wir nicht alles in die Schanze geschlagen, um die Freiheit für unser Vaterland zu erwecken? Was wüssten denn diese vornehmen Herren von der glorreichen polnischen Revolution ohne uns? Als wir unsere Köpfe gewagt hatten, als die Russen aus Warschau hinausgeworfen waren, da kamen die vornehmen Herren erst zum Vorschein. Was? Ist unser Blut nicht so rot wie das ihre, ist es nicht ebenso polnisch wie das ihre? Und wohin haben sie uns geführt? Ist der Bauer frei geworden? Ist der Russe geschlagen? Nicht doch. In wenig Tagen wird der Russe vor Warschau stehen, und seine Spione, von denen wir umgeben sind, werden ihm die Stadt verraten. Warum hängt man die Spione nicht? Weil die vornehmen Herren es nicht zum Äussersten kommen lassen wollen, weil sie immer noch ein Brückchen zur Rückkehr haben möchten. – Wollen wir eine Rückkehr?"
"Keine, keine," schrie der Haufe.
"Keine Rückkehr, ihr echten Polen," fuhr der Redner fort, "Freiheit oder Tod! Da drüben sitzen die Verräter Jankowski und Bukowski, welche unsere Armee verraten haben. – Bleibt, meine Freunde, unsere Sache ist eine heilige, sie scheut den Tag nicht, sie sucht ihn vielmehr. – Die helle Sonne des Freiheitssommers soll unsere Rache bescheinen, morgen sollen die Verräter am hohen Mittage sterben, damit die Aristokraten erkennen, es gibt ein Volk, wenn sie sich zur Tafel setzen. Freiheit oder Tod!"
Donnernd wiederholte die Masse den Ruf, und nachdem der Redner einigen der Zuhörer noch leiser etwas mitgeteilt hatte, zerstreute sich der Haufe. Valerius sah beim Schein einer Laterne das Gesicht dessen, der eben gesprochen hatte, es war ein blasses, entschlossenes Gesicht, ein junger Mann von hoher, schlanker Gestalt. – Eine Patrouille kam die Strasse entlang, und im Nu war der Redner samt allen Zuhörern verschwunden.
Die Nacht verging ruhig, und als der Morgen des 15. August anbrach, glaubten viele, das Ungewitter sei vorübergezogen. Valerius war nach dem, was er den Abend vorher gehört hatte, nicht der Meinung. Er ging zeitig aus, um dem Grafen Anton Ostrowski mitzuteilen, was er gehört. Er fand ihn nicht, alles war schon in Bewegung, es war ein Festtag, Mariä Himmelfahrt, alle Strassen waren angefüllt, ein unheilvolles Murmeln lief durch die Strassen. Valerius sah mit Entsetzen, was es heisse um einen Volksaufstand. Gerechte Klagen, törichtes, ausschweifendes Verlangen, blutdürstige Drohungen drangen in buntem Gemisch zu seinem Ohr. Wo ist die Möglichkeit, dachte er, hier aufzuklären, zu belehren, das Übertriebene vom Richtigen zu sondern! Welch ein entsetzliches Mittel, gesellschaftliche Verhältnisse umzugestalten, bleibt der Aufruhr! Alle Zivilisation ist wieder dem Chaos anheimgegeben.
Graf Anton Ostrowski kam mit einer Abteilung der Nationalgarde daher. Man machte ihm Platz, ja man rief: "Es lebe Ostrowski!" Aber wenn er die Leute ermahnte, nach haus zu gehen, den Ruf der gerechtesten Revolution nicht zu beflecken, da scholl es von allen Seiten: "Die Köpfe der Verräter! Die Köpfe der Verräter!" und sowie er mit den Truppen vorüber war, schloss sich die geöffnete Gasse wieder brausend. Die Nationalgardisten selber schüttelten den Aufrührern im Vorüberziehen die hände; es war leicht einzusehen, dass mit dieser Macht der Aufstand nicht unterdrückt werden könne. Hoch über den Köpfen der Menge sah man hier und da hände sich emporstrekken, welche einen Strick in der Luft schwenkten, und "Hurra! Halsbänder für Verräter! Halsbänder für Aristokraten!" schrien rauhe Kehlen von allen Seiten. Valerius bemerkte, dass der letztere Ruf seltener war, und bald erblickte er auch in seiner Nähe den gestrigen Redner, von welchem besonders die tödliche Drohung gegen die Aristokraten auszugehen schien. Der Volksaufruhr galt wirklich nur den Russenfreunden.
Ein wilder Bursche, der neben Valerius stand, fragte diesen plötzlich, warum er nicht mitrufe. "Du gehörst wohl auch zu den lauen Brüdern, die sich allenfalls mit den Russen vertragen!" Dadurch wurde die Aufmerksamkeit aller Umstehenden auf den Deutschen gerichtet, und dieser befand sich wirklich wegen einer Antwort in der grössten Verlegenheit. Dass hier nicht der Ort sei, persönliche publizistische Ansichten zu entwickeln, sah er wohl ein, und doch vermochte er es nicht, in den blutdürstigen Ton einzustimmen. Ein wohlgekleideter Bürger kam ihm mit der Bemerkung zu Hilfe: "Siehst du nicht, Tomas, dass der Herr verwundet ist, die Türken werden ihm den Arm nicht zerschossen oder zerhauen haben, nicht wahr, Herr?"
"Nein, mein lieber Freund," erwiderte Valerius schnell, der sich durch diese Wendung des Gesprächs aus der peinlichen Situation zu befreien hoffte, "es hat's eine russische Kugel bei Ostrolenka getan."
"Siehst du, Tomas, du bist immer unbändig."
"Sachte, sachte, Meister Warçow, es haben manche verdächtige Leute unter Madame Skrzynecki gefochten, und solch eine dumme Kugel weiss den Teufel, ob sie an den Rechten kommt. Der junge Herr spricht mir auch so ein fremdes Polnisch, und ich sehe's ihm an, dass ihm meine Frage garstig in die Quere kommt. heute denken die Vögel, sie seien im Haufen am sichersten. Wer weiss auch, ob unter dem schwarzen Tuche eine Wunde steckt, und warum trägt denn der junge Herr keine Uniform, schämt er sich unserer Uniform, he?"
In dem Augenblicke brüllte wieder der ganze