ihrer vollen Verstandeskräfte mächtig. Vielleicht wusste sie auch weiter nichts, als dass sie das Gesicht des jungen Mannes schon einmal gesehen hatte, und in dieser Todesverlassenheit, in den Händen stockfremder, roher Gesellen mochte ihr das schon Aufmunterung sein, irgend eine Hilfe anzusprechen. Kurz, sie arbeitete sichtbar mit den Händen unter der wollenen Decke und streckte endlich einen kreideweissen Arm heraus nach Valerius hin. Der hintere Träger, welcher mit seinem gefährten eben die Last wieder aufheben wollte, sprang fluchend herbei und drückte den Arm wieder zurück. Valerius aber, vom krampfhaften Mitleide durchdrungen, versprach den stier auf ihn blickenden Augen, er werde mitgehen.
Je näher sie dem Hospital kamen, um so grösser wurde die Anzahl der Tragbahren, welche herbeigeschafft wurden. Aus allen Gässchen kamen welche, und im hof des Krankenhauses stockte der Zug, weil die Vorderen nicht so schnell ihrer Last entledigt werden konnten, als die Hinteren nachdrängten. Da stand denn der ohnedies schon geistes- und körperkranke Deutsche, entsetzt von dem schrecklichen Anblicke der Verpesteten, welche sich zum teil in der Todesangst aus den Bahren herauszuarbeiten trachteten, betäubt von dem wüsten Lärm der Träger, die sich schreiend zutranken, rohe Scherze zuriefen, ihre unruhigen Schützlinge unter die Decken drückten und das Ganze mit nicht mehr und nicht weniger Teilnahme behandelten, als trügen sie Kulissen und Garderobe für ein Schauspiel zusammen. Zu einer Seitentür des Gebäudes sah er einen Leichnam nach dem andern heraustragen und kopfüber in eine ungeheure Grube stürzen – wenn ein unglücklicher Kranker sich einen Augenblick aufrichten konnte, so sah er, was seiner wahrscheinlich in wenig Stunden harrte. Man machte für ihn Platz, und bald gab er denen Raum, die nach ihm kamen. Der Anblick eines Schlachtfeldes dünkte Valerius Erholung neben dieser Szene. Man könnte sagen, dort sieht der Tod und das Leiden gesund aus, und in dem Schmerzensgeschrei der Verwundeten bekundet sich noch eine Lebenskraft. Hier sah man nichts als faulen Tod, die betroffenen Opfer schwiegen grösstenteils, nur aus den verzerrten, zu Schmerz versteinerten Gesichtern sprach die unendliche Qual. Und wenn man ein Wimmern hörte, so klang es so übermenschlich schmerzhaft, so unnatürlich jammervoll, als käme es aus einer fremden, in lauter Elend wogenden Welt, aus einer qualvollen Hölle.
Valerius schauderte im Innersten. So entsetzlich war ihm das Menschenleben noch nie erschienen, und gefoltert von den fragen der Gesellschaft, umgeben von dem Elende des Körpers, war er wohl zu entschuldigen, wenn er einen Augenblick dem Gedanken Raum gab: wozu das ganze Dasein dieser Art? So sehr ihm sonst die Verzweiflungshelden zuwider waren, die überall Zorn und Klagen gegen die Weltordnung ausstossen, in diesen Augenblicken wusste er keinen Tadel gegen sie.
Beim Drängen am Eingange wurde eine Bahre umgestürzt; der Kranke fiel auf das Pflaster mit dem Gesicht nach unten. Ohne nachzusehen, was ihm begegnet sein könne, warfen ihn die Träger wieder auf sein Lager, und fort ging es, die Treppe hinauf. Der Begriff eines Menschen hört in solchen zeiten auf, es gibt nur Gegenstände, deren man sich so schnell und so gut entledigt, als es eben gehen will.
Er kam endlich mit seiner armen Leidenden in den grossen Saal des Krankenhauses. Es war kein Platz, und er musste sich durch Geld die Aufmerksamkeit und Teilnahme eines Wärters erkaufen, um Ludmillen unterzubringen.
"Ich glaube, der Alte wird fertig sein," sagte dieser murmelnd vor sich hin, und schritt nach einem Winkel des weiten Gemachs. Valerius sah, wie er einen greisen Kopf in die Höhe richtete, die verworrenen grauen Haare hingen struppig bis über die weit offenen, gläsern herausstarrenden Augen. Das magere, knochige Gesicht war mit einer bräunlichen, grauenhaften Pestfarbe überzogen, der Schaum lag in einzelnen Tropfen auf den zusammengekniffenen, blauschwarzen Lippen.
"Ja," sagte der Wärter, indem er sein Ohr einen Augenblick an die Nase des entstellten Kopfes geneigt hatte, "der ist reif. – Heda, ihr faulen Schlingel, ihr werdet die Pest nicht versaufen mit eurem Branntwein; gebt einmal die Flasche her, na, der alte Krukowiecki und die Cholera sollen leben, macht hier Platz mit dem Alten, 's hat ihn lang genug gewürgt, andere ehrliche Leute wollen auch dran, sputet euch, bis ihr 'nunter kommt, ist er kalt."
Diese Anrede galt ein Paar rotbackigen Burschen, welche das Geschäft der Totengräber versahen. Sie warfen den Alten auf ein paar zusammengenagelte Bretter und traten die letzte Reise mit ihm an. Ludmilla kam an seine Stelle. ängstlich blickte Valerius über den weiten Saal, sein Auge suchte einen Arzt. Bett an Bett stand auf beiden Seiten, hier und da hob sich ein dem tod verfallener Schmerzenskopf. –
"Ich will Ihnen den kleinen deutschen Doktor bringen," sagte der Wärter, "der versteht's am besten; wenigstens dauert's immer nicht lange: entweder 's hilft so, oder 's hilft so, aber wirken tut's immer. Man weiss doch immer bald, wie man dran ist – da kommt er just den gang herauf, sehen Sie nur wie er hopst, munter ist er immer, als wenn er 'n Franzose wäre."
Valerius eilte ihm entgegen. Zu seinem grössten Erstaunen erkannte er Leopold. Dieser umarmte ihn stürmisch und hatte so viel tausend fragen, und war so heiter und glücklich, als wenn er seinen alten Freund auf einem Balle wiedergefunden hätte. Soviel man sehen konnte,