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Haufe: "Tod den Verrätern!" und ein naher Strick flog Valerius um den Kopf. Valerius, der in einem gewissen Starrsinn nicht mitschreien mochte, obwohl er einsah, dass es am besten sei, mit den Wölfen zu heulen, und dass er durch sein Schweigen eine wirkliche Gefahr für sich herbeiziehe, sah, wie der wilde Tomas die Hand nach ihm ausstreckte, hörte, wie er mit dröhnender stimme schrie: "Hoho, ein Verräter!"

In diesem Augenblicke aber rückte die Volksmasse mit einem mächtigen Stosse vorwärts, ein entsetzliches Gebrüll erscholl, sie machte den Angriff auf das Gefängnis der verdächtigen Generale Jankowski und Bukowski. Dadurch ward Valerius von dem wilden Aufrührer getrennt, und er hielt es nach seiner Erfahrung für rätlicher, sich aus der Menge zurückzuziehen. Da der Hauptdruck sich entfernt hatte, so war es dünner und lichter um ihn geworden, er gewann eine Querstrasse und entschlüpfte. Die nächste Hauptstrasse war indessen wieder mit Menschen angefüllt, und die Lesselsche Konditorei, zu welcher ihn die Woge trug, war ihm ein erwünschter Posten, auf den er sich zurückziehen wollte. Der gestossene Arm schmerzte ihn sehr, und er bemerkte es in solchem Zustande gar nicht, dass gerade vor diesem haus das Volk in dichtester Reihe aufgepflanzt war und nur auf einen Impuls zu warten schien, um in die Tür zu dringen. Im inneren fand er alles gefüllt und drängte sich mit Mühe bis in die hinteren Zimmer, weil er dort mehr Raum und Ruhe zu finden hoffte. Hier begegnete ihm Leopold, der sich in grosser Heiterkeit über diesen Volkssturm hin und her bewegte. "Man sieht doch, dass sie Blut in den Adern haben, das sind natürliche Urzustände, die Polizei hört auf, die Poesie beginnt."

Valerius setzte sich auf den einzig leeren Platz im dunkelsten Winkel des Gemachs. Ein modisch gekleideter Mann sass neben ihm. Es war dem Deutschen, als ob er dies blasse, gedunsene Gesicht schon gesehen habe, und zwar in der Heimat. Leopold, der ab und zu ging und rapportierte, klärte ihn bald darüber auf, indem er den Nachbar anredete: "Herr von Wankenberg, Sie sind wohl krank? Ich habe Sie ja in meinem Leben nicht so blass gesehen."

Der Angeredete machte eine verneinende Bewegung und bat Leopold mit leiser stimme, seinen Namen nicht so laut zu nennen. Jeder Name, der nicht polnisch klinge, setzte er hinzu, sei in diesem Augenblicke verdächtig.

"Ich glaube, Sie haben mit dem Ihrigen besonders recht," sagte der kleine Mediziner mit der gewöhnlichen Schalkhaftigkeit, "es sind da draussen ganz fatale Sprachforscher, und wenn ich mich nicht irre, war Ew. Hochwohlgeboren werter Name auch der Gegenstand ihrer Studien."

"Nicht doch!" stammelte Herr von Wankenberg und versuchte zu lächeln, aber die zitternden Zahnreihen liessen es nicht dazu kommen.

"Die deutschen Namen," fuhr jener fort, "scheinen den Herren da draussen besonders unangenehm zu sein, das Wort Lessel werfen sie mit allerlei mörderischen Zungenkünsten umher; wie ich aber bemerke, hat sich der ehrenwerte Besitzer dieses anstössigen Wortes den Blicken entzogen. Das ist die angeborene Höflichkeit eines Kaffeewirts, er will durch seine Gegenwart keine Veranlassung zu Missfälligkeiten geben. Ich fürchte nur, Herr von Wankenberg, dort unter dem Ladentische, oder oben auf dem Boden ist er vor diesen gründlichen Forschern durchaus nicht sicher, sobald sie einmal ernstlich an die Entscheidung ihrer grammatischen Streitigkeiten gehen, aber sagen mir doch Ew. Hochwohlgeboren, wodurch Sie sich das Missfallen dieser Generation zugezogen haben; es ist zwar nur Pöbel, Volk, und daher kommt es wohl."

"Ich verehre das polnische Volk über alles," erwiderte dieser hastig, gleich als ob ihn diese Versicherung retten könnte, "ich liebe jede Volksherrschaft, wahrhaftig, auf Ehre, ich liebe das Volk," und dabei perlte der Angstschweiss in grossen Tropfen auf seiner Stirn.

Valerius erinnerte sich jetzt deutlich dieser person; es war in Deutschland eine renommierte Figur. Auf der einen Seite galt er für einen Spieler und für einen charakterlosen, käuflichen Menschen, der für Geld zu allem brauchbar sei; auf der andern Seite war er in der höchsten adeligen Gesellschaft aufgenommen, galt für einen Esprit, und ward als ein unterrichteter Verteidiger des russischen Systems gerühmt. Ein unparteiischer Beobachter hatte Mühe, mit diesem Menschen aufs reine zu kommen, denn bei näherem Umgange fand er ein weiches, poetisches Gemüt in ihm, das zarter, höherer Empfindungen fähig war, sich selbst in schwachen Stunden ein verlorenes geschöpf nannte und in Tränen ausbrach. Valerius vergegenwärtigte sich jetzt alles, was er auf Grünschloss von ihm gehört hatte, wo man diesen Herrn von Wankenberg kannte; und nach dem, was er sah und hörte, schien es ihm nicht zweifelhaft, dass sich dieser Überrest aus der französischen Royalistenzeit für russisches Gold auch zu Machinationen gegen Polen bereitwillig gefunden habe.

Es war ein auffallender Zug in dem Gemüte Valerius', dass er ebensowenig einem dauernden Hasse sich hingeben, als einen wirklich verächtlichen Menschen völlig verachten und wegwerfen konnte. Er klagte es oft als eine Schwäche seines Charakters an, und doch widerstrebte ein Etwas seines innersten Wesens, wenn er sich zu diesen sogenannten Kraftäusserungen der Seele anspornen wollte. Es gibt ein bekanntes Wort: "Wer nicht recht hassen kann, vermag auch nicht recht zu lieben"; aber er kam nie recht zum Glauben an diesen gebieterisch klingenden Satz. In der Forderung dieser Kraftextreme lag