eins der unglücklichsten Wesen auf der Welt," sagte er sich, "in die Reform des Menschengeschlechts hast du dich hineingestürzt mit einem Herzen, das jeden Augenblick selbst des Trostes, der Unterstützung bedarf, das an Liebhabereien, Gewohnheiten hängt, wie das Kind an der Amme, das bei jedem neuen Schritte tausend fragen der Rücksicht und Bedenklichkeiten aufwirft. Unglücklicher Tor, wozu taugst du auf dieser Welt? Im beschränkten hergebrachten Kreise fortzuleben genügt dir nicht, um das Kleine, Unscheinbare kennen zu lernen, und dich am Ende daran zu erfreuen, fehlt es dir an Geduld und Ausdauer, und für das Grosse an Mut und Kraft. Deine Hoffnungen gingen zugrunde, da du dieses Volk anders fandest, als du daheim hinter dem Ofen geträumt, mit einem einseitigen Massstabe der Bildung kamst du her, und entsetztest dich, als er nicht passte für neue Verhältnisse. Sie haben recht, die Verfolger dieser neuerungslustigen Jugend, wenn sie uns Oberflächlichkeit vorwerfen, wenn sie sagen: Es sind junge, unreife Leute, voll Drang nach neuen Dingen, weil sie zu ungeschickt, zu träg, zu stolz sind, sich mit allen Kräften der alten zu bemeistern. Es ist ihnen zu langweilig, die bisherigen Zustände bis in ihr tiefes historisches Leben zu ergründen; die beliebten historischen Rezits, einige blendende wissenschaftliche Redensarten, die sie sich angeeignet, geben ihnen die Überzeugung tiefer geschichtlicher Einsicht. Die eigene innere Unlust, Dinge gründlich erschöpfend zu studieren, stachelt sie, alles, was da ist, abgelebt, veraltet, unvollkommen zu nennen. Einige Unvollkommenheiten, Vernachlässigungen, Mängel, die bei keinem irdischen Institute ausbleiben, dienen ihnen als Vorwand, alles für schlecht, jede Veränderung für notwendig zu erklären. In dem hohlen Revolutionslärm übertäuben sie das eigene Gewissen, das ihnen zuflüstert, wie sie die Zukunft im grund dem Zufall überlieferten, die Zivilisation auf eine unsichere Karte setzten, wie sie nicht die Fähigkeit besässen, eine neue Gesellschaft zu erfinden, eine Gesellschaft mit den tausend kleinen Rädern und Walzen, deren Kenntnis das erschöpfendste, gründlichste, sorgfältigste Studium nötig macht. Solche Leute, trösten sie sich, werden sich finden, das gehört für die Maschinenmenschen, wir erfinden, wir ändern im grossen, das Genie kümmert sich nicht um Hilfswissenschaften. Und diese Klasse der Revolutionärs ist noch die beste, sie sucht nur dem eigenen Geständnisse der Unzulänglichkeit zu entfliehen, sie will sich selbst darüber täuschen, dass sie den schwierigen, mühseligen Weg der Kultur überspringt, sie hat noch Stunden des Zweifels, der Unsicherheit, und sie wird noch von der anderen, schlimmeren Hälfte vorgeschoben, die nichts will als rauben und stehlen im grossen und kleinen. Diese letztere lebt in unbehaglichen Zuständen, sie ist zu träge oder zu ungeschickt, sie in bessere umzugestalten – jede allgemeine Änderung ist ihr willkommen. Je gewaltsamer, je grösser, desto besser. Da öffnen sich Chancen, die ausser dem Laufe des Herkömmlichen liegen, da gibt es allerlei Beute, die nicht mühsam lange vorbereitet zu werden braucht. Diese Stegreifritter des Wissens, des Herzens und schneller hände, diese bilden die sogenannte revolutionäre Jugend."
Wenn die Leute dennoch recht hätten! Er stand an einer Strassenecke still. "Es ist freilich ein Räsonnement des Teaters," sprach er weiter, "ebenso oberflächlich, wie das, was sie oberflächlich nennen, ebenso einseitig, eine schnelle Antwort für den schnellen Frager, der die Bühne verlassen muss, weil man zur Verwandlung geklingelt hat. Aber wie sieht es aus in mir? Muss nicht ein jedes Individuum seine ganze Partei vertreten, muss es nicht all seine Verhältnisse, Stimmungen und Wünsche fortwährend den Forderungen der Welt, der Bildung gegenüberstellen, um zu prüfen, ob die neue Generation auf richtigem Wege sei? Ist es bloss persönliches Ungeschick, dass nichts in mir und um mich passen will, bin ich ein falscher Ausdruck unserer Jugend? Gehetzt lauf' ich durch die Tage hin, alles entwickelt sich mir zu langsam, überall finde ich Hindernisse, nur der Rausch, wie meine Liebe für Konstantien zu sein scheint, hält mich eine Zeitlang aufrecht, einsames Krankenlager wirft mich wieder in das Chaos zurück – kann das der rechte Weg sein?"
"Vorgesehen!" riefen plötzlich zwei Stimmen neben ihm. Eine Tragbahre streifte an dem Träumer hin; sein Auge fiel auf einen Kranken, der ausgestreckt auf derselben lag. Entsetzt wendete er den blick hinweg. Es war ein aufgeschwollenes, todblasses Frauengesicht, dessen vortretende Augen ihn mit einem gespenstischen Todesblicke anstarrten.
Jetzt fiel ihm ein, dass seine Krankenpfleger erzählt hatten, seit der Schlacht bei Iganie sei die Cholera unter den Polen zum Vorschein gekommen, das Pahlensche Korps habe sie aus Bessarabien mitgebracht, und jetzt wüte sie in Warschau. Die Träger hatten jenes kranke Weib niedergesetzt und reichten einander die Schnapsflasche, um sich für den weiteren Weg zu stärken. Dabei lachten sie, und auf die Kranke deutend, meinte der eine: "Sie geht aufs letzte Stadium los, wie der Doktor zu sagen pflegt, frisch Kamerad, dass wir sie noch lebendig ins Hospital bringen."
Valerius schauderte, aber er konnte sich nicht entalten, noch einen blick auf das Weib zu werfen. Mit Entsetzen glaubte er zu bemerken, wie sich die schwarzen Todesschatten der Pest immer dichter um Augen und Schläfe legten, mit Entsetzen erkannte er in den verzerrten Zügen das Antlitz Ludmillas.
Auch sie schien sich eines Bekannten in ihm zu erinnern – bekanntlich bleiben die von dieser Pest Befallenen