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zu Pferde aus den dunklen massen. Sie hatten die Säbel gezogen und halfen schlachten wie die gemeinen Soldaten. Vorn, dicht an der brücke, erblickte man den General Kaminski, den Säbel hielt er hoch in der Hand, und rückwärts sich wendend, schrie er Befehl auf Befehl; Valerius sah in geringer Entfernung nur seinen geöffneten Mund, das brüllende Getose der Schlacht liess die donnerndste stimme eines einzelnen nicht vernehmen. Plötzlich sank er vom Pferde und verschwand in der dunkeln Masse. Wie ein Kriegsgott hoch zu Ross flog der schöne Kicki herbei und verschwand ebenfalls wie ein schimmerndes Meteor, rasende Kugeln hatten die ritterlichen Helden daniedergerissen. "Kicki ist gefallen, Kicki ist gefallen!" flog es in dem Toben von Mund zu mund. Aber man hatte keine Zeit zur Trauer, der Tod dieses Helden erfüllte die Soldaten nur mit grösserer Wut, und die Wut sieht keine Gefahren, sie ist blind. Wie rasend stürzten die nächsten Scharen auf den Feind; das Defilee vor der brücke, in welches die Russen vorgedrungen waren, wurde wieder genommen, aber dicht wie Wolken quollen immer neue russische massen aus der Stadt heraus, über die Toten hinwegschreitend. Das alte Reiterregiment, das Kicki früher geführt hatte, stand ohnmächtig in der Nähe des Schlachtfeldes, der enge Raum gestattete der Reiterei wenig oder gar keine Mitwirkung. Valerius sah und hörte, wie die Ulanen in Tränen und Heulen ausbrachen um ihren vergötterten Helden, um das rings mähende Unglück, und über die peinigende Qual, gefesselt stehen zu müssen, ihren alten Führer nicht rächen zu können.

Eine Pause der Erschöpfung trat vor der brücke ein, die Russen warfen Tote und Verwundete in den Fluss, um Raum zu erhalten, von der polnischen Seite rasselte eine weitere Batterie an das Ufer herbei. General Bem führte sie, und im Nu flog ein hagelndes Feuer gegen die brücke. Jeder Schuss traf bei der grossen Nähe, und die Kartätschen wühlten sich in die Menge hinein, viele Getroffene wälzten sich unter dem Geländer in die Narew hinab.

Aber auch die russischen Batterien vom andern Ufer verdoppelten ihr gefährliches FeuerSkrzynekki, der mit düsterem Gesicht vorn im dichtesten Kugelregen gehalten hatte, stieg vom Pferde, stellte sich an die Spitze einer Kolonne und marschierte mit ihr im Sturmschritt hinein in den Feind. Die Flintenkugeln zischten wie tausend Schlangen um ihn, schlugen in seine Mütze, zerrissen ihm die Uniform, vorwärts, immer vorwärts ging es. Er nahm die durchlöcherte Mütze vom kopf und wies seinen Grenadieren den Punkt, wo sie angreifen sollten; ein leichter Wind hob seine dünnen dunklen Haare in die Höhe, deren Spitzen schon ergraut waren unter den Kriegssorgen. Er glich einem rüstigen Vater, der in der Verzweiflung seines Herzens die letzte Anstrengung macht, seine bedrohten Kinder zu retten. –

Die Sonne ging glühend rot unter, wenige Minuten lang glänzten zitternd ihre Strahlen über den blutgetränkten Fluss, und eine schnell hereinbrechende Dämmerung hüllte die Gegenstände ins Ungewisse. Die Anstrengungen der Russen liessen nach, das Schlachten hatte ein Ende. Die Nacht brach herein, und man hörte anfänglich das Abziehen des polnischen Heeres, das sich die traurige Ehre nicht hatte nehmen lassen, das Schlachtfeld zu behaupten. Als es immer stiller wurde, vernahm man nur das Gestöhn und Wimmern der Todeswunden. Oft drang eine herzzerschneidende stimme aus der Tiefe eines hohen Menschenhaufens. Die Sterne schienen klar, die Luft war mild als sei nichts vorgefallen.

28.

Valerius lag in Warschau in seiner wohnung danieder. In den letzten Stadien der Schlacht hatte ihm eine Kugel den Arm zerschmettert; Stanislaus' Sorgfalt hatte so viel bewirkt, dass er nicht in ein Hospital gebracht, sondern in seiner alten wohnung aufgenommen wurde.

Es waren Wochen vergangen, die Wunde heilte langsam und schmerzhaft. Von Stanislaus hatte er erfahren, dass Konstantie auf des Onkels Landgut wohne, zwei Meilen von der Stadt; sie befinde sich sehr wohl. Das Landgut sei belebt durch zahlreiche Besuche; manche sollten der schönen Witwe auf das dringendste den Hof machen.

Valerius bat seinen Freund, Konstantien zu grüssen. – "Ich werde es schwerlich ausrichten können, Wertester," erwiderte Stanislaus, "in einer Viertelstunde muss ich Warschau verlassen in Dienstgeschäften; eh' ich wiederkehre, denke' ich, sind Sie gesund."

Schreiben konnte' er nicht, dazu fehlte der Arm, fremde Leute gewährten ihm die nötigen Handreichungen, er wusste kein Mittel, Konstantien Nachricht zu geben, da der direkte Weg eines plumpen Boten durch die Form versperrt war. Der alte Graf schickte ihm Bücher, seine Krankenspeisen und dergleichenaber er glaubte, versichert sein zu können, dass dieser alte Fuchs seiner Nichte kein Wort erzähle, das den jungen Deutschen beträfe.

So musste er in der Einsamkeit harren und das Schicksal seinen gang gehen lassen. Wir mögen noch soviel über die Worte Schicksal, Fügung, Zufall reden, immer sind wir innerlichst der Meinung, dass sie durch unser Zutun, wenn nicht geändert, so doch gelenkt werden, und unser Missbehagen erreicht den höchsten Grad, wenn wir uns von aller Tätigkeit und Einwirkung ausgeschlossen sehen. Dann glauben wir uns dem Ärgsten preisgegeben.

So Valerius. Alles schwarzen Gedanken seiner letzten Entwicklungsjahre sammelten sich um sein Krankenlager, und als er zum ersten Male wieder ausgehen konnte, brachte er eine ganze Welt von quälenden Gedanken mit sich an die warme Sommerluft. Und die Gedanken flogen nicht mehr in Gestalt von Zweifeln um seine Seele, es waren feste, unumstössliche Vorstellungen. "Du bist