hin, "ein unheimlicher Mann des Volkes für mich, ich weiss selbst nicht warum – was fällt denn dir ein, du unverbesserlicher Narr," rief er dem eintretenden Leopold zu, "mit dem volk zu schreien, was hast du denn für ein Interesse an Krukowiecki?"
"Ich lache und rufe," erwiderte dieser, "mit allen aufgeweckten Leuten, 's ist immer etwas Munteres und Belebendes für mich darin, wenn die Menge jemand zujauchzt, etwas verlangt; die Äusserung ist so natürlich, man vergisst einen Augenblick unser künstliches Staatsleben – und dieser Krukowiecki hat ein so interessantes Gesicht, ich sage dir, Freundchen, in diesem Gesicht liegt ein ganzes Stück Weltgeschichte." –
"Wenn's nur ein gutes ist." –
"Ja, das ist die Frage. Du weisst, ich habe solch einen gewissen physiognomischen Instinkt: dies eckige, starre Gesicht, dieser brutal heroische Kopf, der sich in den Nacken zurückwirft, bedeutet etwas Wichtiges." –
"Was macht die Kranke?"
"Nichts, mein Lieber, gar nichts." –
"Sie ist doch nicht –"
"Nein, sie ist nicht mehr, das heisst, sie ist dem Geheimnis der modernsten Philosophie, der ostindischen Pest verfallen, in populärer Sprache: sie ist tot – keine Vorwürfe, Lieber, die besten Ärzte haben sich mit ihr beschäftigt nach unserem Weggange, sie haben alle Systeme probiert und der Cholera tapfer beigestanden – wir wandeln hier in einem dunkeln Tale, das neue grosse Geheimnis, das aus Kalkutta gekommen ist, lehrt uns wieder, dass wir nicht wissen, in welchen Atomen das Leben besteht. Wenn wir erst etwas Lebendiges erschaffen lernen, etwas, das Puls und Odem von uns empfängt, dann wollen wir der Medizin die Anmassungen vergeben." –
"Kasimir!" rief Valerius, aus einem traurigen Nachsinnen auffahrend – der junge Wolhynier trat nämlich eben ins Zimmer – "wissen Sie, wo Ludmilla ist?"
Kasimir zog die Stirn zusammen.
"Im grab ist sie."
"Was?"
Und nun folgte rasch die Erzählung. Der Wolhynier schwieg noch eine Weile, als sie beendigt war. Dann ergriff er rasch Valerius' Hand: "Sie werden mich verdammen, Herr, und Sie haben vielleicht nicht unrecht. Ludmilla kam aus den dreisten Händen des Russen in die meinen, sie hatte keine Schuld – aber – mit meiner Liebe war es aus, ich verliess sie – zu was anderem, Wichtigerem, aber hier ist nicht der Ort, vermeiden Sie überhaupt in diesen Tagen dies Haus." –
Valerius überhörte die letzten Worte, sagte Leopold Adieu, unterrichtete ihn, wo er zu finden sei, und ging mit Kasimir.
"Wir sind bei einer bedenklichen Krise angekommen," hub dieser mit leiser stimme an, als sie auf der Strasse waren, "haben Sie vorhin Krukowiecki durch die Strassen reiten sehen? Ich fürchte, ich fürchte, mit diesem Streicheln der Menge pflegt er nicht nur seine Eitelkeit, sondern bereitet seinen stolzesten Plänen ein fest. Ich glaube, es muss etwas von unserer Seite geschehen, ich spreche offen und rückhaltslos zu Ihnen. Alles ist bei der Armee, was dem Treiben Krukowiekkis entgegenarbeiten könnte, mich führt ein zufälliger Auftrag nach Warschau, ich habe in diesem Augenblicke niemand, dem ich meine lebhafte Besorgnis mitteilen könnte, ich glaube, Ihr Herz und Ihre Ansichten zu kennen, bieten Sie mir die Hand, vielleicht können wir mancherlei abwenden."
Valerius gestand, dass er jetzt völlig ausser genauer Kenntnis der Verhältnisse sei, er wisse nicht, worauf dieser Eingang hinausgehen solle.
"Sie sind ein Demokrat," fuhr Kasimir fort, "ich bin es auch – glauben Sie nicht, dass ich Missbrauch mit diesem Worte treibe. Ich habe es Ihnen angemerkt, dass Sie viele Täuschungen der Art in unserem land erfahren haben, geben Sie uns deshalb nicht auf, Sie finden Repräsentanten für alles unter uns. Eine allgemeine, gleichartige Ausbildung wurde durch die herrschaft der Fremden unmöglich gemacht; es ist nicht zu verwundern, wenn sich die verschiedensten Richtungen unter uns finden. Mein schweizerischer Lehrer hat mich die grösste Unbefangenheit in Rücksicht auf Parteien und Zustände gelehrt, vergeben Sie's, wenn Sie hier und da einen Rest nationalen Leichtsinns an mir entdecken, ich bin jung, und es ist gar schwer, das Temperament, die Atmosphäre jedes Landes nach den Forderungen, selbst nach den eigenen Forderungen der Bildung zu fügen. Man kann im grund nicht mehr verlangen, als dass ein jeder den lebendigen Willen dazu habe, und, glauben Sie mir, den habe ich. Vielleicht gestehen Sie mir später zu, dass ich unbefangener bin als Stanislaus; denn ich habe es wohl bemerkt, wie Sie misstrauisch auf ihn blicken, obwohl er zu unsern kultiviertesten jungen Edelleuten gehört. Sie werden nicht leicht ein Land finden, wo die Bildung so eifrig anerkannt und geschätzt wird, als Polen, vergeben Sie uns bei der Beurteilung auf einen Augenblick die nationalen Leidenschaften, welche dem Fortschritte so vielfach hindernd in den Weg treten.
Und nun näher zur Sache! Wir mögen noch so eifrige Volksfreunde sein, nimmer können wir es für wünschenswert halten, das Regiment unmittelbar in den tausend Händen der Menge zu sehen. Und ich fürchte, darauf geht es hinaus. Ich setze nicht den entferntesten Zweifel in den unbegrenzten Patriotismus Krukowieckis, aber ich bin dennoch überzeugt, er bietet in diesem Augenblicke nur alles auf