nach dem Lazarett, das Schicksal Ludmillens beängstigte ihn um so mehr, da er die Unzulänglichkeit der Medizin gegen die Krankheit schildern hörte. Er selbst wollte unterdes bei Stanislaus' Vater eine Visite machen, und um jeden Preis Konstantien Nachricht zu geben suchen. In Lessels Konditorei, die sie eben verliessen, wollten sich die Freunde nach ungefährem Verlauf einer Stunde wiederfinden.
Valerius war sehr gespannt, wie er den alten Grafen treffen würde. Das Schicksal des Landes hatte sich gewaltig umgestaltet, halbe Massregeln schienen mehr als je verderblich. Nach der Schlacht von Ostrolenka war Skrzynecki ohne Aufentalt nach Warschau gefahren, um der erste Bote zu sein, den Reichstag auf das günstigste vom Zustande der Dinge zu unterrichten, die Nachteile der Schlacht soviel als möglich zu verdecken. Es war ihm auch gelungen; der Tag von Ostrolenka konnte ihn den Oberbefehl kosten, aber der Reichstag und die Regierung bezeigten ihm ein ungeändertes Vertrauen und liessen das Schicksal des Krieges mit den ermunterndsten Ausdrücken in seinen Händen.
Der alte General Malachowski sammelte die Trümmer der auseinandergerissenen Armee, die versprengten Truppen fanden sich aus eigenem Antriebe wieder zusammen, Diebitsch verfolgte seine etwaigen Vorteile nicht weiter, da sein Truppenverlust noch grösser gewesen war als der des polnischen Heeres. Er rückte nach der Weichsel hin und schien die Verhältnisse abwarten zu wollen, ob sich ein Übergang bewerkstelligen liesse. Bei Beurteilung dieses Mannes, soweit diese die militärische Seite des polnischen Krieges betrifft, muss der Historiker sehr vorsichtig verfahren, und die geringen Erfolge des Feldzugs nicht ohne weiteres dem Ungeschick des Anführers zuschreiben. Bei einem genauen Blicke ins russische Lager stellen sich vielerlei verwickelte, lähmende Zustände dar: das russische Nationalinteresse ist keineswegs so indifferent, dass es ihm vollkommen gleichgültig wäre, unter einem Ausländer zu fechten. Eifersüchteleien der Art, nachlässig ausgeführte Befehle von seiten der russischen Generale kommen in Fülle vor. Zu Petersburg hatte man keinen Massstab für die moralische Kraft eines auf den Tod kämpfenden Volkes, man schrieb es dem mangelhaften Eifer oder der unzulänglichen Geschicklichkeit des Heerführers zu, dass die Insurrektion nicht gedämpft werden könne, man schickte Paskiewitsch, um Diebitsch zu unterstützen. Dieser konnte in solcher Massregel nicht wohl etwas anderes als seine halbe Absetzung erblicken, der Übergang über die Weichsel war äusserst bedenklich, weil man dadurch die Kommunikation mit Russland völlig verlieren konnte, die Cholera wütete im Heere, und so sah man Diebitsch von allen Seiten gelähmt, niedergeschlagen in seinem Lager sitzen. Da ergriff ihn die Cholera selbst und raffte ihn hinweg. Paskiewitsch, der bald darauf eingetroffen war, hatte mit plumper Zuversicht das Heer ohne weiteres über den Fluss geführt, Skrzynecki hatte nicht das mindeste dagegen getan, sogar all die kleinen Vorteile verschmäht, die bei solch einem Kriegsereignisse zu erringen sind, auch wenn der Übergang selbst nicht gewehrt werden kann. Die Russen rückten nun auf dem linken Weichselufer gegen Warschau heran, und die polnische Armee wich von Position auf Position zurück.
So standen die Sachen, als Valerius seit langer Zeit zum ersten Male wieder das Palais des Grafen betrat. Der Herr des Hauses war schon am frühen Morgen aufs Landgut hinausgefahren. Das war dem Deutschen eigentlich erwünscht, denn es gewährte ihm die beste gelegenheit, auf dem Landgute selbst zu erscheinen. So hoffte er, auf das bequemste wieder in Konstantiens Nähe zu gelangen. Als er eilig aus der Tür des Palastes trat, rannte ein hastig Vorübereilender gegen ihn und stiess ihn schmerzlich an den wunden Arm, welchen er in der Binde trug. Der heftige Schmerz presste ihm einige harte Worte aus, der Vorüberstürmende blickte sich heftig um – es war das wilde Gesicht Slodczeks, das dem Verletzten trotzig in das Auge blickte.
Leopold war noch nicht in der Konditorei, als Valerius dort ankam. Er las Journale, um sich über die Stimmung des volkes zu unterrichten, da in seine Krankenstube nur Einzelnes, Unvollständiges gedrungen war. Überall fand er die heftigste Entrüstung gegen Skrzynecki und die Untätigkeit des Heeres, überall fanatisches Lob des alten Krukowiecki, der als Gouverneur von Warschau eine rastlose, energische Tätigkeit entwickelte.
Ein Geräusch auf der Strasse zog ihn vom Lesen ans Fenster. Ein hoher Offizier ritt langsam daher, die Leute, welche sich eben auf dem Wege befanden, waren überall stehen geblieben, schwenkten die Hüte und Mützen und riefen laut. Valerius öffnete das Fenster, um die Worte zu verstehen – "in die Schlacht, in die Schlacht, Vater," waren die ersten Worte, welche er vernahm. Mit Staunen erkannte er in dem vorüberreitenden Offizier jenen alten graubärtigen Mann wieder, welchen er auf dem Balle beim Grafen Kicki gesehen, den Stanislaus mit soviel Aufmerksamkeit und Teilnahme die Treppe hinab begleitet hatte. Seine harten, finstern Züge waren in diesem Augenblicke durch eine gleissende Freundlichkeit geglättet, das schnelle, graue Auge flog wie ein spielender Raubvogel links und rechts unter die immer grösser werdende Menge. "Hilf, Krukowiecki, Vater Krukowiecki hilf uns!" rief man von allen Seiten. Zu seinem Erstaunen sah Valerius seinen kleinen Mediziner mitten unter den Schreiern, er schwenkte sein weisses Hütchen, und mit dem ihm eigentümlichen Lächeln, das halb gutmütig halb ironisch, immer aber einnehmend aussah, schrie er tapfer mit: "Hilf, Krukowiecki, Vater Krukowiecki, hilf uns!"
Der Angerufene sprach etwas zum volk, er war aber schon zu weit entfernt, als dass man es am Fenster der Konditorei hätte verstehen können. jubel und Vivatrufen des Volkes kam hinterdrein.
"Das also ist Krukowiecki!" sagte der Deutsche vor sich