sogleich, wenn Du mich noch küssen willst. Was kümmert Dich der Krieg dieses Volkes? Für Deine Wünsche fechten die Leute nicht; wenn sie den russischen Herrn gestürzt haben, dann kommen die polnischen Herren dran; was interessiert Dich das? Du weisst am besten, wie kurz die Jugend, die Kraft zu geniessen dauert, warum willst Du sie unnötig selbst noch abkürzen? Es soll mir das einzige, untrügliche Zeichen Deiner Liebe sein, wenn Du kommst. Folgst Du meinem Rufe nicht, so haben wir uns ineinander geirrt."
Kaum hatte er diese Zeilen zu Ende gelesen, so schmetterte die Trompete, sein Regiment sollte aufsitzen und den Feind verfolgen. Was war zu tun? Der General Kicki – er war im Laufe des Krieges avanciert worden – sprengte eben vorüber und rief mit freundlicher stimme: "Zu Pferd, zu Pferd, Sie deutscher Freiheitsheld!" Die Trompeten schmetterten aufs neue. Es dünkte ihm unmöglich, es dünkte ihm ehrlos, jetzt das Heer zu verlassen, obwohl er den Ernst von Konstantiens Leidenschaftlichkeit tief erkannte, obwohl er dem natürlichen, richtigen Gefühl zu folgen glaubte, wenn er nach Warschau ritte. Aber die künstlichen Gesellschaftsbegriffe waren zu tief in ihn hineingewachsen; während er sich schalt, dass er die Konvenienz höher achte als das ursprüngliche Gefühl, eilte er zu seinem Regimente und instinktartig mit diesem über die Fläche fort nach Litauen hin. Das Herz blutete in seiner Brust, aber er war dennoch ruhig und ergeben, als müsste es so sein.
Die gesellige Bildung ist selbst in skeptischen Gemütern bereits mächtiger geworden als die natürliche Regung. Der Gedanke, dass der einzelne seine gerechtesten Wünsche der allgemeinen Form unterordnen müsse, damit die Allgemeinheit ungestört fortbestehe, dieser Gedanke wird ihnen nicht gerade in dieser Gestalt klar und anschaulich, aber er ist ihnen so tief eingebildet, dass er sie unumschränkt beherrscht.
Der günstige Moment, die Garden zu vernichten, war vorüber. Die einzelnen Angriffe fügten ihnen zwar vielfachen Schaden zu, hinderten sie aber nicht, den Übergang über den Bug zu gewinnen, und als nun Skrzynecki am folgenden Tage bei den Brücken und Dämmen vor Tycoczin ankam, waren sie bereits bei den andern Ufern in Sicherheit, und er musste nun seine eigene Passage erzwingen.
Hier betrat die Armee zum ersten Male litauischen Boden, und diese idee weckte einen grossen jubel im Heere. Es war dies der Höhepunkt der Polnischen Waffen, das angegriffene Volk war in ein angreifendes verwandelt, die Strasse nach Petersburg lag offen vor ihm. Es war ein warmer Morgen, als das Heer eine weite Heidefläche vor sich sah, aus welcher eine hohe Säule wie eine Pyramide in der ägyptischen Wüste ragte. Sie führt den Namen Czarneckisäule, weil sie diesem alten Helden zu Ehren auf der Grenze von Litauen und Polen errichtet worden ist. Als der Generalstab bei ihr angekommen war, fesselte ein vielfaches Halt die ganze Armee. Skrzynecki stieg vom Pferde, und alle Reiter folgten seinem Beispiele. Er liess sich auf die Knie nieder, und alle die wilden Truppen, die man noch kurz vorher nur im blutigen Hasse einherschreitend gesehen hatte, beugten sich betend zur Erde. Es war ein erschütternder Anblick.
Valerius, dem das Gebet nur immer als wirkung auf den Betenden selbst wichtig erschienen war, sah mit einem andächtigen Erbeben, wie es durch die Gegenseitigkeit, durch den plötzlich laut werdenden allgemeinen Gedanken erschütternd wirkte auf ein zahlreiches, aus sovielen rohen Elementen bestehendes Heer. Er sah auf den harten, sonnenbraunen, zum teil zerfetzten Gesichtern, über welche jetzt hie und da eine stille, einsame Träne rollte, er sah auf diesen starren bärtigen Gesichtern überall den Ausdruck: "Gott da droben über dem blauen Himmel, du weisst alles, was wir gelitten haben, hilf uns, hilf uns!" Er fühlte in der eigenen Brust ein heisses Gebet aufsteigen: "Du grosser und guter Gott, hilf ihnen, hilf allen Menschen, wie toll und töricht wir uns auch mitunter gebärden."
Die weite Fläche, mit einer unabsehbaren Kriegermasse bedeckt, war still wie ein nur leise murmelndes Meer, die warme Sommersonne zersprengte die leichte Wolkenschicht, welche sich zwischen ihr und der Erde gelagert hatte, der Waffenglanz blitzte in tausend Funken auf. Valerius ward an die sonnigen Feiertagsmorgen seiner Jugend erinnert, wo er im Pfarrhause seines Vaters am Fenster stand und die geputzten Bauersleute in die Kirche wandeln sah. Er hatte immer geglaubt, zum Sonntage und zum Gottesdienste müsse auch die Sonne scheinen; ihr lichter Strahl war ihm Bedürfnis gewesen zur klaren Sabbatstille, die er in seinem Heimatdörfchen immer so erquicklich genossen hatte. Die jetzt durchbrechende Sonne hob seine Andacht zur Begeisterung, er glaubte ein unmittelbares Zeichen des erhörten Gebetes darin zu erblikken. Und nun brauste plötzlich wie das Getümmel einer neuen Weltschöpfung ein altpolnischer andächtiger Gesang aus soviel tausend Männerkehlen über die stille Heide. Was gleicht dem gewaltigen Eindrukke eines tausendstimmigen Männerchors! Das verstockteste Herz wird erschüttert, das mutloseste gehoben. In der menschlichen stimme liegt vielleicht das meiste von der göttlichen Unmittelbarkeit, ihr tausendfacher Ausdruck erzeugt darum die wunderbarste wirkung. Das polnische Heer hätte in diesem Augenblicke eine Welt in Waffen angegriffen mit dem zweifellosen Glauben an unendlichen Sieg.
Die feierliche Handlung war beendigt; noch wogte die erhabene Stimmung durch das schweigende Heer, da flogen dicht hintereinander zwei Kuriere im vollen Rosseslaufe durch die offenen Gassen der Truppen nach der Czarneckisäule hin. Sie brachten die Nachricht, dass Diebitsch, seinen Irrtum einsehend, mit seiner Armee schleunigst aufgebrochen und in ungeheuren Märschen