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sichtbar von einer Hüfte auf die andere, und doch war eine gewisse vornehme Leichtigkeit, ein imponierendes Etwas nicht zu verkennen, der Oberkörper nahm wenig oder gar keinen Anteil an der Bewegung. – Prondzinski schien einen Augenblick selbst von der geheimnisvollen Würde dieser Erscheinung betroffen zu sein, und den eigenen klaren Ansichten vom Verhältnis der Dinge zu misstrauen. Wenigstens schwieg er.

Der Erfolg hat gelehrt, dass in jener Bauernstube wirklich alles auf dem Spiele stand. Man hat Prondzinski oft den Vorwurf gemacht, dass er bei seinem erstaunlichen Reichtume an Kriegsplänen arm gewesen sei an dem Mute einer konsequenten, rücksichtslosen Ausführung. Der Vorwurf ist wahrscheinlich nicht ungerecht, wenigstens darf man auf sein Betragen in der Schlacht bei Iganie, welches allerdings dieser Ansicht widerspricht, kein zu grosses Gewicht legen. Es ist wahr, dass er selbst die Soldaten in diese überaus künstlich angelegte Schlacht hineinführte, obwohl nicht alle berechneten Hilfsmittel zur bestimmten Stunde eintrafen, es ist wahr, dass er die grösste Kaltblütigkeit mitten in dem mörderischen Kampfe behielt und seinen Leuten während des Sturmschrittes unter dem feindlichen Kugelregen die Vorteile des Bajonettkampfes auseinandersetzte. Aber es ist nicht der persönliche Mut, der ihm mit jenem Tadel abgesprochen werden soll, es ist der moralische Mut eines kräftigen Befehlshabers, welcher grosse, gewagte Unternehmungen auf seine Schultern nimmt, durch den Gedanken an die Verantwortlichkeit nicht erschreckt wird, und nicht rück-, nicht seitwärts sehend, seinem einmal nach bester Überzeugung gefassten Entschlusse schnurstracks folgt. Nicht die Geschicklichkeit, sondern die Kraft des Heerführers darf man ihm absprechen. Aus dieser Eigentümlichkeit erklärt sich auch sein späteres Betragen, als das Unglück seiner Nation die Höhe der Krisis erreicht hatte und vielleicht niemand die strategische Fähigkeit in dem Masse besass wie erda hatte er nicht die moralische Kraft, das Oberkommando zu übernehmen. Er besass die grössten Kriegskenntnisse, aber sie besassen ihn nicht, das heisst: sie vermochten es nicht über ihn, ein zweifelloses Vertrauen gegen sie zu hegen, sie konnten ihm nicht die Kraft geben, welche seinem Temperamente abging. Prondzinski ist ein deutliches Beispiel, wieviel mehr ein beschränkter Kopf vermag, der sein geringes Wissen fest zusammengedrückt in der kräftigen Hand hält, als ein reiches Talent ohne energischen Charakter. Eine gewisse Einseitigkeit ist zu den grössten Handlungen nötig; es gibt nichts in der Welt, was nicht in mancher Rücksicht bedenklich erschiene, und wer alle Rücksichten bedenken will, wird nie ein Schöpfer.

In dieser Situation war aber Prondzinski ausser allem Zweifel. Seine Stellung überhob ihn der Verantwortlichkeit im grossen, seine Einsicht lehrte ihn das Notwendige des unverzüglichen, kräftigen Angriffs und verhiess ihm die glänzendsten Früchte, stellte ihm aufs deutlichste die schlimmen Folgen der Unterlassung dar. Es war also nicht zu verwundern, dass er mit solchem Eifer in den Oberfeldherrn drang, ja, dass er diesen bald bis zur Leidenschaftlichkeit steigerte. Ebenso lag es aber auch in seinem oft zweifelnden und mitten im Laufe still haltenden Wesen, dass ihn die imponierende Verweigerung des Angriffs von seiten Skrzyneckis eine Weile befangen machen konnte. Was der Oberfeldherr einmal unternommen hatte, das war stark und tüchtig von ihm durchgeführt wordengerade was uns fehlt, macht den gebietendsten Eindruck auf uns, sobald wir es anderen entdecken: diese stille nachhaltige Kraft wirkte einschüchternd auf Prondzinski.

So kam's, dass er den Begegnungen des Generalissimus lange schweigend zusah und zu erwarten schien, es werde bald ein einziges Wort von dessen Lippen kommen, das alle seine Gründe mit einem Male niederschlagen könne. Leute von Prondzinskis Beschaffenheit, die leicht und gewandt produzieren und wenig Kraft besitzen, sind am ersten der Meinung, dass andere mit langsamen Geistesoperationen Gedanken zum Vorschein bringen, welche reifer und vollkommener sind als die Kinder ihrer eigenen schnellen Geistesbewegungen.

Skrzynecki schwieg aber noch immer und ging im Gemache auf und ab. Endlich blieb er am Tische stehen und neigte sich über die Karten hin. Es war aber nicht schwer zu erkennen, dass sein Auge nichts von dem sah, worauf es gerichtet war. Seine Hand, die besser von den Sympatien ihres Herrn unterrichtet sein musste, griff nach einem französischen Journale, indem sie ein polnisches heftig beiseite stiess. –

"Es ist ein frevelhaftes Geschwätz, das diese Warschauer Journalisten sich erlauben, nichts ist ihnen heilig."

Diese Worte sprach er mit halber stimme, und sie schienen ihm so zu entgleiten, dass er selbst kaum etwas davon wissen mochte, denn er vertiefte sich gleich darauf in das französische Journal, und sein Gesicht heiterte sich merklich auf bei der Lektüre. Es war der Avenir von Lamennais, welcher damals mit vieler Salbung von dem religiösen Element des polnischen Oberfeldherrn zu sprechen pflegte, viele Nutzanwendungen daraus auf die nächste Gestaltung Polens, auf Sinn und Geist der Armee und auf die Kriegsführung überhaupt herleitete, und Skrzynecki selbst immer auf eine äusserst schmeichelhafte Weise mit Lobeserhebungen bedachte.

Als Prondzinski diese Wendung der Dinge inne wurde, da verschwand ihm natürlich die Hoffnung auf ein alles erschöpfendes weises Wort Skrzyneckis, das er bisher erwartet hatte, und er begann mit verdoppelter Lebhaftigkeit sein Drängen. Skrzynecki, der nun einmal fest ins Verweigern hineingeraten war, wies ihn ab; jener aber, überwältigt von dem Gedanken eines leichten, überaus erfolgreichen Sieges, von der Vorstellung gequält, dass die entkommenden Garden dem ganzen Feldzuge von ausserordentlichem Nachteile werden könnten, warf sich ihm endlich zu Füssen.

"Lassen Sie uns keine Komödie spielen," rief Skrzynecki entrüstet, "die Verantwortung ist mein, ich werde's vertreten; Sie haben nichts zu tun