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sehr viel Schonung, vielfachem Vorbehalt und in mehr künstlichen als energischen Worten. Diese beiden Brüder waren Häupter einer Richtung im Reichstage, welche man im Vergleiche mit ähnlichen Erscheinungen des französischen Parlaments die doktrinäre nennen dürfte. Ihr Verlangen, geschichtliche Einrichtungen nicht ohne weiteres dem rationellen Ermessen unterzuordnen, ihre Berufungen auf die englische Verfassung und ihre grosse Vorliebe für dieselbe charakterisierten sie. Eine hervorstechende historische Gelehrsamkeit jeder Art und ein wohl durchgearbeitetes Element humaner Kultur zeichnete sie aus.

Dem Verlangen Bonaventuras opponierte sogleich mit grosser Lebhaftigkeit ein schlanker, glänzender Mann mit jenen Maintiens und kurzen, stolzen Bewegungen des Kopfes, die den Vornehmen par exellence eigen zu sein pflegen. Es war Gustav Potocki, und er repräsentierte die Spitze der ultra-aristokratischen Koterie. Ein sehr edel und einnehmend aussehender Greis von feinen, sanften Manieren, die mehr das Edle als das vornehme ausdrückten, milderte Ansicht und Ausdrücke des stolzen Potocki, obwohl er selbst zur Partei desselben gerechnet wurde. Dieser Greis war der Fürst Adam Czartoryski. Ein dritter Mann, welcher seit einiger Zeit mehr zu dieser aristokratischen Richtung hinneigte, als man von ihm erwartet hatte, ja mehr, als ihm eigentlich selbst natürlich war, schloss sich in diesem Augenblicke lebhaft und mit vielem Feuer den Worten Bonaventuras an. Es lag so viel Imponierendes in seinem Benehmen, seinen Mienen, seinen Ausdrücken, dass man leicht davon auf sein Amt schliessen konnte, in welchem er diese Art von Repräsentationen vielfach geübt hatte. Er sass nämlich auf dem Marschallstuhle des Reichstags, und ihm gebührte das wichtige Verdienst, die Verhandlungen dieses Staatskörpers in einer so stürmischen, revolutionären Zeit mit einer bewundernswürdigen Humanität, Unparteilichkeit und Kraft, ja mit einer Grösse geleitet zu haben, wie sie selten in der geschichte angetroffen wird. In Ladislaus Ostrowski spiegeln sich alle Vorzüge eines modernen Polen ab, und von den Fehlern desselben finden sich nur die unbedeutenden an ihm. Kein übermässiger persönlicher Ehrgeiz, kein Standesvorurteil, kein Fanatismus irgend einer Art darf ihm vorgeworfen werden, und nur kurze Zeit hat er sich vielleicht zu weich und nachgebend gegen Standesgenossen wie Gustav Potocki und ähnliche bewiesen. Er ist einer der glänzendsten Charaktere jener Revolutionszeit, und nur der neben ihm stehende Bruder Anton Ostrowski übertraf ihn an unerschütterlich gleichmässigen grundsätzen patriotischer Tugend und an einer Popularität von patriarchalischem Gepräge. Diese beiden Brüder umfassen in ihren Persönlichkeiten die schönsten Ausdrücke von polnischem Patriotismus. Während Ladislaus den ganzen adeligen, chevaleresken, liebenswürdigen, glänzenden teil der Nation darstellte und alles, was zu diesem gehörte, fesselte und hob, nahm Anton, als Kommandant der Nationalgarde, beinahe völlig die Stellung Lafayettes in Frankreich ein, repräsentierte die edelsten demokratischen Ansichten, war Abgott der Bürger im engen Sinne des Wortes.

Es war natürlich, dass er ohne Umschweife die Partei Niemojewskis ergriff, ja noch darüber hinausging. Seine ernsten, traurigen Worte über den Zustand des Vaterlandes machten auf alle, selbst auf Potocki und den Herrn des Hauses einen tiefen Eindruck, und es herrschte noch ein langes Schweigen, als er schon weggegangen war, um eiligst nach Warschau zurückzukehren.

Valerius hatte in Betrachtung dieser Gruppe alles übrige vergessen, und erst, als die Leute sich trennten, und alle nach der Stadt aufbrachen, dachte er daran, sich nach Konstantien umzusehen. Wie es zu gehen pflegt, hatte das Gerücht von drohenden Vorfällen sich dahin verwandelt, dass alle glaubten, es sei schon Trauriges vorgefallen. Der Herr des Hauses, die Staatsmänner fuhren eiligst nach Warschau, und was an unwichtigen Besuchen da war, lief erschrocken und fragend durcheinander. Kasimir war mit dem Grafen Heinrich Ostrowski nach der Stadt gefahren und hatte Valerius dringend gebeten, sogleich nachzukommen. Dieser eilte in das Schloss und fragte nach der Fürstin. Ein vorübereilender Bedienter deutete auf die offene Saaltür.

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Der Saal war leer. Durch die dem Eintretenden gegenüberliegende Tür eilten eben noch ein paar Gestalten, wie es schien, von den beunruhigenden Gerüchten davongejagt. Valerius hörte aber dennoch deutlich die muntere, lachende stimme Konstantiens. Er trat tiefer ins Gemach und erblickte nun einen Balkon, der auf den Garten hinaus ging, ein leichtes, flatterndes Dach von gestreiftem Stoffe beschattete ihn. Dort sass die Fürstin halb nach der Gegend, halb nach dem saal zugekehrt, wenn sie die Augen wendete, so musste sie gerade auf Valerius blicken, der schweigend, in ihrem Anschauen verloren, stehen geblieben war. Der weissseidene leichte Schal flatterte wieder um ihre Schultern, aber heute war er keine Freudenflagge. Vor ihr sassen zwei Männer mit dem rücken nach dem inneren des Saales. Das Gespräch zwischen den drei Personen bewegte sich in jenen kleinen französischen Kreisen um ein holdes Nichts, das die Konversation dieser Art mit zierlichen, antitetischen oder sonst kokettierenden Phrasen behängt. Es war das Spielen mit den Schalen und Hülsen der Sprache, wie sich's die sogenannte gute Gesellschaft angeeignet hatte. Da man diesen höheren Geselligkeitston zumeist aus Frankreich entlehnt hat, und er dort unter einem Regenten seine höchste Ausbildung erhielt, welcher alle Tätigkeit und Macht des Staates in sich vereinigte und jedes Mitdenken und Mitwirken der übrigen, selbst der höheren Mitglieder des Staates, ausschloss, so hat er vielleicht schon von daher diesen Charakter der Unbedeutendheit mitgebracht. Es war eine Unterordnung oder gar eine Schmeichelei gegen die Despotie, eine Konversation zu erfinden, die sich mit nichts beschäftigte und doch geistreich schimmerte. Die Bemühungen der Fronde lösten sich in Epigramme auf, und diese Epigramme zerflossen endlich in den charakterlosen Esprit. Dieser Esprit hat in Frankreich selbst mit der wiedererrungenen Selbständigkeit der Individuen