den Krieg; Litauen, Podolien, Wolhynien, die Ukraine, dieses Altpolen ist wichtiger als alles."
Stanislaus konnte sich eines leichten Spottes über diesen Provinzialstolz nicht entalten, aber Kasimir nahm ihn gutmütig auf, und die schwermütige Darstellung, welche der Litauer von dem Insurgentenkampfe in seiner Heimat entwarf, nahm alle Teilnahme und Aufmerksamkeit in Anspruch.
Er wurde aber in der Schilderung seiner blonden, blauäugigen Landsleute stürmisch unterbrochen, die Wachtposten riefen an, man hörte einen Trupp Reiter heransprengen, die Spieler fuhren auseinander – es ward nach dem General Uminski gefragt; über die eingefallene Mauer der Hütte traten in weiten Reitmänteln die hohen Gestalten Skrzyneckis und Prondzinskis ein. Zwei Adjutanten folgten ihnen und ersuchten alle in der Hütte Anwesenden, General Uminski ausgenommen, den Ort zu verlassen.
Es geschah sogleich, die Adjutanten zogen sich ebenfalls zurück, und die drei berühmten Offiziere blieben allein. Prondzinski wandte sich sogleich mit seiner gewöhnlichen Lebhaftigkeit an Uminski und setzte ihm den neuen Feldzugsplan auseinander, der entworfen wäre und für dessen Gelingen man seine eifrigste Tätigkeit in Anspruch nehme. Es handelte sich nämlich darum, mit der Hauptarmee schleunigst eine grosse Diversion nach Nordost hinab bis nach Litauen hinein vorzunehmen, auf diesem Wege die bereits heranziehenden Garden aufzuheben und der litauischen Insurrektion Hilfe zu bringen. Die schwierigste Aufgabe war es nun, Diebitsch mit der russischen Hauptarmee, die ihnen jetzt gegenüberstand, zu täuschen und in dem Wahne zu erhalten, er habe noch immer das polnische Haupteer vor sich. Zu diesem letzten Unternehmen sei er, nämlich General Uminski, bestimmt.
Während dieser Auseinandersetzung stand Skrzynecki unbeweglich am Feuer und sah nachdenklich in die Flamme hinein. Als indessen Prondzinski eine augenblickliche Pause machte, wendete sich jener rasch zu den Sprechenden, bestätigte mit wenig Worten das Gesagte und fügte hinzu, General Uminski solle sogleich einen Angriff auf die nächsten feindlichen Posten machen, damit der Abzug der Hauptarmee verdeckt würde. "Halten Sie Diebitsch fortwährend in Atem; wird er die Täuschung zu früh gewahr, so steht alles auf dem Spiele, drängt er nach Warschau hin, so weichen Sie nur Schritt für Schritt."
"Nimmermehr ist er so töricht," fiel Prondzinski ein, "seine Kommunikationslinie aufzugeben, er geht rückwärts über den Bug."
"Nun, wie Gott will. General Uminski, ich mache Sie auf die grösste Wichtigkeit Ihres Postens aufmerksam, möge der Himmel Sie beschützen – jetzt zu Pferde, meine Herren."
Sie verliessen die Hütte, die Hufschläge der Rosse verloren sich nach allen Seiten, es ward einen Augenblick still, das Feuer des kleinen Raumes fiel in Kohlen zusammen, ein leichter Wind flog über die eingeschlossene Fläche und jagte noch ein paar kleine Flämmchen auf. Ein ununterrichteter Zuschauer hätte nicht geahnt, dass eben ein so wichtiger Moment in dem Befreiungskriege der Nation eingetreten sei, ein Moment, dessen Folgen sich jahrelang über Europa verbreiten sollten.
Von allen Seiten wurde bald darauf die Stille durch Flintenschüsse, den Lärm der Trommeln, das Schmettern der Trompeten unterbrochen. Uminski griff die Russen an.
27.
Die Hauptarmee war in schnellen Märschen vor Ostrolenka angekommen, hatte dort die Narew überschritten, war auf der grossen Strasse, die nach Litauen und Petersburg führt, gegen Lomza vorgedrungen und stiess hier auf die Garden. Sie verliessen Hals über Kopf ihr Lager, und die Polen nahmen es in Beschlag. Der Augenblick war da, diese Elite des russischen Heeres zu vernichten. Aus einem Bauernhause sah man einen hohen polnischen Offizier stürzen, er trug den Hut in der Hand, das aufgeregte Gesicht glänzte vor Freude, und er rief hastig nach einem Ulanen, der zu Pferde in der Nähe hielt und ein schönes englisches Ross am Zügel hatte, das dem Offizier anzugehören schien. Dieser setzte schon den Fuss in den Bügel, als das kleine Fenster des Hauses schnell aufgerissen wurde, und ein blasses, von der Sonne leicht gebräuntes Antlitz zum Vorschein kam.
"Prondzinski, Prondzinski!" rief der herausblickende Mann, ein schwarzer Schatten von Besorgnis legte sich auf das Gesicht des reisefertigen Offiziers, zögernd gab er dem Ulanen den Zügel wieder und ging unsicher nach dem Bauernhause.
Skrzynecki – dies war der Herausblickende – schlug das Fenster zu, und als sein Generalquartiermeister eintrat, fand er ihn heftig im Zimmer auf und ab gehend.
"Es ist ein unnützes Blutvergiessen, Prondzinski, der Angriff auf die Garden; wir müssen erst Nachrichten über die russische Hauptarmee haben, warten Sie noch mit den Befehlen" –
"Um Gottes willen, General, solch eine günstige Stunde kommt nicht wieder, die Garden sind verloren, wenn wir sie angreifen; sie sind gerettet, sobald wir ihnen Zeit lassen, die Brücken und Dämme bei Tycoczin zu passieren, sie vereinigen sich dann gefahrlos mit Diebitsch, sobald dieser über den Bug geht, ich beschwöre Sie, General, lassen Sie uns angreifen."
Skrzynecki, stand vor einem grossen, plumpen Tische aus Fichtenholz; Karten, Pläne, Journale waren darauf ausgebreitet, und er sah scheinbar nachdenkend, oder wie man am Ende bei solchen Augenblikken gewöhnlich ist, gedankenlos auf die Papiere.
Er hatte die arme übereinandergeschlagen, und als Prondzinski immer heftiger drängte, machte er eine leichte, abwehrende Bewegung mit der Hand und schritt im Zimmer auf und ab. Seine breitschulterige und doch schlanke, hohe Gestalt schien kaum Platz zu finden in der niedrigen stube, sein gang hatte jenes Wiegende, das nachdenklichen Menschen oft eigen zu sein pflegt; die Schwere des Körpers senkte sich bei den langen Schritten