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es links, und je mehr Jahre darüber hingehen, desto reifer wird das Kunstproduktein schlechter Arzt, der nicht einige Scottsche Romane unter seinen Kuren aufzuweisen hat. Er bereitet sich den Roman in der Vorrede aus unscheinbaren Materialien, das heisst: er begegnet dem Patienten in spe auf einem Spaziergange und unterhält sich mit ihm über Krankheitsmöglichkeiten, später beruht seine Kunst darin, die Parteien des Stoffs in feindliche Berührung miteinander zu bringen, das gibt die Spannung, und nun kommen die epischen Rezepte. Epische Rezepte stammen gewöhnlich aus den Kolonien, aus den Äquatorgegenden, wo die Sonne brünstig auf der Erde ruht und die fabelhaften Gewächse gedeihen, die den besten nordischen Magen in zehn Minuten ausser Vernunft setzen können. Zwei, drei solche Rezepte, in denen etwa der spanische Pfeffer die Rolle der pikanten Figur des Romans spielt, zwei, drei solche Rezepte, Freundchen, bringen den Roman auf die Höhe des Interesses. Nun ist die Gefahr da. Held, Verwandte, Freunde, Zuschauer sind jetzt hinlänglich beschäftigt, nun lässt der Arzt dem Stoffe seinen Lauf, er ist bereits unentbehrlich geworden, wie der Romanschreiber in der Mitte des zweiten Teils, es kommen einige Ausfüllrezepte, sanft lyrische Akkorde, welche den allzu schnellen, wilden Verlauf ein wenig mässigen, und man nähert sich langsam dem Schlusse. Hier kommt es nun wie beim Romantiker darauf an, ob sich die zu Anfang und bei der Hauptschürzung gebrauchten Stoffe und Motive nicht gegeneinandergestellt haben, ob eine Versöhnung möglich ist. In diesem Falle schliesst das Ganze mit gelinden Stärkungen, kleinen nützlichen Sprüchen, die man in der Ästetik Gnomen nennt, und die sich am Ende in medizinische Diätsregeln auflösen. Der Kranke geht zum ersten Male wieder aus, wenn er auch etwas bleich ist und den Stock braucht. Hierbei öffnet man nur noch die Perspektive, der Roman ist zu Ende, und die Mitspieler rufen wie in den alten Komödien des Plautus und Terenz: Plaudite omnes, das heisst: Bezahlt und preist den Arzt, den Künstler aufs beste. Sind jene Stoffe und Motive aber unversöhnlich, nun, dann schliesst die Sache mit dem tragischen Chor der Griechen, und das poetische Interesse ist um so grösser, der Held ist dem Fatum erlegen. Honorar und Beifall sind ebenso gross. Was nun aber die Cholera betrifft, um wieder auf besagten Hammel zu kommen, denn ich sehe, du wirst ungeduldig, so behandeln wir selbige epigrammatisch. Ein glücklicher Augenblick, ein glückliches Wort, ein ungewöhnlicher, plötzlicher genialer Versuch des Arztesdas gibt dem Dichter das Epigramm, dem arzt das Mittel gegen die Cholera. Das Epigramm heilt selten, wie du weisst, aber es trifft den empfindlichen Punkt; Leben und Tod steht in Gottes Hand, sagen wir; das schnelle Ende ist ebenfalls ein Zeichen, dass wir auf rechtem Wege waren, es ist Schickung, dass die natur gerade den negativen Pol und nicht den positiven Pol berührt hat. Diese epigrammatische Behandlung ist ebenfalls sehr künstlerisch, schon Goete sagt im Faust:

Wir sind gewohnt,

Dass die Menschen verhöhnen,

Was sie nicht verstehen. –

Der Mediziner ist der Faust der Materie. Er verschreibt sich dem Teufel, um das Wesen der natur zu ergründen. Der Teufel besteht nämlich in den verborgenen Kräften derselben.

Uff, setz dich hierher, altes Brüderchen, lass mich ausreden, es gibt sonst ein Unglück, ich fühle alle meine Studien und Betrachtungen auf der Zunge. Wenn ich dir den jetzigen Zustand unserer Medizin schildern sollte, – denn das müsste ich, um dir unsere Behandlung der Cholera darzutunso wäre eine Darstellung der ganzen Kulturgeschichte notwendig. Erschrick nicht, ich begnüge mich mit einigen Strichen, die letzten Jahrhunderte zu bezeichnen. Die Medizin ist immer abhängig von dem Zustande der laufenden Bildung, so wie es denn nach deinen eigenen Worten keine vereinzelte Erkenntnis gibt. Alles hängt an dünnen, oft kaum sichtbaren Fäden zusammen. Die Philosophie lernt von der Naturkunde, die Naturkunde von der Philosophie, und die Medizin ist ein Dekokt aus beiden. Die geschichte der Medizin lässt sich am tiefaber die Cholera ist gekommen, alle entdeckten gesetz sind an ihr gescheitert, Hegel persönlich ist von ihr weggerafft worden, die Wissenschaft steht wieder vor ihr wie vor einem dunkeln Vorhange. Diese Cholera ist eine vollkommen neue Manifestation der Welt, es muss erst wieder eine neue Poesie kommen, um sich ihrer zu bemächtigen, damit einer neuen Wissenschaft die Augen geöffnet werden. Die Sprache dieser Pest ist unserer Gelehrsamkeit unverständlich, sie passt in keines unserer Wörterbücher, das Glück und das Genie schnappt hier und da ein Wort auf und rettet einen Menschen, aber an gesetz dieses neuen Idioms ist nicht zu denken, wir warten wie die Juden auf den Cholera-Messias."

"Du bist ein systematischer Narr," erwiderte Valerius auf die lange Provokation, "aber der Schluss ist mir zu ernstaft, um über deinen Gallimatias zu lachen, ich muss einen andern Arzt für Ludmillen suchen."

"Ich schwöre dir's, Freund, der Klügste wie der Dümmste ist vor dieser Krankheit gleich klug; sie ist das neue Welträtsel, und das wird nicht in acht Tagen gelöst; das Mädchen liess sich gut an, du musst es dem Zufall überlassendie Cholera ist ein Spott der Gotteit über das absolute Wissen der Menschen, sie wird den Pietismus befördern und die Unverschämteit zügeln, trink, lieber Valerius, trink, du bist noch ganz blass."

Valerius trieb den kleinen Schwätzer