ich halte nichts von Schwüren, aber ich glaube, wir würden beide innerlich zusammenbrechen, wenn wir einander gegenüberständen mit treulosen Armen. Ich meinte, wir töteten, wir erwürgten uns damals in glückseliger Gewissheit gegenseitiger riesengrosser Liebe; es war ein Umarmen, ein Küssen und lachen, als ob die Engel trunken um die Herrlichkeit der Sonne herumsprängen, und es war die Nacht unserer Liebe. Jene Nacht ist der schönste Gedanke meines Lebens, aber sie ward auch die schönste Fessel meiner äusseren Freiheit – ich weiss es, Klara verginge wie das grüne Blatt des spanischen Feigenbaumes, über welches der giftige Solano hinstreicht, wenn aus Licht des Tages und vor ihr erschrockenes Auge die Nachricht träte, "Valer liebt eine andere."
– Nicht der Schwur, Freund, bindet mich, aber das Schwören.
O hättest Du sie gesehen, als sie mich von sich trieb! Einen dunkelgrünen Überrock von leichter Seide hatte sie übergeworfen, nur das Gesicht war verklärt wie Seligkeitstraum, das Haar schlang sich lüstern in den offenen Busen, das weisse Unterkleid lachte schelmisch triumphierend ob seines Mitwissens; so beugte sie sich über mich, der ich selig träumend auf dem Lager ruhte, und mit offenen weiten Augen in den dämmernden Morgenhimmel sah. "Valer, mein, mein, mein, o und nur mein Valer, geh – geh mein Tag, eh' der Menschen Tag kommt und uns verrät."
Noch heute fühle ich die keusche Träne, die da auf meine Wange fiel, weil sie ein Tropfen aus heissem Herzen kam, ein Tautropfen ihrer Seele, den die Liebe entzündet hatte! O wenn mein Mund jenen Scheidekuss vergessen könnte! So küsst die Sonne die Erde, wenn sie sich im Abendrot scheiden und der rote Liebesschein den Abschied einhüllt in Purpurwolken; es wird still auf der Erde, und der letzte Sonnenhauch bringt in leisen Abendlüften die stille Versicherung, dass neuer Tag und neue Liebe anbrechen werde. Könnt' ich jenen Abschied vergessen, es läge endlose Nacht vor mir, ich hätte keinen Morgen zu erwarten. Sie strich mir mit weichen Händen das Haar von Stirn und Schläfen und drückte sich wie eine aufgeschlossene Blume in mein Gesicht. Ich weinte Freudentränen und hob sie hoch in die Höhe.
"Und der Franzose hat recht" – sagte sie und legte das Haupt auf meine Schultern und sah herauf in meine Augen – "nicht wenn er zärtlich k o m m t , nein, wenn er zärtlich g e h t , ist der Geliebte edel." – "Aber der Morgen kommt – Ade, – Ade." – Ich kehrte auf dem alten Wege zurück, und ging hinein ins erwachende Land und sang mit den Lerchen die Schönheit der Welt. Das Gedächtnis und die Erinnerung, so oft die Gefängniswärter unserer Leiden, sind rosenrote Bänder, die um Schläfe und Augen flattern, wenn wir Freuden gesehen. – –
In der Nacht.
– Ich ward auf eine wunderliche Weise gestört; die Wogen der Vergangenheit bedeckten mein Gesicht und Auge, ich sah über die Terrasse hinaus in die Wolken hinein und war weitsichtig; denn ich bemerkte es nicht, dass die beiden jungen Damen von hier, Alberta und Kamilla, schon lang an meiner Glastür standen und mich lächelnd ansahen. Einen Augenblick war ich in Verlegenheit, als sie mich scherzend aufschreckten, weil ich nicht wusste, ob ich meine Wolkenschrift laut gelesen hätte oder nicht.
Und doch tat es mir unendlich wohl, Weiber um mich zu haben – das Weib empfindet Liebesleid um soviel besser als der Mann, wie der Mann die Kriegsgeschichten besser liest als das Weib. Die Liebe ist teil vor den Studenten voraus, dass sie selbige immer mit leidenschaft treiben. Liebe und Liebestrost ist das Amt der Frauen, in ihrer Nähe fühlt sich der unglücklichste Liebhaber in weicherer Luft. Der Begriff von Untreue existiert zudem bei mir nicht. Das ist der tragische Widerspruch mit meinem Versprechen an Klara, welcher den letzten Akt meiner Tragödie im Schosse trägt. Ich bin der Liebe treu, nicht aber der Geliebten. Weil ich eben die Liebe liebte, so liebte ich die schöne Alberta, die muntere, geistreiche Kamilla. Meine Wehmut schüttelte den düsteren Morgennebel von den Schwingen, flatterte wie ein erwachtes Vöglein mit den Mädchen hinaus in den Garten und Abend. Sie waren freundlicher, inniger denn je gegen mich, weil sie meinten, ich sei es; der warme Gewitterregen müsste mein Herz befruchtet haben, das sonst ohne Grün und Blätter nur kühle Worte zu sprechen pflege. Leopold hüpfte herum wie ein kleiner Flamingo, der seine Farbenpracht in wehenden Flügeln schillern lässt. Wenn mein Gefühl Feiertag hält, reich' ich ihm gern dieses kleine duftende Riechfläschchen, und wenn der Herbst einen sonnigen warmen Tag bringt, da werden die Menschen alle wärmer und poetischer als im stets heissen Juni, denn die Überraschung befängt sie in goldenen Netzen, und die Überraschung ertappt das Beste im Menschen. Wir liessen uns alle auf Empfindungswogen schaukeln, und die übrigen meinten, ich sei schuld daran, weil ich endlich einmal meinen Rock aufgeknöpft hätte.
Kamilla, mit der ich sonst nur in blitzenden Gefechten spiele, war weniger widersprechend, mehr ergeben, liebenswürdig, Alberta, ein südlicher Liebesgedanke, zitterte wie ein arabisch Lied in weicher Nachtluft, William war still und sanft.
Wir setzten uns in eine Laube und sprachen von Sternen und Gott und Liebe. Der Graf ritt unweit von uns am Gartenzaune vorüber, er kam aus der Stadt; William ging,