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Hasse gegen die Moskowiter.

Eines Tages hatte mich die Fährte des Wildes weiter als gewöhnlich in die Wälder gelockt, ich verirrte mich zwischen den Sümpfen des dunklen Buchenwaldes und entkam mit Mühe und Not auf eine Lichtung festen Bodens. Es war wohlgepflegtes Ackerland, und nach sorgfältigem Umherblicken entdeckte ich in der Dämmerung das Häuschen dessen, dem wahrscheinlich diese Besitzung gehören musste.

Der Herr des Häuschens war nicht daheim, seine Tochter empfing mich, wies mich zurecht, und ich kam bei einbrechender Nacht, mit gesundem leib nach haus. Aber schon den andern Tag verirrte ich mich wieder nach jener Gegend, Ludmilla hatte mir den Weg so vortrefflich gezeigt, dass ich keinen andern mehr finden konnte, als den zu ihres Vaters Häuschen. Dieser Vater war ein sogenannter Slachtcziz, das heisst, er gehörte zu dem niedrigen, herabgekommenen Adel, der oft nichts weiter besitzt als ein Paar tüchtige arme und ein Paar muskulöse Schenkel, um ein Pferd zu bändigen, das noch keinen Reiter getragen. Ludmillas Vater hatte noch ein Paar Stück Ackerland gerettet, die auf den offenen Plätzen des Forstes in der Nähe seines Häuschens lagen. Er sagte lange Zeit nichts zu meinen Besuchen, als er aber gewahrte, dass meine Neigung zu Ludmillen immer heftiger und leidenschaftlicher wurde, da trat er mir eines Tages in den Weg, als ich eben wieder auf seine wohnung zuritt, und sprach: 'Du liebst mein Kind, du bist jung und reich, mein Mädchen sieht hier wenig solche Bursche, auch wenn ich sie einmal zur Kirche fahre, sie wird deiner Neigung schwerlich entgegen sein. Wenn du sie heiraten willst, so wird dir dein Vater die tür weisen, willst du bloss deinen Scherz mit ihr treiben, so trifft dich am hellen Mittage die Kugel meiner Büchsewas willst du in meinem haus?'

Ich hatte Ludmillas Liebe gewonnen, unter der hohen, breitästigen Rüster neben ihrem haus hatte ich sie zum ersten Male den Tag vor dieser Anrede geküsst, die Sonnenstrahlen waren durch die dunkeln Blätter geschlüpft bis auf unsere Häupter, und wir hatten uns im stillen wald miteinander verlobt, ich liebte, dass mich das Herz schmerzte vor glücklicher Regung. Deshalb antwortete ich dem Vater, dass ich seine Tochter heiraten würde, mein Vater möge sagen, was er wolle.

Als wir zu seiner wohnung kamen, stürzte uns Ludmilla entgegen, das schöne braune Haar flatterte aufgelöst um ihre Schultern, die roten Wangen waren bleich, die grösste Bestürzung sprach aus allen Zügen und Bewegungen. Wir erfuhren, dass der russische Steuerbeamte aus Berdiczow dagewesen sei und sich aufs unanständigste und zudringlichste gegen sie betragen habe. In der nächsten Woche wolle er wiederkommen, und wenn die rückständige Steuer nicht bezahlt würde, so könnt's was Neues geben.

Ich teilte dem Alten an Barschaft mit, was ich besass, tröstete das Mädchen, das sich ängstlich an mich schmiegte, und ritt unter dem festen Vorsatz nach haus, meinen Vater zu unterrichten und seine Einwilligung zu erbitten. Er war denselben Abend bei guter Laune, der Ungarwein schmeckte ihm, und er hörte mit unverhehltem Vergnügen meine Schilderung Ludmillens und ihrer Liebenswürdigkeit. 'Gib sie mir zum weib', sagte ich, ermutigt durch seine Heiterkeit, 'ich liebe sie über alles.'

'Du bist nicht gescheit, Kasimir,' sagte er laut lachend, 'amüsier dich, soviel du willst, aber mit dem Heiraten bleib mir vom leib.'

Meine Erwiderung ward durch einen ankommenden Boten unterbrochen, der uns die erste Nachricht von den Unruhen brachte, die in Warschau ausgebrochen waren. Ich musste sogleich zu Pferde steigen und die Nachricht den nächsten Gutsbesitzern mitteilen, sie auffordern, alles bereit zu halten, wenn Volhynien vielleicht ebenfalls losbrechen könnte. Darüber vergingen zwei Tage, erst am dritten konnte' ich mein Mädchen wieder aufsuchen.

Es war gegen Abend, als ich in die Nähe ihres Häuschens kam, laut schallte meine stimme wieder im winterlichen Forste, denn ich kündigte mich immer durch ein altes Liebeslied an, das sie vor allen gern hören mochte. Aber sie erschien nicht an der Tür, wie sie zu tun pflegte. Hastig und besorgt sprang ich vom Pferde und warf den Zaum über einen Pflock unweit der Haustür. Diese stand offen, die Tür des Zimmers ebenfalls, alles war leer, die ärmlichen Hausgeräte lagen zerbrochen durcheinander, mir ahnte das Entsetzliche. In Todesangst rief ich, durchsuchte ich alle Winkel, nirgends eine Antwort, nirgends ein Lebenszeichen. Auch der kleine Pferdestall war leer, trostlos stand ich vor dem haus, und obwohl ich alle Hoffnung aufgegeben hatte, schrie ich Ludmillens Namen voll Verzweiflung in den Wald hinein. Schauerlich klang er von den Bäumen nach allen Seiten wieder, der Abend war hereingebrochen, ich bemerkte, dass sich mein Pferd losgerissen hatte, aber ich weiss heute noch nicht, wie diese Bemerkung nur in mir entstehen konnte, denn meine Augen und meine Seele waren nur von der Leere erfüllt, von der trostlosen Öde, die mich umgab.

Ein Geräusch weckte mich, es war ein junger, etwas blödsinniger Bauer aus dem nächsten dorf, der eine grosse Zuneigung für Ludmillen hatte und in jeder Woche einige Male abends nach beendigtem Tagewerke herüberkam, um irgend eine Botschaft für das Mädchen zu übernehmen, oder die gröbsten Wirtschaftsarbeiten für sie zu verrichten. Er gab mir Auskunft.

'Ich hab' auf dich gewartet, Herr', sagte er, als ich ihn stürmisch um Nachrichten anging, 'gestern schon und heute wieder