen, die mit der Schmach von Vaterlandsverräterei gebrandmarkt sind."

"Es ist Anarchie, gleichviel, wohin sie sich richte," entgegnete zornig Niemojewski.

Lelevel, denn das war der schwarzgekleidete, blasse Mann, gegen den sich die Vorwürfe gerichtet hatten, zuckte abermals die Achseln und spielte mit den weissen, mageren Händen an der Kette seiner Uhr, die er vor sich auf dem Tische liegen hatte.

Krukowiecki erhielt die Vollmachten, eilte fort, schwang sich aufs Pferd und sprengte in die Strassen hinein. Ein wilder Tumult wälzte sich über den Platz, auf welchem der General eben ankam. Die Aufrührer waren in das Gefängnishaus eingedrungen, und jetzt schleppten sie die Schlachtopfer daher. Die Generale waren nur halb bekleidet, der Tod lag bereits auf ihren blassen Gesichtern, der Strick um die Nacken; ein mörderischer Lärm brauste durch die Luft, halb im Sprunge stürzte die zum Blutdurst erhitzte Menge nach den Laternenpfählen, die an der Häuserreihe standen, und die dem tod Geweihten mussten die schnelle Bewegung mitmachen, wenn sie nicht sogleich von den angezogenen Schlingen erwürgt werden wollten.

General Krukowiecki, der von seinem Pferde aus die Szene übersehen konnte, strich sich wohlgefällig den grauen Knebelbart und redete leise zu einigen verwegenen Gesichtern, die sich neben ihm eingefunden hatten. Als der erste Unglückliche am Laternenpfahle zappelte, wendete er sein Ross und ritt zurück nach dem Regierungshause, den Vorfall zu berichten und neue Vollmachten zu verlangen.

Die Nachricht von der vollzogenen Exekution rannte wie ein Tier der Wüste blitzschnell durch alle Strassen, und die vor Lessels haus noch zögernden Demagogen erhoben ein wildes Geschrei und stürzten sich nun unaufhaltsam in die Türen. Wie bei allen Dingen, so vornehmlich bei einem Aufstande ist der Anfang, die erste Tat das Schwierigste, was den Entschlossensten erheischt. Die rohesten Leute sind so bis ins Innerste von der Ordnung, dem bestehenden Gesetz umschlossen, dass sie mit der grössten Wut alles vorbereiten können, die Schranken zu durchbrechen, und dennoch an der äussersten Grenze unentschlossen stehen bleiben. Ist nun aber angefangen mit der wirklichen Tat, dann schwinden alle Bedenklichkeiten, der erste hat gleichsam die Verantwortung für alle übernommen, und die Wut, welche sich bei ungesetzlichen Handlungen oft so grell herausstellt, ist nur ein Kind des Rausches. Die Übertreter sind einmal über das Gewöhnliche hinausgegangen, der ungewöhnliche, gesteigerte Zustand befängt sie; was einmal mit Gefahr begonnen ist, soll nun auch erschöpft werden, damit man der etwa folgenden Strafe, auch allen Genuss vorweg