1833_Laube_131_137.txt

ganz der alte Leopold, wie er auf Grünschloss gewesen war.

Sein ernsterer Landsmann führte ihn aber ohne Verweilen an Ludmillens Lager und sprach: "Hilf, wenn du kannst."

Leopold griff nach dem Pulse und entblösste dabei wieder den Arm der Kranken. – "Schöne Formen, schöne Formen!" sagte er lächelnd zu Valerius. Die Kranke richtete die starren Augen auf den Arzt, als er die Hand auf ihre heisse, trockene Stirn legte; man glaubte, Schwerter darin zu sehen, die um das Leben fechten wollten. – "Hilfe!" dies einzige, erste Wort rang sich von den blassen Lippen.

Valerius fühlte sich aufs schmerzlichste gepeinigt.

Der junge Arzt öffnete der Leidenden eine Ader und wendete alle die unsicheren Mittel an, welche damals gegen diese unergründete Pest gebräuchlich waren. Dabei verfuhr er mit so grosser Zuversicht und Sicherheit, das gespannte, krampfhafte Wesen der Krankheit schien wirklich in etwas nachzulassen, so dass Valerius einige Beruhigung schöpfte. Er fragte Ludmillen, ob er noch irgend etwas für sie tun könne, ob er Kasimir suchen sollesie schüttelte heftig den Kopf und machte eine sanfte Bewegung mit der Hand, als wolle sie ihn nicht länger zurückhalten. Er versprach, mit dem arzt bald wiederzukommen, und verliess am arme Leopolds den Saal. Nachdem er ihm über seine bisherigen Schicksale, den verwundeten Arm und die schöne Kranke den nötigen Aufschluss gegeben hatte, überschüttete ihn dieser mit Erzählung der eigenen Schicksale. Denn nur die Neugier war einen Augenblick grösser gewesen als seine Geschwätzigkeit. Valerius unterbrach ihn jedoch noch einmal mit der dringenden und ernsten Frage, ob er sich auf die gegen Ludmillens Krankheit getroffenen Massregeln verlassen könne, ob Leopold sichere Einsicht in diese Krankheitsverhältnisse besitze, ob man nicht vielleicht noch einen älteren Arzt zu Rate ziehen möchte? Aber der Kleine unterbrach ihn lächelnd. Es war noch jenes alte artige Gelächter, worin so viel Kindlichkeit, gutmütiges Wesen und Bonhomie lag, dass es niemand übelnehmen konnte.

"Du bist noch derselbe gewissenhafte Kauz," sprach er unter diesem lachen, "der die Medizin in Ordnung und notwendigkeit eingesperrt wissen will wie die Logik. Die Welt mag ein Exempel sein, aber wir haben keinen Rechnenknecht dazu und können's nicht lösen, drum ist es wohl besser, sie für eine grosse Poesie zu halten, deren Prinzipien uns unbekannt sind, und die wir ohne Prüfung geniessen sollen, so gut wir eben können. Sieh, das ist am Ende in wenig Worten die Ausbeute meines Lebens, seit ich dich nicht gesehen habe. Oder richtiger: ich bilde mir's diesen Augenblick ein, solch eine Ausbeute gewonnen zu haben, denn ich muss dir ehrlich gestehen, ich hab' eigentlich nichts gelernt in der sogenannten Lebensphilosophie, was man so lernen nennt. Das heisst, ich bin noch immer zu keinen Prinzipien gekommen, und als ich neulich William begegnete, da sagte er nach der ersten Viertelstunde, ich wäre noch immer der alte Taugenichts, der zwecklos und somit tugendlos in die Welt hineinlebte. Gott weiss, ob er recht hat, aber ich kann nicht anders, wenn ich nicht alle Freude aufgeben soll, und das wäre am Ende doch auch sündlich, da die ganze Welt voll Freude ist, und es sie missbrauchen hiesse, wollte man ihre Hauptsache von der Hand weisen. Du bist immer gut gegen mich gewesen, du wirst mich deshalb nicht so hart angehen, und deinen Belehrungen will ich immer Folge leisten, o, ich freue mich über alles, dich alten, lieben Valerius wiedergefunden zu haben; es war mir oft ängstlich, so ohne meinen guten Schulmeister leben zu müssen. Du weisst zwar, dass ich leicht und bequem mit den Menschen verkehre, dass ich mir alle Tage einen guten Freund erwerben kann, aber es ist doch keiner wie du, nein, wirklich, wenn du auch lachst, keiner wie du. Dein Ernst ist sanft, und wenn du lachst, dann weiss ich gewiss, es ist alles in Ordnung, und ich darf tüchtig mitlachen, ich fühle mich so sicher in deiner Nähe! Und wenn die Leute sagen, ich sei leichtsinnig, du aber weisst, was ich treibe, und nicht eben darüber schiltst, dann kümmert mich das Gerede der Leute nicht. Nun höre, was ich getrieben habe. Aber lass uns hier bei Lessel eintreten, du musst etwas geniessen, damit dir der Choleraschreck nicht schadetja, apropos, ich bin davon abgekommen, dir von der Cholera und unserer Heilung derselben zu sprechen. Du weisst, ich bin in allen Dingen für die Poesie dieser Dinge, und weniger für ihre strenge, ausgerechnete Wissenschaft. Du glaubst nicht, wieviel blosse Poesie in unserer Heilkunst steckt. Darum lieb' ich sie. Wie jeder Mensch seine individuelle Dichtung in sich trägt, so jeder Arzt seine eigene Medizin. Der menschliche Leib ist uns der Kosmos, das verkleinerte All, ihm gelten unsere Sonette und Kanzonen: das sind die künstlichen aus Tausenderlei zusammengesetzten Rezepte, in welchen unsere Gelehrsamkeit brilliert; die vielfältigen, meist unschuldigen Stoffe paralysieren sich gegenseitig, das Resultat des Sonettenrezepts ist bloss unser Ruhm. Ihm gelten ferner unsere Epen und Romane; sie sind das Fundament des ärztlichen Lebens, sie bringen die stehende Beschäftigung, das stehende Einkommen: das sind die sogenannten grossen und langen Kuren. Die Krankheit nämlich ist unser Dichtungsmotiv, das bilden wir aus nach allen Seiten, wir betrachten, wir dehnen es rechts, wir dehnen