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über Granna und den Bug gezogen sei. In dem Augenblicke, wo das Heer gebetet hatte, war also seine Hoffnung schon vernichtet gewesen. Das Kriegsgeräusch verbreitete sich bald wieder stürmisch durch die massen, der Rückzug nach Lomza und Ostrolenka hin musste schleunigst angetreten werden, wenn sich der Feind nicht zwischen das polnische Heer und Warschau schieben sollte. Unter Gielgud und Chlapowski wurde ein Armeekorps nach Litauen hinein beordert, um die dortige Insurrektion zu unterstützen. Jener Litauer, welcher damals in der Waldhütte neben Valerius am Feuer gesessen hatte, ritt jetzt an dem Deutschen vorüber, welcher eben im Begriff war, mit seiner Truppenabteilung abzuziehen.

"Sie schliessen sich der Expedition in Ihre Heimat an?" rief ihm dieser zu, "möge Sie das Glück begleiten!"

Der Litauer richtete einen seiner sanften schwermütigen Blicke zum Himmel und reichte Valerius die Hand. "Ich fürchte, wenn Sie einst wieder im Schosse Ihres Vaterlandes an das ferne Litauen denken, da werden die sanften stillen Bewohner dieses Landes erschossen hinter den Bäumen liegen, welche jetzt noch ihr einziger Schutz sind. Ach, ich habe keine Hoffnung auf Glück; Gott gebe nur, dass ich mit den Waffen in der Hand fallen mag, dass ich nicht den Barbaren in die hände gerate, nicht die abermalige Ermordung meines Vaterlandes zu sehen habe."

Valerius wollte ihm die traurigen Gedanken aus dem Sinne treiben, der Litauer schüttelte aber schmerzlich lächelnd sein Haupt, drückte ihm fest die Hand und schied.

Als die Garden den Rückzug der polnischen Armee inne wurden, rückten sie auch wieder vor, beunruhigten jene, und schickten sich an zur Vereinigung mit Diebitsch, der vom Süden herausrückte. Die Vereinigung war nicht mehr zu hindern, Skrzynecki ging rastlos bis Ostrolenka, und der grösste teil des Heeres hatte dort bereits die Narew passiert. Es war ein warmer Nachmittag, eine Menge Soldaten badeten im Flusse, die Kavallerie fütterte, die Infanterie kochte, alles war in sorgloser Ruhe, da hörte man jenseits des Flusses plötzlich ein heftiges Schiessen. Das vierte Regiment war noch drüben in der Stadt, bald sah man einzelne Trupps desselben, rückwärts feuernd, aus der Stadt kommen, die brücke war bald erfüllt von ihnen, immer lebhafter wurde das Gewehrfeuer in den Strassen der Stadt, man sah Batterien am jenseitigen Ufer auffahren, die Kugeln flogen auf die brücke, welche das tapfere Regiment Schritt für Schritt verteidigend, langsam passierte.

Es war kein Zweifel: Diebitsch mit der grossen Armee stand den Polen gegenüber. Wirklich war er in unerhörten Märschen herbeigeeilt. Ein kleines polnisches Korps unter Lubienski, das sich ihm bei Nur entgegengestellt hatte, war natürlich nicht imstande gewesen, ihn aufzuhalten. Es gab nur ein Vorspiel zu der jetzt beginnenden Schlacht von Ostrolenka. Die Polen kämpften bei Nur mit übermenschlicher Tapferkeit und erzwangen sich mit blutigen Opfern einen Rückzug. Das Treffen selbst war im grund ebensowenig nötig als das bei Ostrolenka, in welches sich Skrzynecki am Nachmittage des 26. Mai einliess.

Ein tosender Lärm brach unter den Polen aus, die sich in der nachlässigsten Situation überfallen sahen und sich nun rüsteten mit aller Schnelle und Unerschrockenheit, welche ihre Heere charakterisiert. Skrzynecki flog auf seinem hohen Pferde hin und her und befahl und ordnete mit fester, starker stimme. Die Kugeln vom andern Ufer schlugen links und rechts neben ihm ein, aber sie störten ihn nicht; ein wunderliches Feuer brannte in seinen Augen, die blassen Wangen waren leicht gerötet, und auf den Lippen lag der tapfere Trotz, welcher zu sagen schien: Ich verlasse den Platz nicht, oder ihr begrabt mich hier. Valerius, der ihn in diesen Augenblicken sah, erschrak vor dem Anblick. Er wusste nicht, war es etwas Schwärmerisches, war es etwas Dämonisches oder gar ein Heiliges, das aus dem erregten, gespannten Antlitz schaute. Die Puritanergestalten Balfour und Cromwell mit den ehernen Fanatismuszügen kamen ihm in den Sinn; nimmer hätte er die sanften Züge Skrzyneckis dieses Ausdrucks fähig geglaubt.

Wirklich weiss man das ganze hartnäckige, todesverachtende Benehmen des Feldherrn an jenem Tage nur aus einer solchen überspannten Stimmung zu erklären. Er verteidigte die Narewbrücke mit einer solchen Berserkerwut, als ob das Schicksal des Landes vom Besitz derselben abgehangen hätte. Im rücken des polnischen Heeres erhoben sich Sandhügel, welche ihm die beste Position gewährt hätten, um den Übergang des Feindes, wenn nicht zu hindern, doch auf das blutigste und nachteiligste für diesen zu stören. Er sah aber nichts als die brücke und den Feind auf der brücke. Die unterlassene Schlacht gegen die Garden schien wie ein Dämon in ihm zu wüten; noch in keinem Zeitraume war die polnische Armee so zahlreich, so gewaltig gewesen als jetzt, er wollte nicht nach Warschau zurückkommen, ohne geschlagen zu haben, das Gewissen drängte ihn zu Taten, die bis jetzt verabsäumt worden waren.

Kuriere flogen nach den Truppen, welche schon nach Warschau hin abmarschiert waren; die Bataillone schritten mit gefälltem Bajonett nach der brücke, auf welcher sich die dichten schwarzen massen der Russen herüberwälzten. Ein Morden und Schlachten ohnegleichen begann. Die Kartätschen und Kanonenkugeln schlugen mörderisch dazwischen in den Menschenknäuel, Feind und Freund treffend. Niemand wich dem menschlichen Gegner, was in dem Defilee vor der brücke und auf der brücke selbst erschien, das erlag nur dem tod. Hügel von Leichnamen versperrten den Weg; wo der Boden einen Augenblick leer wurde, da sah man ihn gepflastert mit Kugeln gross und klein. Und immer neue Scharen drängten sich zu dem Opferplatze; schauerlich einsam ragten die Generale