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schon lange den verlorenen Charakter reklamiert, die grossen Beziehungen der Sprache sind dort längst wieder bis in die kleinsten Spielereien derselben zurückgekommen, aber die französierenden Ausländer treiben noch immer das alte leere Spiel mit den Glasperlen des grossen Ludwig.

Valerius hörte mit Verwunderung zu, wie die geistreiche und energische Fürstin sich in solcher Unterhaltung gefallen konnte. Aber Erziehung und Gewohnheit sind bekanntlich die zweiten Schöpfer, und die schöne Frau war ganz à son aiseda fiel ihr blick zufällig in den Saal, und sie sah den Geliebten stehen. Ein hohes Rot bedeckte ihr Gesicht, und sie erhob sich wie unwillkürlich von ihrem Sitze. Die beiden Herren sprangen erschrocken auf und fragten, – Valerius sah zum ersten Male William wieder. Er war einer von den beiden. Konstantie trat rasch in den Saal. – "Wie kommen Sie hierher?" und ohne Antwort zu erwarten, setzte sie mit leiserer stimme hinzu: "Wann bekamen Sie meinen Brief?"

"Im Angesichte des Feindes, den wir eben angreifen wollten."

"Und der Angriff war Ihnen wichtiger?"

Die beiden Männer waren unterdes ebenfalls herangetreten, das leise Gespräch musste aufhören, Valerius und William begrüssten sich mit einem wunderlichen Gemisch von Frostigkeit, alter Freundschaft und landsmannschaftlichem Interesse. Die Fürstin stellte Valerius dem andern Herrn vor, er überhörte den Namen des polnischen Fürsten.

Man ging im saal auf und ab. Das Gespräch hatte ein gespanntes, zerrissenes Wesen. Valerius fühlte sich verletzt von dem stolzen, kalten Benehmen Konstantiens und setzte ihm alle schroffe Entschlossenheit entgegen, welche ihm eigen war. Nur einen Moment kam eine gewisse Wärme in Konstantiens Ton, als sie auf den Arm im schwarzen Tuche deutete und nach seiner Verwundung fragte. Um seine Anwesenheit zu rechtfertigendenn er hätte in diesem Augenblicke selbst Konstantien nicht zugestehen mögen, dass er zum teil ihretwegen da warerzählte er kurz, was man in Warschau befürchte.

"Man ist nicht streng genug gegen den Pöbel gewesen," sagte der Fürst.

"Die dreist gelösten Verhältnisse," setzte William hinzu, "deren innere Heiligkeit der freche Geist des Jahrhunderts überspringt, rächen sich früher oder später überall."

Valerius verging vor Pein, er schützte Befehle vor, die ihn nach Warschau riefen, und empfahl sich. Einen Augenblick schien die Fürstin bestürzt zu sein, aber der alte Stolz trat schnell wieder auf ihre Lippen, sie entliess ihn stumm und zeremoniös.

Er warf sich in den Wagen, und von allerlei Qualen gemartert kam er nach Warschau. Ob es Eifersucht allein, oder auch gekränkter Stolz war, was ihn peinigte, das wusste er selbst nicht zu sagen. Die Strassen waren von Menschen erfüllt, die in der Dunkelheit des Abends drohenden Gespenstern gleich hin und her zogen. Er eilte zum alten Grafen, um vielleicht dort etwas Näheres über die getroffenen oder zu treffenden Massregeln zu erfahren, denn dass Kasimirs Vermutungen nur zu richtig gewesen, zeigte ihm jeder Schritt. Die durch die Strasse wogende Menge befand sich zwar grösstenteils in einem dumpfen Schweigen, aber hier und da hörte man doch den drohenden Ruf: "Nieder mit den Aristokraten, nieder mit den Russenfreunden!" "Nieder mit den Russenfreunden!" rollte dann gewöhnlich wie eine Lawine durch die ganze Strasse hin.

Er fand den alten Grafen in einer Aufregung, wie er sie nie an ihm gesehen. "Da haben Sie den patriotischen Klub," rief er ihm entgegen, "da haben Sie die gepredigte Zügellosigkeit, das kommt von dem demokratischen Unsinn. – Kanonen, Kanonen, Kavalleriechargen gegen die Canaille: Grand Dieu, und nun ist kein Militär da, und was da ist, wird von diesem gleissnerischen Schurken, dem Krukowiecki, kommandiert! In solchem Augenblicke solch ein Gouverneur der Stadt!"

Der Graf, welcher einen Angriff auf sein Haus selbst zu fürchten schien, bat den Deutschen, dazubleiben, die Bedienten bewaffnen, postieren zu helfen, und was der Sicherheitsmassregeln mehr waren. Valerius aber, in seiner ohnehin gereizten Stimmung durch die Ausdrücke des Grafen noch mehr verletzt, lehnte es ab. Er glaubte die vom Affekte überraschte echte Gesinnung des Grafen in dieser aristokratischen Berserkerwut und Besorgnis zu erblicken; alle die schönen Worte, welche er früher von ihm vernommen, schienen ihm jetzt angelernte Floskeln, von denen das Herz des unverbesserlichen alten Adelshelden nichts gewusst habe. Ein altes schreckliches Wort Hippolyts fuhr ihm durch den Sinn: Diese Erben des alten Systems sind durch und durch infiziert und durch nichts zu heilen, sie müssen aussterben. Niemand kann sie ändern.

So ging er entrüstet von dannen, und es war ihm, als höre er einen entsetzlichen Fluch des alten Edelmannes hinter sich her. Aber er mochte es nicht glauben, dass sich ein so ausgebildeter Mann zu solcher Roheit fortreissen lasse, und schob's auf einen Irrtum, auf seine eigene erhitzte Phantasie. Die Menschenmenge auf den Strassen war zwar nicht geringer geworden, aber ihre heftige Gärung und Bewegung schien nachgelassen zu haben. Man sah sie mehr in Haufen zusammengedrängt und einzelnen Rednern zuhören, welche ihnen mit der nationalen Lebhaftigkeit die Verhältnisse auseinandersetzten. "Unsere Sache ist eine heilige," schloss ein solcher Redner seinen Vortrag, zu dessen Gruppe der junge Deutsche eben trat, "unsere Sache ist eine heilige," wiederholte er mit grösstem Nachdruck, "und wir brauchen sie nicht zu verbergen vor dem Sonnenlichteam hellen Tage, im Angesichte von ganz Europa wollen wir Gericht halten über die Verräter. Wie? haben