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, um Skrzynekki zu stürzen, selbst mächtiger, gewaltiger zu werden. Solange ich in Warschau bin, beobachte ich diesen Mann, er ist von glühenden Leidenschaften getrieben, man sollte also meinen, er könne sich nicht verbergen, und dennoch darf ich nicht sagen: Ich kenne ihn. Die jedesmal hervortretende leidenschaft scheint im Augenblicke ihrer Tätigkeit die allein herrschende seines Wesens zu sein, die Grösse der Affekte verbirgt den eigentlichen Charakter des Mannes mehr, als sie ihn entüllt. Nie aber habe ich diese Sättigung in seinen Zügen gesehen wie heute. Irgend ein drohender Streich muss bereits ausgehoben sein. Warschau ist in der bedenklichsten Aufregung; das konnte nur einem entgehen, der wie Sie zum ersten Male seit vielen Wochen aus der Krankenstube tritt. Die Entrüstung ist allgemein, dass Skrzynecki fortwährend ohne Widerstand dem Feinde weicht; die Entrüstung ist gerecht, ich teile sie vollkommen; aber ein Aufstand, wie er in diesen Strassen droht, ist nicht das Mittel. Unordnung erzeugt keine Vorteile. Wie es nun immer zu gehen pflegt bei Völkern, die lange unter grausamem Drucke schmachten, alles Unerwünschte bildet sich in Gemütern zunächst in Misstrauen, in Verdacht aus. Wo der Fortgang zögert, da fürchtet man russischen Einfluss. Das ist das Entsetzlichste unserer Sklaverei, dass sie alles gesunde Vertrauen in die bewährtesten Patrioten tötet. Ein teil dieses Unglücks kommt mit jeder Sklaverei, aber das förmliche System der russischen Bestechung, wie es von der Katarina angefangen hat, ist schlimmer als alles, was anderswo derartiges ein Volk gelähmt hat. Nun hat sich mancherlei zusammengefunden, den Verdacht des Volkes zu steigern; das Benehmen der Generale Jankowski und Bukowski, welche damals Turno im Stiche liessen, als ein russisches Armeekorps mit Leichtigkeit vernichtet werden konnte, war höchst auffallend und beunruhigend. Diese und andere sitzen noch in Warschau, es erfolgt kein Urteilsspruch, das Volk glaubt Leute protegiert, in denen es die abscheulichsten Verräter des Vaterlandes sieht. Der Feind rückt täglich der Hauptstadt näher, eine kräftige, glühende Armee tut keinen Schwertstreich, Warschau ist in den Händen dessen, welcher ein leidenschaftlicher Gegner des Generalissimus istzweifeln Sie noch, dass wir bei diesen bedrohlichen Elementen täglich einen gefährlichen Ausbruch des Volksunwillens zu fürchten haben?

Glauben Sie nicht, dass ich übertreibe, ich bin ein eifriger Besucher der patriotischen Klubs und kenne die Stimmung. Wenn ich auch das wilde, ungeordnete Drängen unserer Demagogen gar nicht billige, so muss ich doch den Ursprüngen ihrer Meinung recht geben. Lassen wir die Frage ungelöst, ob es ratsam war oder nicht, den Bauer plötzlich und ganz von aller Hörigkeit zu befreien; die Sache, einmal in Anregung gebracht, von der allgemeinen Aufmerksamkeit in Anspruch genommen, musste ein genügenderes Resultat geben, als sie gab. Die demokratische Jugend hat die Revolution geschaffen, sie ist gross, gross an Anzahl, der Kern des Heeres, ihre Meinung ist weit und tief verzweigt in die Nation, sie konnte mit Recht einen Anteil an der neuen Regierung verlangen. Sie hat sich ihn ertrotzen müssen von der aristokratischen Partei, und die späte Aufnahme Lelevels in die Regierung hat sie belehrt, dass von dem guten Willen der alten Aristokraten nicht das mindeste zu erwarten sei. So stehen wir in diesem Augenblicke bedrohter als je zwischen den Extremen, und alle vermittelnden Schattierungen treten jetzt völlig in den Hintergrund. Was ist zu tun? Sie kennen Stanislaus' Vater genau, wollen Sie mit mir zu ihm eilen? Wir finden bei ihm eine grosse Anzahl bedeutender Männer, die stolze, eigentliche Aristokratenpartei, und die Humanitätsaristokraten, wie ich sie nennen möchte, unsere Doktrinärs und alles, was nicht direkt zu den Männern des Klubs gehört, erscheint fast täglich in seinem haus."

"Er ist nicht in der Stadt, sondern auf seinem Landgute."

"Ich weiss das; eben dort versammelt sich die wichtigste Gesellschaft. Lassen Sie uns einen Wagen nehmen und hinausfahren."

Dieser Vorschlag war Valerius sehr angenehm. Nach einer Viertelstunde rollten sie schon aus dem westlichen Tore der Stadt über die Ebene hinweg. Das Landgut lag eine halbe Meile seitwärts von der Strasse, die nach Lowicz führt, in einer freundlichen Birkenwaldung. Es war später Nachmittag, als sie ankamen, die heisse Sonne des August lag drückend auf der Gegend und die schattigen Gärten, welche den Landsitz umgaben, winkten ihnen einladend. Sie fanden die Gesellschaft in den dunkleren Partien des Gartens; bei der ersten Gruppe, welche sie trafen, befand sich der Graf. Es war leicht zu erkennen, wie ihn der Anblick des Deutschen nicht eben angenehm überraschte, sein feiner Weltton bedeckte jedoch schnell den flüchtig erscheinenden Ausdruck des Missbehagens mit den höflichen Zügen des zeremoniösen Wirts. Das vorstellen Kasimirs, dessen unumwundene Erklärung, was ihn herführe, verdrängten schnell alle übrigen Interessen, eine stürmische Diskussion begann, bald dieser, bald jener der Anwesenden trug den ab- und zugehenden Bedienten auf, das Anspannen und Vorfahren zu bestellen.

Es waren wirklich bedeutende Repräsentanten der damaligen höheren Gesellschaft Polens zugegen, und fast alle Schattierungen waren vertreten. Ein ernster, sinnender Mann ergriff zuerst das Wort und erklärte mit sehr gewandter Motivierung und nachdrücklicher Rede, dass die Unzufriedenheit des Volkes keineswegs grundlos sei, dass man ernstaft und schnell mancherlei ändern müsse. Es war dies Bonaventura Niemozewski, welcher den nächsten Übergang zur Volkspartei bildete. Sein Bruder Vinzenz, von kleinerer Statur, mit einem blassen, von Nachdenken und Studien gefurchten gesicht, schloss sich ihm an. Er tat dies aber seiner natur gemäss mit